Die Überflüssigen: Warum ich letzte Woche 40 Spiele weggeworfen habe

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Am Wochenende bin ich umgezogen. Dem eigentlichen Umzug ging eine langwierige Vorbereitungsphase voraus. Hier 45 Kartons aus dem Baumarkt, dort mein gesamter Hausstand. Um das körperlich und geistige Wohlsein meiner Umzugshelfer nicht zu gefährden, nahm ich mir vor, bis zum Stichtag radikal auszusortieren. Der Plan lautete: Was in den letzten zwei Jahren nicht benutzt, getragen oder verliehen wurde, wandert kompromisslos in die Mülltonne – diesem Schicksal hatten sich all meine Besitztümer zu fügen.

Die Überflüssigen: Warum ich letzte Woche 40 Spiele weggeworfen habe

Das ambitionierte Unterfangen begann vielversprechend. Löchrige Socken, peinliche Poster, gestrige Hardware und eine Unzahl von ausgelesenen Magazinen verbanden sich zu einem Tornado aus Altlasten, der ohne gefühlige Abschiedsworte gen Recyclinghof wirbelte. Selbst vor meinem CD-Regal und dem längst vergessenen VHS-Archiv unter meinem Bett machte mein Wegwerfwahn nicht Halt. Dann stand ich plötzlich vor meiner Spielesammlung.

Eines vorweg: Ich mag meinen Kram. Ich mag meine Plattensammlung, ich stecke meine Comic-Hefte nach Serien geordnet in Plastiktaschen und ich horte grundsätzlich alles, was schöne Erinnerungen birgt. Deshalb überraschten mich die Entscheidungen, die ich in den folgenden Minuten treffen sollte umso mehr.

Als erstes zog ich die braun-beige Klapppackung von „The Elder Scrolls III: Morrowind“ aus dem Regal. Über ein Jahrzehnt hatte das Epos in dieser Lücke auf mich gewartet. Kein einziges Mal hatte ich Hand an das arme Ding gelegt. Zwar hatte ich Vvardenfell mehrmals mittels meiner digitalen GotY-Version einen Besuch erstattet, mein Interesse am materiellen Original war jedoch vor langer Zeit einen einsamen Tod gestorben. Also weg damit. Als „Morrowind“ auf das grausame Nichts eines blauen Müllsacks zuflog, schienen 3000 empörte Daedra-Fürsten »Waaaaaaarum?« zu schreien.

Ich richtete ohne Gnade

Unbeirrt griff ich wieder ins Regal und hielt nun „Star Wars: Jedi Knight“ in der Hand. Der Moment, als ich mit Kyle Katarn aus dem Luftschacht sprang und die gesamte Brücke eines Sternenzerstörers mit meinem Lichtschwert niedermähte, erschien plötzlich vor meinem geistigen Auge. Die Packung war an zwei Stellen stark beschädigt, ein mysteriöser Fleck aus Kaffee und etwas Unbestimmbaren entstellte das Logo des Spiels. Die Zeit des „Jedi Knight“ war vorbei – ich richtete ihn ohne Gnade. Katarn sollte das tragische Schicksal des Boba Fett teilen und würde die nächsten Jahrzehnte langsam im säurehaltigen Enddarm der Sarlac-Tüte verdaut werden.

So ging es weiter. „Age of Empires III“, „Total War: Medieval“, „Thief II: The Metal Age“, „Tomb Raider II“, „Max Payne“, “Doom 3“, “Unreal“, “Hexen II“, “Dark Messiah“, “The Lord of the Rings: The Battle for Middle-Earth” – immer mehr überflüssig gewordene Spiele segneten das Zeitliche. Es war grausam. Doch mein Entschluss war gefasst. Selbst als ich zu Valves „Orange Box“ griff zögerte ich keine Sekunde. Auf viele dieser Spiele hatte ich mich monatelang gefreut. Oft hatte ich sie nach dem Kauf mit einem breiten Grinsen auf den Lippen nach Hause getragen und jedes Detail während der Installation akribisch studiert. Und dennoch – die Leichtigkeit mit der ich Datenträger, Handbücher und Hüllen ins Unrat-Jenseits zu schicken vermochte, überraschte mich.

Gab es kein digitales Pendant oder hatte ich es mit einem vergriffenen Klassiker zu tun, zeigte ich natürlich erbarmen und legte das gute Stück behutsam zu den Konsolen-Titeln. Auf dieser Arche Noah tummelten sich vor allem alte PlayStation- und Xbox-Spiele. Das SNES und mein Sega Mega Drive hatte ich wie zuvor auch einen Atari 2600 und einen C64 in einem Anflug von fehlender Weitsicht verkauft oder verschenkt.

In zwanzig Minuten war alles vorbei

Nach weniger als zwanzig Minuten war alles vorbei. Die Überlebenden des Kahlschlags ruhten erleichtert in ihren Kartons, während ich den blauen Müllsack wie ein sadistischer Scharfrichter langsam hinter mir herzog. Mehr als 40 Spiele fanden an diesem verregneten Tag im Juni den Tod. Ein paar von ihnen wurden vor meiner Haustür ausgesetzt, damit sich spieleinteressierte Passanten ihrer ermächtigen konnten.

Gestern nun, begann ich mit dem Auspacken. In der neuen Wohnung gibt es für meine popkulturellen Umtriebe ein eigenes „Medien-Zimmer“. Ich habe dort sehr viel Platz. Mehr Platz tatsächlich, als meine Spiele-Sammlung jemals zuvor zur Verfügung hatte. Auch für die von mir zum Abfall degradierten Überflüssigen hätte es sicher ein Plätzchen gegeben. Und so erstattet mir der Zweifel beim Einräumen dann doch noch einen Besuch. Hatte ich einen Fehler gemacht?

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