Nippon Nation: Psycho-Pass - Der Fluch einer perfekten Welt

Annika Schumann
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Zum Start der zweiten Staffel möchte ich euch einen meiner Lieblingsanimes präsentieren: Psycho-Pass ist ein finsterer Einblick in die Psyche jedes Menschen und scheut nicht davor, diesen mit harter Brutalität zu unterstreichen. Der Anime sagt außerdem eine erschreckende Zukunft voraus, die gar nicht so weit entfernt scheint und den Zuschauer so ab der ersten Sekunde mitreißt. Der Grat zwischen Recht und Unrecht ist manchmal schmal und scheint meist mehr als eine Antwort zuzulassen – jedoch nicht unter den wachsamen Augen eines allsehenden und scheinbar allwissenden Überwachungssystems. Bloße Gedanken und Emotionen können die eigene Exekution bedeuten – zum Preis des allgemeinen Friedens. Eine Frage kommt auf: Ist dies wirklich akzeptabel und gerecht? 

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Psycho Pass Opening 2.mp4

Psycho-Pass zeichnet das Bild einer perfekten Welt, in der es nahezu keine Verbrechen gibt und in der jeder Mensch dem anderen vertraut – denn ein allwissendes Überwachungssystem entlarvt Verbrecher, noch bevor diese Delikte begehen. Doch das ist nicht alles. Das sogenannte Sybil System greift in jeglichen Bereich des Lebens ein und führt so zu einem totalen Überwachungsstaat, der allerdings offen akzeptiert ist. Auf diesem Wege müssen die Menschen nämlich nicht mehr über ihr Leben entscheiden. Das Sybil System sagt ihnen aufgrund der Datenanalyse der Talente und des Psycho-Pass, welcher den Gefahrzustand jedes Individuums darstellt, welcher Lebensweg die Person am glücklichsten machen wird. Wie blinde und dumme Schafe folgen die Bürger dem System und tun brav alles, was es sagt, damit sich der Psycho-Pass nicht trübt – denn sobald dies passiert, wird das Public Safety Bureau und die zugehörigen Agenten der Criminal Investigation Division auf den Plan gerufen. Diese entscheiden mit ihren speziellen Waffen namens Dominator, ob derjenige therapiert, inhaftiert oder ob derjenige schon so weit vom vorgegebenen Plan abgekommen ist, dass dieser auf der Stelle exekutiert wird.
Teil dieses Teams ist Akane Tsunemori, die neben einem weiteren Kollegen die erste Unit des CID leitet. Unterstützt werden die beiden von den sogenannten Enforcern. Diese sind latente Kriminelle, die keine Chance auf eine Reinigung ihres Psycho-Pass besitzen, denen das Sybil System aber dennoch so weit vertraut, dass diese für die Arbeit nach der Jagd nach anderen Verbrechern eingesetzt werden können, damit die Psycho-Pass’ der Inspektoren nicht verunreinigt werden. Gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach vermeintlichen und reelen Verbrechern und müssen nach und nach feststellen, dass ihr ach so perfektes Weltensystem alles andere als fehlerfrei ist.

Auf die Hintergründe der Charaktere kann aus Spoilergründen hier nicht genauer eingegangen werden, doch der präsenteste von ihnen ist Shinya Kogami, den ich genauer beleuchten möchte. Auf den ersten Blick scheint der Enforcer ein unsympathischer Sturkopf zu sein, doch seine zunächst kühle Beziehung zu Akane und ihr absolut reiner Glaube an das ganze System lassen ihn seinen Charakter selbst reflektieren und im Laufe der Serie wird klar, dass Kogami einer der beeindruckendsten und aufrichtigsten Charaktere ist, dem ich in all den vielen Anime-Serien je begegnet bin. Deshalb – und nicht nur äußerlich - erinnerte er mich oft an Ichigo Kurosaki aus Bleach. Immer wieder sah ich in Kogami eine dunkle, etwas zu sehr vom Weg abgekommene Version meines Helden aus der Shinigami-Serie. Sie beide sind stur, sie beide haben ein erklärtes Ziel – dass nicht den Menschen, an denen ihr Herz hängt, etwas zustößt – und sie beide sind sich bis zum absoluten Ende selbst stets komplett treu; sogar, wenn dies bedeutet, allein in den Abgrund zu wandern. Kogami ist ein grandioser Charakter in einer beeindruckenden und gar finsteren Serie.

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Psycho Pass Opening

In den ersten paar Folgen wird trotz bereits starker Gewalt nur im Ansatz deutlich, wie böse und schonungslos Psycho-Pass eigentlich ist. Umso größer und stärker ist der Vorschlaghammer, der den Zuschauer dann nach kurzer Zeit trifft und diesen in einen Sog von Brutalität, Intrigen und abartigen Plänen zieht, der einen von Episode zu Episode peitscht. Ab einem bestimmten Punkt in der Geschichte macht der Anime absolut keinen Spaß mehr - was auch nie der Sinn der Serie war, wie ich dann festgestellt habe. Der Zuschauer erträgt Psycho-Pass ab dann nur noch. Die Brutalität und die psychotischen Züge der Kriminellen nehmen unerträgliche Ausmaße an, sodass einem als Aussenstehender ein furchtbar ohnmächtiges und panisches Gefühl überfällt. Es gab Momente, an denen selbst ich, die sonst jedem Horror-/Psycho-Film den Vorrang vor anderen Genres gibt, schwer schlucken musste und kurz davor war, die Serie abzubrechen ob ihrer beklemmenden und nahezu unerträglichen Handlung. Und das ist genau das, was Psycho-Pass so unglaublich gut macht. Der Anime zeigt eine zerrüttete, unheimliche Version der Zukunft, die vielleicht gar nicht so unabwegig und weit entfernt scheint. Dem Zuschauer wird ständig ein Spiegel vor das Gesicht gehalten und die Frage, wie man selbst in einer bestimmten Situation entschieden hätte, sorgt für die ein oder andere grausame Erkenntnis über die eigenen Charakterzüge.

Doch kommen wir zur Frage des Anfangs zurück. Ist dies wirklich gerecht? Ist es gerecht, dieses System und seine Entscheidungen zu akzeptieren, obwohl dies die Aufgabe allen Menschlichseins bedeutet? Dass so Menschen selbst bei einem offensichtlichen Mord zusehen, untätig bleiben und nicht begreifen, was dort vor sich geht, weil sie an die komplette Richtigkeit aller Entscheidungen von Sibyl glauben? Ist es in Ordnung, seinen eigenen Glauben zum Wohl der Allgemeinheit hintanzustellen und sich selbst zu verleugnen? Ist der Luxus frei von eigenen, wohlmöglich fehlerhaften Entscheidungen zu sein, wirklich besser als der absolut freie Wille?
Psycho-Pass schafft es, dass der Zuschauer sich mit diesen hochgradig elementaren Dingen kritisch auseinandersetzt, indem sich auch die Figuren immer wieder eigenen Interessenskonflikten gegenüberstehen. Doch eine Antwort wird nicht gegeben. Jeder muss selbst entscheiden, wie er reagieren und mit dieser Realität umgehen würde.
Das Ende setzt, meiner Meinung nach, eine Auseinandersetzung mit sich selbst und der Realität, in der wir leben, in Gang, die noch lange über den Abspann hinaus bestehen bleibt – und vielleicht sogar die ein oder andere Lebenseinstellung maßgeblich beeinflusst.

Psycho-Pass hat mich überrollt mit seiner Tiefgründigkeit und den realitätsnahen Verhaltensweisen der Charaktere. Was mich jedoch mehr beeindruckt hat, ist die Tatsache, wie sehr mich die Serie immer noch beschäftigt – denn durch sie wurde ich mir bestimmter Gedanken und Verhaltensweisen noch bewusster als zuvor und denke oft an sie zurück. Ich kann mich an keine Serie erinnern, die mich in meinen Grundfesten so erschüttert und gleichzeitig so begeistert hat, wie Psycho-Pass – besonders aufgrund dessen, dass ich ohne jegliche Erwartungen an die Serie herangetreten bin.
Sie ist nichts für Personen, die leichte Kost für zwischendurch wünschen oder welche, die sich nicht mit tiefenpsychologischen und sozialen Fragen auseinandersetzen wollen. Diejenigen, die einen erwachsenen, perfekt inszenierten und schockierenden Anime suchen, sind bei Psycho-Pass genau richtig und sollten ihn aufmerksam und selbstreflektierend betrachten – denn nur so entfaltet die Serie ihr volles Potenzial und wird auch durch das grandiose zweite Opening zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Psycho-Pass erscheint hierzulande bei Kazé. Die erste Staffel umfasst 22 Episoden á 25 Minuten. Die zweite Staffel ist kürzlich gestartet.

Unter dem Titel “Nippon Nation” werde ich euch von nun an Artikel und Specials rund um das Thema Anime, Manga und Japan präsentieren. 

Psycho Pass Slider

©Production I.G., Dentsu, Nitroplus, Kazé Anime

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