Need for Speed Most Wanted Test: Der gezähmte Stier

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“Burnout Paradise” ist knapp fünf Jahre nach Release immer noch einer der schönsten, spektakulärsten und spannendsten Arcade-Racer der letzten zehn Jahre. Mit einem bis heute unerreichten Schadensmodell war das Spiel darauf ausgelegt, seine Gegner möglichst spektakulär aus dem Weg zu rammen und coole Stunts durchzuführen. „Need for Speed: Most Wanted“ könnte auch „Burnout Paradise 2“ heißen, so ähnlich ist es dem Rennspiel aus dem Jahre 2008. Deshalb ist es umso verwunderlicher, dass „Most Wanted“ in allen Belangen ein großer Schritt zurück und das bisher schlechteste Rennspiel von Criterion ist.

„Need for Speed: Most Wanted“ leiht sein grundsätzliches Spielkonzept vom 2005 erschienen Vorgänger. Zehn Autos beanspruchen die Most Wanted-Liste für sich, ihr wollt Platz 1 erreichen. Eine Story – wie es sie noch im Original gab – spart sich Criterion komplett, es gibt keinerlei Zwischensequenzen oder Charaktere.

Das Spiel leidet an vielen Problemen, doch das größte findet sich bereits in der grundlegenden Struktur des Spiels. Es gibt keine klassische Kampagne, in der ihr nach und nach neue Rennen und Herausforderungen freischaltet, immer bessere Autos bekommt und so die Rangliste nach oben klettert. In „NFS: Most Wanted“ dagegen hat jedes der gerade mal 61 Autos („Forza Horizon“ etwa bietet ungefähr drei Mal so viele) fünf Events zu erledigen.

Diese Events reichen von klassischen Rennen  zu Verfolgungsjagden mit den Cops bis hin zu der Herausforderung, bei einer vorgegebenen Strecke eine bestimmte Durchschnittsgeschwindigkeit zu erreichen. Für jedes gewonnene Event gibt's Upgrades, mit denen ihr das entsprechende Auto verbessern könnt – dann verstärkt ihr etwa das Chassis oder tauscht das Getriebe aus. Die Unterschiede beschränken sich meist darauf, dass das Auto entweder schneller oder langsamer wird – Komplexität sollte man also nicht erwarten. Optisches Tuning gibt es nicht, selbst die Farbe des Autos wird zufällig ausgewählt.

Für jedes gewonnene Rennen gibt es außerdem 12.000 Speed-Points. Mit den Punkten schaltet ihr das nächste Most Wanted-Rennen frei und steigt so in der Rangliste auf. Das große Problem an diesem System ist, dass euch das Spiel jegliches Gefühl dafür nimmt, etwas zu erreichen. Nach fünf Rennen müsst ihr gezwungenermaßen zu einem anderen Auto wechseln, um in der Rangliste weiter aufzusteigen, völlig egal, ob euch das Auto gerade gefällt oder nicht. Nicht nur das: Mit jedem neuen Auto müsst ihr euch die gleichen Upgrades wieder verdienen. Teil davon ist auch die Möglichkeit, mit der Nitro-Leiste ordentlich Gas zu geben. Zusätzlich dazu verdient ihr euch eure neuen Autos nicht etwa, sondern findet sie schlicht und einfach am Straßenrand.

Das führt zu der absurden Situation, dass ich in der einen Sekunde mit einem Mercedes SL 65 inklusive Upgrades und Nitro durch die Stadt rase und wenige Minuten später in einem Ford Focus ohne den Speed-Boost durch die Gegend schleiche. Dieser Vorgang wiederholt sich alle paar Minuten und hat mir das Gefühl gegeben, dass ich selbst nach acht Stunden Spielzeit und Erreichen des ersten Platzes der Most Wanted-List noch genauso da stehe, wie zu Beginn des Spiels.

Nachdem ich einige Autos ausprobiert habe, begann ich sogar damit, explizit nach langsameren Autos zu suchen und mit ihnen die Events zu bestreiten. Die Stadt Fairhaven besteht nämlich im Gegensatz zu der offenen Welt von „Burnout Paradise“, „Forza Horizon“ oder auch dem ebenfalls von Criterion entwickeltten „Need for Speed: Hot Pursuit“ hauptsächlich aus schmalen Straßen und engen Kurven. Mit einem Bugatti Veyron Supersport durch diese Umgebung zu fahren, wäre sowieso schon eine Herausforderung  – Criterion gibt sich jedoch ganz besonders viel Mühe, diese Erfahrung möglichst frustrierend werden zu lassen. Die Crash-Cam aus „Burnout Paradise“ ist nämlich ebenfalls zurück und sorgt dafür, dass jedem Unfall eine etwa fünf-sekündige Zeitlupe folgt, die zeigt, wie euer Auto durch die Gegend fliegt. Es gibt zwei große Probleme mit diesem Feature:

Erstens explodieren die schnelleren Autos nach nahezu jeder Berührung mit einem anderen Fahrzeug oder einem sonstigen Hindernis, egal ob mit 50 oder 250 Km/h. Dadurch wird es unfassbar frustrierend, die Straßen von Fairhaven zu manövrieren  – insbesondere wegen des immensen Verkehr-Aufkommens.

Das zweite Problem sind die Lizenzen. Wie von „Need for Speed“ gewohnt, rast ihr mit echten Wagen durch die Gegend. Leider erlauben die Hersteller jedoch nicht, dass man ihre Wagen mutwillig zerstört. Das Ergebnis: „Need for Speed: Most Wanted“ ist nichts anderes, als „Burnout Paradise“ ohne Schadensmodell. Die nicht zu unterbrechenden, ständig auftretenden Zeitlupen zeigen also – nichts. Wenn ihr Glück habt, fliegt das Auto mal ein wenig durch die Gegend, mehr als ein paar Beulen in der Karosserie oder eine zersprungene Windschutzscheibe gibt's jedoch nicht. Ein Spiel wie „Forza Horizon“ kann sich das leisten, weil es sich auf das Fahrverhalten konzentriert und der Gegenverkehr bei Berührung einfach aus dem Weg gefegt wird, damit er nicht zu sehr stört. Entwickelt man allerdings ein Spiel, bei dem es essentiell ist, coole Stunts durchzuführen, Cops auszuschalten und seine Gegner in die nächste Wand zu drücken, ist ein fehlendes Schadensmodell ein Deal-Breaker.

Sämtliche Trailer, Werbespots und Interviews von EA scheinen sich auf das Autlog 2.0 zu konzentrieren, das die komplette Welt der Rennspiele revolutionieren will. Die simple Prämisse: Alles was ihr tut, wird vom EA-Server gespeichert und in Bestenlisten mit euren Freunden verglichen. Egal, ob ihr durch eine Geschwindigkeitskontrolle fahrt, einer Verfolgungsjagd entkommt, durch eine Werbetafel springt oder ein simples Rennen bestreitet – die nächste Bestenliste ist nicht weit. Richtig eingesetzt, steigt dadurch die Motivation, seine Freunde schlagen zu wollen.

In „Most Wanted“ werdet ihr jedoch im Sekundentakt mit einer neuen Liste in eurem Interface bombardiert, während ihr durch die Straßen fegt und versucht, kein Hindernis zu berühren. Oftmals hatte ich gar keine Ahnung, warum ich jetzt eigentlich die nächstbeste Liste ausgelöst habe. Es ist das Rennspiel-Äquivalent zum Mehrspielermodus von „Modern Warfare 2“. Wird man alle fünf Sekunden mit neuen Medaillen, Auszeichnungen und Belobigungen beworfen, verlieren diese irgendwann ihre Bedeutung. Auf diese Weise wollte Criterion wohl auch verhindern, dass man alle fünf Rennen den Wagen wechseln muss: Speed-Points gibt es nämlich nicht nur für das Gewinnen von Rennen, sondern für so ziemlich alles, was ihr in der Spielwelt anstellt. Das Problem ist, dass die Belohnungen in keiner Relation zueinander stehen: Ich kann Freunde in besonderen Herausforderungen besiegen („Drifte 4700 Meter“) und dafür 500 Speed-Points bekommen, für ein paar hundert Punkte auf die Suche nach Werbetafeln gehen oder aber für ein fünf Minuten-Rennen 12.000 Punkte einsacken.

Mit dem ebenfalls aus „Burnout Paradise“ bekannten EasyDrive-Menü könnt ihr jederzeit in den Mehrspielermodus wechseln und dort mit euren Freuden durch Fairhaven düsen. Dort seid ihr nicht darauf beschränkt, einfache Rennen zu absolvieren, sondern könnt euch für besondere Coop-Herausforderungen an einer bestimmten Stelle der Map treffen. Dann müsst ihr etwa übereinander springen, zu besonders schwierig zu erreichenden Plattformen fahren oder sonstige Stunts durchführen. Wer „Burnout Paradise“ gespielt hat, dem wird es bereits aufgefallen sein: Auch der Mehrspielermodus ist 1:1 aus dem fünf Jahre alten Rennspiel übernommen worden – die Verfolgungsjagden mit der Polizei wurde extra für den Multiplayer wieder entfernt. Leider konnte ich all diese Features selbst nicht ausprobieren. Beim anberaumten Mehrspieler-Termin mit Mitarbeitern von EA und anderen Redakteuren gaben die EA-Server ihren Geist auf.

Update: Nach Release des Spiels habe ich auch den Mehrspielermodus spielen können. Dreh- und Angelpunkt sind die sogenannten Speedlists. Einmal einem Spiel beigetreten, ordnet “Most Wanted” 5 zufällig ausgewählte Events zu einer solchen Speedlist. Dazu gehören bereits aus dem Singleplayer bekannte Sprintrennen und besagte “Burnout Paradise”-Challenges. Einen interessanten Kniff packt Criterion in das Spiel, indem es die verschiedenen Events nicht etwa durch einen Ergebnis-Screen voneinander trennt – stattdessen gehen sie direkt ineinander über. So müsst ihr euch von einem Event unmittelbar zum nächsten Treffpunkt begeben – derjenige, der als erster angekommen ist, bekommt ein bisschen Extra-Erfahrung spendiert.

Die grundlegenden Probleme des Spiels – das wegen der schlechten Framerate kaum aufkommende Geschwindigkeitsgefühl, das unberechenbare, schwammige Fahrverhalten, das fehlende Schadensmodell – bleiben jedoch auch hier erhalten. Besonders letzteres wird im Kampf gegen andere Spieler nochmal ungleich nerviger: Wenn acht Leute gegeneinander fahren, ist deren einziges Ziel selbstverständlich, sich möglichst oft von der Strecke zu rammen. Ohne sichtbaren Schaden zu hinterlassen ist das eine frustrierend lahme Angelegenheit. Alles, was “Most Wanted” zu bieten hat, habt ihr so auch schon besser in “Burnout Paradise” gesehen – nur damals eben ohne Bestenlisten.

Das Fahrverhalten ist, wie man es von Criterion gewohnt ist, extrem arcadig und aufs Driften ausgelegt. Das muss grundsätzlich gar nicht schlecht sein und funktionierte in „Burnout Paradise“ und „Need for Speed: Hot Pursuit“ bereits sehr gut. Erneut tritt hier jedoch das Problem auf, dass die engen Straßen Fairhavens mit ihren 90 Grad-Kurven nicht unbedingt darauf ausgelegt sind, möglichst spektakulär durch die Gegend zu driften.

Most Wanted nutzt eine von Criterion selbst entwickelte Engine, die jedoch nicht mit der grafischen Leistung eines „Forza Horizon“ mithalten kann. Die hübsche Grafik profitiert von ausgezeichneten Lichteffekten, leidet jedoch auf der Xbox 360 unter der niedrigen Framerate, die insbesondere in die Knie geht, wenn ihr Staub aufwirbelt oder durch Wasser fahrt. Auf der Playstation 3 scheinen diese Einbrüche nicht aufzutreten.

Fazit

Nach dem großartigen „Forza Horizon“ war ich richtig heiß auf „Need for Speed: Most Wanted“. Criterion hat mich noch nie enttäuscht und so freute ich mich auf unkomplizierte Arcade-Action. Was ich jedoch bekam war ein frustrierendes Rennspiel, das mich allgegenwärtig an sein sehr viel besseres Vorbild „Burnout Paradise“ erinnert. Wenn ihr „Burnout Paradise“ bereits komplett durchgespielt habt, euch „Forza Horizon“ aus irgendeinem Grunde nicht zusagt und ihr unbedingt eine Ladung „Need for Speed“ braucht, kann euch „Most Wanted“ einige Stunden unterhalten – Serienfans sind mit „The Run“ und „Undercover“ deutlich schlechteres gewohnt. Für die hohen Standards von Criterion ist „Most Wanted“ jedoch eine herbe Enttäuschung.,

Wertung: 65%

 

 

 

Weitere Themen: gamescom 2013 – Alle Infos, das Gewinnspiel und wo ihr uns treffen könnt, Electronic Arts


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