Pokémon Sonne und Mond im Test: Alles neu und doch wie immer

Kristin Knillmann

Diesen November heißt es endlich wieder: Schnapp sie dir alle! Mit Pokémon Sonne und Mond sind die geliebten Taschenmonster zurück auf den Bildschirmen des Nintendo 3DS – und wollen zum Jubiläum einiges anders machen als früher. Wie gut das funktioniert und ob sich Sonne und Mond lohnt, erfährst Du im Test.

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4 kurze Fakten zu Pokémon Sonne und Mond

Für die Pokémon-Serie ist es das perfekte Jahr, um von der üblichen Formel des Taschenmonster-Fangens auszubrechen und neue Wege zu beschreiten. Schließlich wird die berühmte Videospielreihe im aktuellen Jahr bereits ganze 20 Jahre alt. Jahre, in denen das Grundprinzip tadellos und vor allem sehr erfolgreich funktioniert hat. Aber auch Jahre, in denen ich mir immer gefragt habe, wann The Pokémon Company und Nintendo mit ihrem Hit einen Schritt weitergehen. Während Pokémon GO eine deutliche Antwort auf diese Frage ist, will auch Pokémon Sonne und Mond etwas weniger konventionell werden – von der sommerlichen Alola-Welt über mächtige Z-Attacken bis zum gänzlich neuen Arenasystem. Was davon wie gut funktioniert und ob sich das dann auch wirklich anders anfühlt, kläre ich in den folgenden Unterpunkten zur Story, dem Design, dem Kampf- und Arenasystem und dem ganzen restlichen wissenswerten Kleinkram.

Die Story

Zu behaupten, die Pokémon-Spiele wären für ihre durchdachten und mitreißenden Geschichten bekannt, wäre eine dreiste Flunkerei. Und doch ist es gerade die Geschichte, die mir gleich zu Beginn von Pokémon Sonne und Mond ins Gesicht springt. Noch bevor ich überhaupt ins Spiel einsteige, beobachte ich in einer Cutscene, wie ein Mädchen mit weißem Hut und Sporttasche vor mysteriösen Gestalten wegrennt. Die Szene macht neugierig und somit gleich deutlich: Hier wird in Sachen Geschichte mehr passieren als für die Reihe üblich. Entsprechend dauert es bis zur Wahl der Starter Bauz, Flamiau oder Robball überraschend lange – es muss erst die Inszenierung der Alola-Welt her, bevor die ersten richtigen Pokémon und Kämpfe ins Spiel kommen. Dass das knapp halbstündige Willkommen auf der Insel, welches ein Tutorial fürs Fangen und Kämpfen ersetzt, nicht übersprungen werden kann, ist für Profitrainer blöd, trägt aber immerhin zum besseren Verständnis des Spiels und damit auch seiner Geschichte bei.

Etwas schade ist, dass auch das neue Pokémon-Spiel immer noch an seinem wenig packenden Erzählstil zu knabbern hat. Während die Story diesmal ungeahnte und in den Grundzügen wirklich spannende Dimensionen annimmt, tritt sie über deutlich zu große Zeiträume zugunsten der Kämpfe komplett in den Hintergrund, statt mich am seidenen Faden bei Neugierde zu halten. Dabei sind die zentralen Figuren und Motivationen rund um Professor Kukui tatsächlich schön entworfen. Genug Fläche, mich in Abwechslung zu den anderen Jobs als Pokémon-Trainerin stetig neu in die Geschichte zu ziehen, hätten sie sicher bieten können. Ganz im Gegensatz zu Team Skull, die mit ihren ultracoolen Moves eine zu flache Jugendkultur-Parodie abbilden.

Das Design

Der Wechsel vom klassischen hohen Gras zu einem völlig neuen Insel-Setting steht Pokémon unglaublich gut – und wenn's nur deswegen ist, weil alles einfach mal ein wenig anders aussieht, als Du es gewohnt bist. Die Details in dieser von Hawaii inspirierten Inselwelt sind liebevoll: Einerseits gibt's passende Ukulele-Sounds beim Aufheben von Items, andererseits heben zum jeweiligen Gegner passende Animationen die Atmosphäre des Titels deutlich an. Auch der neue Pokédex namens Rotom ist zuckersüß: Patsche ich ihm versehentlich ins Auge statt auf die Karte, reagiert er darauf. Ganz zu schweigen von der Animation, wenn ich mit einem guten Freund ein Pokémon tausche, die jede Sekunde unserer Antizipation auszukosten weiß. Hier stimmen die kleinen Dinge.

Pokémon Sonne und Mond: Pokédex mit Liste aller Pokémon der 7. Generation

Natürlich weiß die Pokémon Company aber auch bei den großen Dingen in Sachen Design zu überzeugen: Vor allem die teils wirklich seltsamen Entwürfe der Pokémon dieser Ausgabe haben es mir angetan – und letztlich ist es ja auch genau dieses Entdecken der Formen und ihrer Entwicklungen, was diese Spiele so stark und beliebt macht. Sonne und Mond schlägt hier viele Vorgänger, es warten so einige überraschende „Was ist das denn für ein krasses Vieh?“-Momente auf Dich.

Bewegen wir uns weg vom visuellen Design zum Game-Design außerhalb der Kämpfe, dann findest Du die gewohnte Pokémon-Qualität, die mal experimentiert und mal direkt einen Schritt in die richtige Richtung macht. Beispielsweise wurden die Menüführung und der Tausch von Pokémon innerhalb des Teams und der PC-Box sinnvoll angepasst. Und statt VMs und Fahrrad gibt's jetzt das praktische Pokémobil, das via Menü oder Druck auf die D-Pad-Tasten bestimmte Pokémon heraufbeschwört, die schwimmen, fliegen, Items aufspüren oder Dinge kaputthauen und somit Wege freilegen können. Nicht ganz so gut gelungen wie diese Änderung ist das Pflegesystem, das nach den meisten Kämpfen dazu aufruft, das eingesetzte Pokémon beispielsweise zu heilen, zu kämmen oder zu föhnen. Ja klar, das ist irgendwie niedlich, wenn sich die Racker freuen, und so ein bisschen springt mir das Herz dann schon aus der Brust. Letztlich empfand ich in meiner Spielzeit aber nur die darüber mögliche Heilung von Statusproblemen für meine Pokémon wirklich sinnvoll. Über die Pflege Nähe zu meinen Pokémon aufzubauen, damit sie in einem späteren Kampf zum Beispiel einen fatalen Schlag überstehen, ist die Mühe und Zeit, die in diese Option gesteckt werden muss, nicht wert.

Das Kampfsystem

Pokémon vs. Pokémon: Was wir seit Jahren lieben, funktioniert auch in Pokémon Sonne und Mond noch so klassisch und zeitlos wie immer. Dennoch wurde das System für diese Ausgabe an allen Ecken und Enden sinnvoll gepimpt: Beispielsweise ist das Werfen von Pokébällen über Shortcuts nun wesentlich angenehmer geworden, und kleine Pixel-Versionen der im Kampf antretenden Monster zeigen auf dem unteren Display ganz komfortabel Veränderungen der Statuswerte (wie Initiative, Spezial-Angriff, etc.) an. Das bringt Transparenz und damit ein besseres Verständnis des Kampfsystems und den Auswirkungen der Fähigkeiten, was besonders für Einsteiger hilfreich ist.

Die freuen sich auch über die Sichtbarkeit der Effektivität einer Attacke: Statt den üblichen Spickzetteln über die Reaktion von einem Elementen-Typ auf einen anderen Typ, steht nun – zumindest ab dem zweiten Angriff auf diese Pokémon-Art – direkt neben der Attacke, wie stark sie wirkt. Wer das auswendig weiß und gern den Hirnschmalz trainiert, wird sich leider über die fehlende Möglichkeit eines Schwierigkeitsgrades ärgern müssen. Wer die Pokémon-Games zum unterhaltsamen Zeitvertreib spielt, freut sich darüber mehr als er oder sie zugeben wird.

Hier und da kann das verbesserte Kampfsystem noch kleinere Erfolge und Misserfolge verbuchen: Schön ist, dass wilde Pokémon nun um Hilfe rufen können, wenn sie Dich als zu große Bedrohung empfinden. Kommt ein zweites (immer gleiches) Pokémon dazu, verdienst Du in diesem Kampf natürlich auch mehr Erfahrung – wunderbar zum Leveln der eigenen Pokémon. Ein wildes Pokémon zu fangen wird dadurch übrigens zeitgleich auch etwas schwieriger, schließlich lässt es sich nicht in den Ball befördern, wenn sein bester Kumpel es gleich daneben noch verteidigt. Und der kommt halt immer dann gern um die Ecke, wenn Du Deine gewünschte Beute knapp vor dem Aus hast – hier ist also etwas Strategie gefragt.

Blöd, dass in genau diesen Situationen die Technik einknickt: Kämpfst Du gegen mehr als ein Pokémon, leidet Sonne und Mond leider unter heftigen Framerate-Einbrüchen und Rucklern.

Und wenn wir grad schon beim Thema „blöd“ sind: Ich habe ja gar kein Problem damit, dass das neue Pokémon-Spiel die Arenen abschafft und diese durch die sogenannten Inselprüfungen ersetzt. Mit dem Aufbau des Systems wollen die Entwickler aber zu gewollt mit den Konventionen der Serie brechen, und lassen es so zum Gimmick verkommen. Während damals Spannung aufgebaut wurde, indem Du gegen immer besser werdende Trainer und Arenaleiter eines Elementes gekämpft hast, sind die Kämpfe der Prüfungen entweder zu schnell abgehandelt oder verkommen zu irren Rätselspielen.

In der ersten Inselprüfung kämpfst Du beispielsweise gegen wilde Rattfratz und den „Herrscher“ der Höhle, ein Rattikarl, das von der Aura eines Z-Kristalls umhüllt ist und deswegen über stärkere Attacken verfügt. Was nett und abwechslungsreich anfängt, wird später nur noch albern, wenn Du erst gegen zwei Knogga kämpfen kannst, wenn Du das viel zu simple Rätsel löst, welches von ihnen kurz zuvor falsch getanzt (!) hat. Immerhin wird Deine Geduld mit der ein oder anderen schrägen Szene belohnt – was sehr deutlich dafür spricht, dass Pokémon Sonne und Mond an so einigen Stellen ein paar Schrauben locker sitzen hat.

Übrigens auch gut daran zu erkennen, dass Du nach einem gewonnenen Bereich statt eines Ordens einen Z-Kristall bekommst, der die Attacken Deiner Pokémon des entsprechenden Typs verstärkt und diese im Kampf durch einen hawaiianischen Tanz auslöst.

Wenn ich dieses System so positiv sehe, wie nur möglich, dann bedeutet das, dass es mit den Inselprüfungen, die alle in passenden thematischen Bereichen stattfinden, was Neues zu entdecken gibt. Glücklicherweise sind auch die Fundorte der Taschenmonster darauf abgesteckt, möglichst früh ein möglichst diverses Team zusammenstellen zu können. Das großartige, epische Gefühl, endlich diesen einen Arenaleiter dieses einen Typs besiegt zu haben, geht derweil allerdings flöten. Und der Fokus auf den reinen Kampf zwischen zwei guten Trainern sowieso.

Pokémon: Das ist die definitive Rangliste aller Starter

Und sonst so

Wie für Pokémon üblich, findest Du natürlich neben all den oben beschriebenen Tätigkeiten noch lauter Kleinigkeiten zum Zeitvertreib in Sonne und Mond. Da wäre zum Beispiel das Festival-Plaza, auf dem du Festival-Münzen (FM) sammeln kannst, indem Du Deinen Besuchern Fragen richtig beantwortest. Das ist maximal belanglos, sorgt aber für mehr Buden auf Deinem Plaza und damit für einen schickeren Platz, wenn Dich Freude aus dem Interwebz besuchen kommen, um mit Dir Pokémon zu tauschen. Richtig ausgereift ist dieses Online-System, typisch Nintendo, allerdings nicht: Der liebe Gregor, der den Pokémon-Test für gamona geschrieben hat, konnte mich in seiner Gästeliste für das Plaza kaum finden, obwohl wir vor Release des Spiels noch mit vergleichsweise wenig Leuten im Online-Modus rumturnten. Und das mit den Kämpfen war dann auch nicht ganz so spaßig wie wir gedacht hatten: Gregor war im Spiel weiter als ich und machte meine Taschenmonster mit seinen Rackern auf Level 30 sofort platt. Hier ergibt ein Austausch also womöglich erst später Sinn, wenn Du und Deine Freunde etwa gleich lang gegrindet haben.

Der restliche Zeitvertreib in Sonne und Mond umfasst die Möglichkeit, mit Rotom Fotos von wilden Pokémon zu schießen, um an Facebook-Kommentare erinnerndes Lob von fiktiven Charakteren einzusacken, die wiederum dazu beitragen, dass Rotom Deine Kamera-Ausrüstung stetig verbessert. Und dann wären da noch die Optionen, wieder Kleidung für die Spielfigur zu kaufen, globalen Spektakeln für das Erreichen von Weltrekorden zuzuschauen, mit der Kampfkamera Videos der Fights auf die SD-Karte zu speichern, und und und. Wer unbedingt will, kann in Pokémon Sonne und Mond Stunden mit Dingen zubringen, die irgendwie putzig sind, aber für das Hauptspiel zu wenig Gewicht haben.

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Mein Test-Fazit zu Pokémon Sonne und Mond

Egal, wie sehr sich die Reihe neu erfinden möchte: Am Ende bleibt Pokémon trotz einiger Änderungen und Anpassungen doch „nur“ Pokémon. Für eine konsequente Weiterentwicklung der Serie fehlt es an der nahtlosen, verbesserten Zusammenfassung der einzelnen Spielelemente und wirklich bahnbrechenden Ideen. Das neue Setting ist zwar wunderschön umgesetzt worden, das damit einhergehende veränderte Arenasystem fällt aber trotz seiner kreativen Herangehensweise eher auf die Nase.

Und dennoch beweist Sonne und Mond – wie auch schon die Vorgänger – dass es eigentlich keine wirklichen Neuerungen braucht: Das wichtigste Element des Spiels, nämlich das Fangen der Pokémon und Austragen der Kämpfe, ist absolut zeitlos und funktioniert auch diesmal dank der ausgefallenen Monster-Designs und den frisch eingeführten mächtigen Z-Kristallen hervorragend.


  

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Wertung

8/10
Getestet von Kristin

Liebevolle Monster-Designs und eine detailreiche Welt - für Pokémon-Trainer genau das Richtige, um erneut auf Jagd zu gehen. Allerdings gibt es kaum bahnbrechende Änderungen - abgesehen vom überholten Arena-System, das durchweg zu sehr auf Gimmick denn Spannung setzt.

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