Outlast Test: Konkurrenz für Amnesia?

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EA, Capcom und Co. können mein Verlangen nach gutem Horror schon lange nicht mehr stillen. „Dead Space“ oder „Resident Evil“ haben das Element der Angst längst hinter sich gelassen und verwechseln Survival-Horror mit Actionfest. Ein Hoch auf den Indie-Markt! Das zehnköpfige Entwicklerteam des Indie-Studios Red Barrels weiß noch, wie man Spielern richtig Angst macht – „Outlast“ heißt ihr Erstlingswerk, hier ist unser Test.

Das Szenario ist bekannt: Eine alte Nervenheilanstalt auf einem einsamen Berg mitten im Nirgendwo. Journalist Miles Upshur folgt einem anonymen Brief mit Hinweisen, dass in eben jener Anstalt nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Miles wittert eine Enthüllungsstory, schnappt sich seinen Camcorder und will das Geheimnis des Mount Massive Asylums aufdecken.

Camcorder statt Taschenlampe

Gleich der erste Dämpfer: Die Story von „Outlast“ gehört nicht zu den Höhepunkten der virtuellen Geschichtenerzählung. Viel mehr werden hier zahlreiche, bewährte Klischees bedient – Experimente an den Insassen, ein deutscher Doktor mit impliziertem Nazi-Hintergrund, religiös-fanatische Verrückte – alles bekannt und wenig überraschend. Später kommen zwar noch einige interessante Elemente hinzu, so richtig spannend wird „Outlast“ bis zur wenig befriedigenden Auflösung aber nicht – zumindest nicht auf Story-Ebene.

Das ist schade, weil gerade die erste Spielstunde unheimlich fesselt. Von der Autofahrt durch eine enge Waldstraße bis zum Einbrechen in die Anstalt über ein Gerüst und dem Entdecken der ersten Blutspuren – „Outlast“ baut eine wunderbar dichte Atmosphäre auf und bringt durch fies platzierte Jump-Scares Adrenalin ins Spiel. Wer hat all diese Leichen zu verantworten? Warum sind die Toten teilweise zerstückelt? Was für Experimente wurden hier durchgeführt? Leider sind die Fragen spannender als die Antworten.

Dafür kann „Outlast“ Atmosphäre. Den Großteil des Spiels erblicke ich durch die Linse von Miles Camcorder, was gerade in dunklen Räumen mit dem spärlichen Kameralicht einen Schauer nach dem anderen über meinen Rücken jagt.  Der Nachtsichtfilter taucht das Bild in einen türkis-körnigen Schleier, der das Spiel verdammt realistisch aussehen lässt. Wenn mir dann im Dunkeln jemand begegnet, sehe ich meist zuerst seine angeleuchteten Augen – creepy!

Sehr cool sind auch die Begegnungen mit den verrückten Gestalten der Anstalt. Priester Martin scheint mir etwa helfen zu wollen, sein Motiv bleibt jedoch unklar, außerdem gibt er wirre Predigten von sich. An einer Stelle stehen mir zwei vollkommen nackte Insassen gegenüber und unterhalten sich darüber, wer welches meiner Körperteile entfernen darf. In dem Moment bin ich dankbar für das feste Gitter, das mich von ihnen trennt. Diese Treffen mit den Opfern und Tätern geben “Outlast” trotz der eher schwachen Story viel Charakter.

Weiterhin gefallen mir die eingestreuten Kletterelemente. Miles kann über niedrige Hindernisse springen, sich an manchen Absprüngen hochhangeln und muss auch so manch einen kleinen Abgrund überwinden. Das funktioniert erstaunlich gut, weil „Outlast“ ein gutes Körpergefühl vermittelt. Wenn ich nach unten schaue, dann sehe ich Miles‘ Körper. Lehne ich mich an eine Wand, sehe ich Miles‘ Hände, die sich abstützen – mir fallen wenig Spiele ein, die das in der Egoperspektive vergleichbar gut umsetzen.

Echter Survival-Horror

„Outlast“ bezeichnet sich selbst als „echtes Survival-Horror“. Soll heißen: Ich bin ohne Waffe unterwegs – die ganze Zeit! Wenn ich also einem der mies gelaunten, nach Mutant aussehenden Insassen begegne, ergreife ich die Flucht. Die beste Taktik heißt dabei Verstecken. Ich muss also schleunigst einen Spint oder ein Bett suchen in bzw. unter dem ich mich verkriechen kann. Wenn ich dann durch die kleinen Schlitze des Spints sehe, wie mein Verfolger näher kommt und in den Spint neben mir schaut, scheint Miles virtuelle Ohnmacht nahe.

Von diesen Tricks hat „Outlast“ einige auf Lager, dumm nur, dass sie immer wieder zum Einsatz kommen. Nach dem vierten Spint halte ich es dann nämlich für keinen Zufall mehr, dass meine Peiniger immer am falschen Ort nach mir suchen – die Mechanik ist durchschaut, der Horror geht verloren. Und wo wir schon beim Thema Durchschaubarkeit sind: Das transparente Gamedesign tut der Nachvollziehbarkeit der Spielwelt ebenfalls keinen Gefallen.

Statt mich durch ein glaubwürdig aufgebautes Irrenhaus zu schleusen, setzt mich „Outlast“ immer wieder vor irgendwelche kaputte oder ausgeschaltete Geräte, die ich wieder anwerfen muss. Dazu dreh ich irgendwo an zwei Ventilen, aktiviere zwei Schalter, muss drei Sicherungen finden, zwei Generatoren anschmeißen usw. – oft werde ich bei diesen Aktionen auch noch vom gleichen Typen verfolgt, dessen Auftauchen ich die letzten paar Male punktgenau vorhersehen konnte. Auch hier verliert sich der Horror von „Outlast“.

Auch wenn das Mount Massive Asylum optisch nicht gerade abwechslungsreich ist, bietet es doch ein paar sehr coole Szenarien. Etwa eine Art Kino, über dessen kaputte Leinwand ein kaum identifizierbarer Film läuft. Oder einen Garten, den man aufgrund der Dunkelheit nur bei den Blitzschlägen des Unwetters überhaupt ausmachen kann. „Outlast“ zeigt immer wieder, wie gut es sich mit simplen Mitteln in Szene zu setzen weiß.

Fazit:

Outlast“ ist verdammt gruselig – zumindest in den ersten Spielstunden. Dann sind nämlich Elemente wie die Kamera, das Verstecken vor Verfolgern und die Ansätze der Story noch frisch, neu und spannend. Leider fallen dem Spiel im weiteren Verlauf seiner insgesamt vier Stunden langen Geschichte keine weiteren Kniffe ein, die den Horror aufrechterhalten. Der wird nämlich mit der Zeit sehr vorhersehbar und verliert dadurch seine Wirkung. Die konstant dichte Atmosphäre macht das zwar nur teilweise wieder wett, einen Wochenend-Besuch im Mount Massive Asylum können wir trotzdem bedingt empfehlen.

Unsere Wertungsphilosophie

Wertung

7/10
Getestet von Thomas

1-2 Stunden hervorragender Horror gestreckt auf ein vier Stunden langes Spiel.

Leserwertung
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53 Leser haben Outlast mit durchschnittlich 8 von 10 Punkten bewertet. Und wie gefällt's dir? Gib deine Wertung ab!

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