Ni No Kuni Test: Zauberhafter Rollenspiel-Geheimtipp

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Wie wenige Pinselstriche es braucht, um den Zuschauer zu verzaubern, ist immer wieder überraschend. Ein kleines Lächeln, eine kurze Bewegung und schon ist sie da – die Magie, die nahezu jeden Studio Ghibli-Kinofilm erfüllt. Vielleicht liegt es am Zeichenstil? Vielleicht an den Animationen? Möglicherweise ist es ja wirklich Zauberei? Was es auch ist – es lässt ein Spiel wie Ni no Kuni zur fantastischen Reise in eine Welt werden, aus der ich am liebsten nicht mehr fliehen möchte.

Dabei dachte ich lange Zeit an ein pures Gimmick: Level 5, die Leute hinter Professor Layton, und das renommierteste aller japanischen Zeichenstudios schließen sich zusammen und kreieren ein Rollenspiel. Klingt nach Marketing-Gag – uuuund ist es irgendwo natürlich auch. Aber einer, der tatsächlich funktioniert. „Ni no Kuni“ ist verdammt hübsch, kann aber weit mehr als nur toll aussehen.

Die Geschichte vom kleinen Oliver, der zusammen mit der Fee Tröpfchen in eine Paralleldimension voller Wunder reist, um seine Mutter zu retten, entführt euch von Beginn an in eine Welt der Magie, die vor allem durch tolle Charakterzeichnung besticht. Storyrelevante Personen sind oft hoffnungslos schrullige Individuen, die in teils urkomischen Dialogen ihren Senf abgeben.

Dass „Ni no Kuni“ zu weiten Teilen immer noch den Traditionen klassischer Japan-RPGs folgt, können das schicke Design und die tolle Spielwelt nicht verbergen. Für Quests läuft man sich auch hier die Hacken wund, nervige Zufallskämpfe gibt es natürlich (auch wenn man die Viecher zumindest halbwegs umgehen kann) und das Kampfsystem entspricht den gängigen Standards.

Da wird in Itemlisten gefummelt, Zaubersprüche werden aus endlosen Tabellen gekramt und Werte verglichen. Kennt man, muss man auch unbedingt mögen. Immerhin weiß „Nin o Kuni“ aber, diesen Umstand zu verschleiern. Level 5 fallen dabei immer wieder Ideen ein, die das 50 Stunden Opus merklich auflockern. Eine 2D-Passage im Magen einer riesigen Göttin. Eine Standup-Comedy-Nummer, die tatsächlich zum Schießen ist. Ein Geschicklichkeitstest.

Da Oliver im Kampf sogenannte Verbündete beschwören kann, die für ihn Kämpfen, gilt es natürlich, sich um diese zu kümmern – womit „Nin o Kuni“ auch noch seine Pokemon-Variante hätte. Ein Craftingssystem gibt es obendrein, Nebenquests bis der Arzt kommt und verborgene Schätze gehören eh zum guten Ton – viel zu tun also. Dass all diese Einzelteile sich zu einem spaßigen Ganzen vermengen, ist schwer vorstellbar, aber harter Fakt.

Selbst nach 20 Stunden bleibt „Ni no Kuni“ fordern, entführt euch in neue, unbekannte Regionen der gigantischen Spielwelt und gräbt immer wieder auch neue Features aus. Selbst nach 8 Stunden bekommen wir noch Tutorial-Tipps angezeigt, weil wir wieder etwas Cooles freigeschaltet haben. Highlights auf dem Weg dahin sind eindeutig die tollen Bosskämpfe und immer wieder die vielen verschrobenen Charaktere, die wir auf dem Weg dahin treffen.

Enttäuscht bin ich lediglich von der Handlung. Ich hatte ein erwachsenes, hintersinniges Epos wie „Prinzessin Mononoke“ erwartet, was ich hingegen bekomme, ist die übliche Rollenspiel-Mär vom kleinen Helden, der die Welt retten muss. Level 5 gestaltet die Handlung ausgesprochen kindgerecht und naiv. Das passt zwar zum Rest des Spiels, aber man wird ja noch träumen dürfen. Von einem Spiel im Mononoke-Stil...hach...

Fazit

In den vergangenen Jahren gab es nicht ein Japano-RPG, das mich fesseln konnte. Sämtliche Vertreter dieser Spezies sind irgendwo in den Neunzigern hängen geblieben und bedienen seither eine Fanbase, die scheinbar keine Veränderungen braucht oder will. „Ni no Kuni“ macht es ähnlich und doch irgendwie anders. Kampfsystem, Spielmechaniken, Dialoge und Questdesign ist Genrestandard. Und doch gibt es weit mehr zu entdecken.

Die Spielwelt ist wunderschön, die Charaktere lebendig und schrullig, die Möglichkeiten manigfaltig und ein ähnlich abwechslungsreiches wie kreatives Rollenspiel gab es schon eine Weile nicht mehr. 40 bis 50 Stunden könnt ihr in dieses Spiel locker investieren und für mich war davon nicht eine langweilig. Und jetzt bitte ab ins Studio und ein Spiel zu „Prinzessin Mononoke“ bauen!

Wertung: 84%


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