Medal of Honor: Warfighter Test – Ein Spiel wie abgestandene Cola

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Call of Duty oder Battlefield? Kaum eine Kaufentscheidung hat die Branche in den vergangenen fünf Jahren mehr geprägt. Sie ist zur Pepsi oder Coke-Frage geworden. Inhaltlich nähern sich die teuer umworbenen Militär-Shooter immer mehr an. Dabei sind es persönlichen Vorlieben, die über die Wahl entscheiden. Der Geschmack des Käufers ist ausschlaggebend, denn die Statistiken zeigen: Nur wenige Spieler kaufen sich tatsächlich beide Titel. Ein hart umkämpfter Markt also auf dem EA nun auch noch die „Medal of Honor“-Marke mit aller Macht platzieren möchte. Doch anstatt sich mit eigenen Ideen vom etablierten Standard abzusetzen, haben sich die Danger Close Studios für einen beschämend uninspirierten Abklatsch entschieden. „Warfighter“ ist keine Bionade – „Warfighter“ ist eine austauschbare Discounter-Cola geworden.

Das ist traurig, denn der Shooter schmeckt gar nicht mal so schlecht. Nach dem Genuss der kurzen Singleplayer-Kampagne bleibt nur eben ein überaus fader und abgestandener Nachgeschmack zurück. Man kennt das alles. Meist sogar sehr viel besser.

In dem gewohnt eklektischen Erzählstil werden wir in die „Terrornester“ dieser Welt geschickt. Afghanistan, der Jemen, Dubai, Philippinen und so weiter. Eine klare Aufgabe fehlt dabei ebenso, wie der Blick für das große Ganze. Unerklärte Rückblenden, kontextfreie Momentaufnahmen und mehrere, vollkommen austauschbare Spieler-Charaktere verhindern die Identifikation mit dem, was sich da auf dem Bildschirm abspielt. Der Versuch, die psychologischen Auswirkungen der Kriegseinsätze auf die Spezialeinheit zu thematisieren ist ehrenhaft, aber – weil später einfach wieder fallengelassen – komplett gescheitert. „Medal of Honor: Warfighter“, das sind Bruchstücke: Anschlag, irgendwas mit PETN, al-Kalifa, nächster Einsatz Sarajewo...go, go, go.

Medal of Honor – Warfighter: Hübsch verpackte Langeweile

Was von diesen Schauplätzen bleibt, ist eine vage Erinnerung daran, dass sie irgendwie schön aussahen. Die Frostbite 2-Engine ist der stärkste Verbündete der Danger Close Studios. Auf der von uns gespielten Xbox 360-Version braucht sich „Warfighter“ nicht vor dem großen „Battlefield“-Bruder zu verstecken. Tolle Lichteffekte, von Einschüssen zerberstende Betonpfeiler und das Wummern des Kriegsgeräts sorgen für einen brachial sinnlichen Gesamteindruck.

Schade nur, dass das Gameplay von „Medal of Honor: Warfighter“ so gar nichts mit dieser hübschen Verpackung anzufangen weiß. Man rennt durch den Level-Schlauch, jemand schreit „Feindkotakt“, man sucht Deckung, erledigt die aktuelle Gegnergruppe und weiter geht´s. Die KI der bösen Buben ist dabei alles andere als fordernd und das gibt „Warfighter“ jenen zähen Schießbuden-Charakter, der sich oftmals in schwer erträglicher Langeweile niederschlägt.

Missions-Design und Inszenierung von „Medal of Honor: Warfighter“ sind hingegen kaum mehr als ein mittelmäßiger Versuch, die letzten „Call of Dutys“ zu kopieren. Einstürzende Häuserfassenden, Minigun-Passagen, Schlauchbootfahrten – wie gesagt, es wird nur kopiert.

Zudem will das kindische Spektakeln eines „Modern Warfare 3“ ja auch gelernt sein. An die Dramatik des Originals kommt Danger Close einfach nicht heran. So enden vielen Missionen in der Beliebigkeit und man wird ohne großen Tusch entlassen. Selbst gute Ansätze, wie zum Beispiel die Per Pedes-Verfolgung eines flüchtigen Waffenhändlers durch ein jemenitisches Dorf, werden durch miese Dramaturgie wieder verschenkt.

Danger Close kann dem Genre des Militär-Shooters letztlich genau zwei neue Aspekte abgewinnen. Da wären zum einen die bemerkenswerten Renn-Passagen, an denen EAs „Need for Speed“-Expertise eine Mitschuld trägt.

Die viel zu langen Einlagen sind zwar so anspruchsvoll wie eine Racer-App auf dem Smartphone, lassen dafür aber so etwas wie Spannung aufkommen. Insbesondere eine kurze Schleichfahrt durch Dubai – man muss sich auf markierten Parkplätzen vor Feinden verstecken – sorgt für einigen Nervenkitzel. Mit dem Rest des Spiels hat das aufgrund des schwachen Storytellings allerdings nur wenig zu tun und so bleiben die Auto-Einlagen doch nur merkwürdige Fremdkörper.

Die zweite Neuerung ist da schon etwas gehaltvoller. Mit einem einfachen Tastendruck können wir uns in „Medal of Honor: Warfighter“ nun aus der Deckung heraus lehnen. Das spielt sich überraschend intuitiv und hat gute Chancen, sich als sinnvoller Standard in anderen, besseren Shootern zu etablieren. Über die Nummer mit den Türeintreten-Upgrades wird man im Hause Danger Close in ein paar Jahren aber wohl eher den Mantel des Schweigens legen. Wer auch immer diese spielerische vollkommen sinnlose Idee hatte, es war sicher viel Schnaps im Spiel.

Der Multiplayer: Im Westen nichts neues

Apropos Schnaps: Der mittlerweile ausführlich gespielte Multiplayer-Modus von „Medal of Honor: Warfighter“ ließe sich mit ein paar Promille im Blut sicher etwas besser spielen. Besonders viel Spaß kommt hier nämlich nicht auf. Der Hauptgrund dafür ist in den Karten zu sehen. Die sind nämlich einfach nicht so gut wie bei der Konkurrenz.

Die Maps sind klein, flach und eng. Anstatt durch diese Struktur die Schnelligkeit der Gefechte zu befördern (siehe die letzten „Call of Duty“-Teile), hat man in „Warfighter“ stets das Gefühl, für seine Aktionen zu wenig Platz und zu wenige, taktische Optionen zu haben. Die Maps von „Medal of Honor: Warfighter“ sehen trotz Frostbite 2-Engine zudem bei Weitem nicht so gut aus wie in „Battlefield 3“. In punkto neue Spiel-Modi haben sich die Entwickler ausschließlich an Variationen der bekannten Genrekost versucht und hier darf lediglich der Modus „Homerun“ als überschaubarer Erfolg herausgestellt werden. Ansonsten hat man sich schamlos bei der Konkurrenz bedient und dort populäre Modi wie Hauptquartier oder Rush schlechter umgesetzt als im Original. Das ist eindeutig zu wenig.

Fazit:

Mal ehrlich: Wer braucht schon einen weiteren Militär-Shooter? Nun, ich könnte so etwas sehr gut gebrauchen! Die Zeit ist nämlich überreif für eine frische Marke, die sich clever zwischen „Call of Duty“ und „Battlefield“ positioniert. Wir brauchen ein neues Zuhause für die zunehmende Zahl der Gelangweilten. Wir brauchen ein packendes Militär-Abenteuer, dessen aufwühlende Geschichte mit Klischees bricht und dennoch zu unterhalten weiß. Wir brauchen einen Mehrspieler-Titel, der außerhalb der immer enger werdenden Modus-Box denkt. Wir brauchen ein Spiel, das spektakulär innovativ ist und uns vor weiteren fünf Jahren Coke oder Pepsi bewahrt.

„Medal of Honor: Warfighter“ ist nicht dieses Spiel. Es ist das genaue Gegenteil. Es ist eine handwerklich sauber zusammengeklaubte Liste von allem, was einem in den ersten 10 Sekunden beim Wort „Militär-Shooter“ einfällt. Kein schlechtes Spiel, aber ein unfreiwilliges Mahnmal für alles was gerade im Genre schiefläuft. „Medal of Honor: Warfighter“ muss man nicht spielen, es ist das das egalste Spiel des Jahres.

Wertung: 76% 

 

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