NieR - Automata im Test: Eine Ode an die Menschheit

Sandro Kreitlow

Alles, was lebt, muss auch sterben. Das ist der ewige Kreislauf aus Leben und Tod, wie Du ihn kennst. Ist das ein Fluch? Dieser Frage widmet sich Hack’n’Slay-Schmiede Platinum Games (Bayonetta, Metal Gear Rising: Revengeance) mit ihrem neuen Titel NieR: Automata.

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NieR: Automata - "Elegante Zerstörung" Trailer

Das Jahr 11945 ist angebrochen. Es herrscht der 14. Maschinenkrieg. Eine Gruppe fliegender Kampfmaschinen namens YoRHa-Trupp reist zur tristen Erde. Ihr Auftrag: die Zerstörung der Goliath-Klasse – mit allen nötigen Mitteln. Ich fliege die Einheit 2B, dessen Kampfmaschine – anders als die sonstigen schwarzen – heller ist, als die Wolken. Über dem Meer, fast am Ziel angekommen, greifen fremde Flugeinheiten an. Mithilfe von Laserkanonen, mit denen ich sogar während ausweichenden Flugmanövern schieße, schicke ich sie ins Nirvana.

Angekommen in einem verrosteten Industriekomplex präsentiert sich – natürlich mit Dreipunktlandung – ein weiblicher, blonder Androide als Protagonistin des Spiels.

Warum schwebt ein fliegender Pod permanent über die Androiden-Einheit 2B? Warum trägt sie eine Augenbinde? Warum ein offenes, kurzes Kleid? Warum diese Latex-Stiefel mit hohen Absätzen? Und warum schweben gleich zwei Schwerter über ihren Rücken? Egal, keine Zeit zum Nachdenken. Denn 2B wird bereits erwartet, jedoch alles andere als freundlich empfangen.

Die mir gegenüberstehenden Roboter-Eimer erledige ich in klassischer Hack’n’Slay-Manier. Während tausende Perspektivwechsel wieder einmal die Kreativität von Platinum Games bestätigen, werde ich von Gegnerwellen bombardiert. Ich sammle fleißig Items, erkunde diesen menschenleeren Ort, bis mir eine lebendig wirkende Kreissäge keine Zeit zum Atmen lässt. Zum Glück kann ich mich nicht nur mit zwei Schwertern, sondern auch mit Laserschüssen des mich begleitenden Pods wehren – Kreissäge erledigt. Was zur Hölle geht hier vor? Es dauert nicht lange, bis mir der nächste große Kampf bevorsteht. Diesmal sind es gleich zwei überdimensionale Kreissägen, die es auf mich abgesehen haben. Die Hälfte der Lebensenergie konnte ich bereits abziehen, als sich plötzlich mehrere Maschinen zu einer monströsen Riesen-Maschine verwandeln, passend genannt: Goliath.

Kreativität so weit das Auge reicht

Es ist ein höchst unkonventioneller Anfang. Statt Hack’n’Slay erwartet Dich zu Beginn des Spiels ordentliche Shoot’em-Up-, dann Twin-Stick-Shooter-Action, ehe es innerhalb unterschiedlichster Perspektiven direkt in den Kampf gegen allerlei Roboter geht, um bereits den ersten Bosskampf zu bestreiten. Kein erklärender Prolog, kein Tutorial – NieR: Automata wirft Dich sofort ins kalte Wasser. Aber warum funktioniert das so gut?

Bildergalerie Perspektivwechsel in NieR: Automata

Eines vorweg: NieR: Automata spielt im selben Universum, wie sein Vorgänger NieR. Zwar gibt es einige Referenzen, doch als Nicht-Kenner des ersten Teils geht keine Spielfreude am neuen Titel verloren. Vor langer Zeit nahmen Aliens die Erde ein. Statt selbst anzugreifen, schickten sie hochentwickelte Maschinenwesen in den Kampf, um die Menschheit nahezu auszulöschen. Die letzten Reste humanoiden Lebens waren gezwungen, auf dem Mond Zuflucht zu finden.

Der Goliath konnte ohne eine riesige Explosion nicht besiegt werden. Ich dachte, 2B sei gestorben. Doch auf einer orbitalen Raumbasis („Bunker) in Mondnähe wandert 2B durch die futuristischen Räumlichkeiten, um ihren Begleiter des Spiels, einen männlichen Androiden namens 9S, zu treffen. Dieser hat glücklicherweise 2Bs Daten in den Bunker hochgeladen. So kann sie nun mit einem neuen, gleich aussehenden Körper voranschreiten.

Vom Mond aus bauten die restlichen Menschen sogenannte Bunker, wo YoRHa-Streitkräfte in Form von Androiden zur Erde reisen, um einen ewigen Guerillakrieg gegen die mechanischen Feinde zu führen und so die Kontrolle über den Planeten wieder zurückzuholen. 2B und 9S sind zwei dieser YoRHa-Einheiten. Gemeinsam werden die beiden auf Aufklärungsmission zur Erde geschickt, um Kontakte mit Mitgliedern des androiden Widerstands herzustellen. Was folgt, sollte Dir lieber vorenthalten bleiben, denn die Handlung ist nicht nur komplex und interessant, sie steckt auch voller Überraschungen.

Erzählt wird die Geschichte rund um die menschenleere Erde nicht nur in cineastisch inszenierten Zwischensequenzen, sondern auch in Dialogen während des Entdeckens der Spielwelt und während der Kämpfe. Die Atmosphäre jeder Spielszene wird durch den tollen Soundtrack von Keiichi Okabe unterstützt, mal mächtig, mal melancholisch, mal unheimlich. Letzteres trifft auch auf die Spielwelt zu. Das Design der Spielwelt schafft ein Gefühl von Nostalgie. Wenn 2B und 9S in einem überwucherten Gebäude auf eine Rolltreppe stoßen und anmerken, dass Menschen hier vor Jahrtausenden zum Einkaufen gingen, spielen sich Visionen in Deinem Kopf ab.

Die Welt ist atmosphärisch, würde Dich aber noch mehr in den Bann ziehen, wären da nicht einige Frame-Rate-Einbrüche, die einzelne Szenen verlangsamen. Abgesehen von den Charaktermodellen sind die Texturen und Modelle oft grob. Wenn 2B besonders schnell läuft, ploppen in der Ferne Texturen erst verspätet auf. Zwar sind einige Umgebungen der offenen Welt weniger detailliert, dafür bietet sie aber viel Abwechslung:

Bildergalerie Regionen in NieR: Automata

Multiple Enden führen dazu, dass der erste Playthrough nur den größten Teil der Geschichte erzählt, aber nicht alles. Unterschiedlich absolvierte Nebenquests können die Handlung erweitern oder mehr Hintergründe aufdecken, wodurch Du noch mehr in die Welt eintauchen kannst. Diese ist zwar offen, aber nicht allzu groß. Langweilig wird sie trotzdem nicht. Wenn Du keine Nebenquests oder herumirrenden Maschinen erledigst, entdeckst Du Speicherpunkte, die gleichzeitig als Schnellreisepunkte dienen, angelst oder reitest Eber und Elche. Im erneuten Durchlauf des Spiels kann sich abhängig von Deinen Entscheidungen allerdings nicht nur die Erzählung ändern, sondern auch das Gameplay.

Hack’n’Slay trifft auf Rollenspiel

Die Kämpfe gehen – wie von Platinum Games gewohnt – glatt von der Hand. Du fühlst Dich mächtig, aber nicht überlegen, denn das Kampfsystem ist herausfordernd. Zwischen Schlägen mit Metallfäusten, dem schnellen Katana, tiefstechenden Speeren und Breitschwertern wird fließend gewechselt. In klassischer Hack’n’Slay-Art können Attacken aufgeladen und aus der Luft ausgeführt werden. Die sonst immer für Angriffe reservierte R2-Taste dient hier zum Kontern, wird aber ähnlich oft genutzt, um 2B aus gefährlichen Situationen zu bringen. Der Nahkampf ist ebenso wichtig, wie der Kampf aus der Distanz. Die Laserschüsse des Pods richten zwar nur wenig Schaden an, sind aber notwendig gegen den ein oder anderen Gegner. Der Pod hält außerdem ein paar spezielle Features bereit, sogenannte Pod-Programme. So verfügt der Pod je nach Upgrade über einen mächtigen Laserschuss, Speere aus dem Boden oder über einer mächtigen Hammer-Attacke. Die Upgrades werden bei Händlern gekauft, genau wie Waffen, die im Tausch gegen Materialien aufgewertet werden. Zwei Waffenarten können in maximal zwei Sets ausgerüstet werden.

Neben üblichen Items wie Heilmittel können im Shop auch allerlei Plugin-Chips erworben werden, also Gegenstände, die die Hauptkomponente verstärken. Hier kommt der JRPG-Part zum Zug, denn im Konfigurieren der Spielfigur lässt Dir NieR: Automata viele Freiheiten. Du entscheidest, ob Dein Kampf eher offensiv, defensiv oder ausgeglichen sein soll. Die Upgrades sind allerdings begrenzt, sodass Du ständig an Deinem Kampfstil herumexperimentieren kannst. Einstellbar ist beispielsweise auch, ob 2B ein Health-Paket nutzen soll, wenn die Lebensenergie unter 30% fällt. Apropos Lebensenergie: Auch die Anzeigen können manuell ein- und ausgeschalten werden. Wenn Du beispielsweise auf eine Mini-Map verzichtest, hast Du mehr Platz für Kampf-Upgrades.

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NieR: Automata E3 2016 Boss Battle

Zwischen Mensch und Maschine

Als absolutes Highlight stellen sich Bosskämpfe heraus. Die Action ist übersichtlich, obwohl die Bossgegner sich hektisch bewegen, während Millionen von elektischen Kugeln in Deine Richtung fliegen. Die Vielfalt vom Gegnerdesign ist beachtlich. Viele umherwandernde Maschinen sind in ihrer Struktur eher einfach designt, andere Maschinen bleiben Dir definitiv in Erinnerung. So tauchen beispielsweise mechanische Sandwürmer inmitten der Ruinenstadt auf. Bossgegner werden nicht nur durch ihre künstliche Intelligenz charakterisiert, sondern vor allem durch ihr Äußeres.

Übrigens sind nicht alle Maschinen bösartig. So treffen 2B und 9S nicht nur auf ihresgleichen und auf die Spezies Mensch, von denen sie kreiert wurden, sondern auch auf Verbündete in Form von Maschinen. Kurios wird es, wenn Androiden den Maschinen vorwerfen, wie anders sie sind: Ohne Herz, ohne Gefühle. Dabei sind es die YoRHa-Einheiten, die keinerlei Emotionen zeigen dürfen. Es ist bemerkenswert, wie ausdrucksvoll 2B und 9S trotzdem sein können, obwohl ihre Augen mit einem schwarzen Band verdeckt sind. Während der enthusiastische 9S von Beginn an liebenswert ist, wirkt 2B sehr stoisch. Im Verlauf des Spiels gestaltet sie sich immer kontrastreicher: Dünn gekleidet und mit High-Heels an den Füßen lässt sie vermuten, sie sei schwach. Stattdessen ist sie aber eine starke Kämpferin, die sich komplett ihrer Pflicht widmet. Können Androiden auch menschliche Gefühle, wie Liebe empfinden? Was bedeutet es überhaupt, Mensch zu sein? Mit diesen und noch mehr Fragen rund um Automatisierung konfrontiert Dich NieR: Automata in einer emotionalen Achterbahnfahrt voller Philosophie.

NieR: Automata ist nicht nur ein Muss für Hack’n’Slay-Fans. Vielmehr ist es ein philosophisches Werk, das mit Deinen Gefühlen spielt und Dich inspirieren kann. Nahezu alles weiß in Platinums neuem Spiel zu überraschen – die Handlung selbst, wie auch Hintergründe und die Identität so mancher Charaktere. 2B und 9S wachsen ans Herz, obwohl sie Androiden und keine Menschen sind. Und das hat einen guten Grund: Zwar nimmt sich das Spiel selbst ernst, doch hier und da erlebst Du leichte Momente der beiden Protagonisten, die Dir ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Am stärksten ist die Geschichte in NieR: Automata aber in der schieren Poesie, die Dich mit melancholischen Klängen zum Nachdenken anregt.

„Diese Menschen waren schon seltsame Wesen.“ - 9S

NieR: Automata ist ab dem 10. März 2017 für PlayStation 4 erhältlich.

Wertung

9/10
Getestet von Sandro

NieR: Automata hat mir endlich wieder gezeigt, was Videospiele sein können, wenn das Potenzial des Mediums ausgeschöpft wird. Die philosophische Geschichte rund um die Menschheit, Maschinen und Androiden faszinierte mich ebenso wie der Mix aus Hack'n'Slay und JRPG. Arigatou, Platinum Games!

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