Syndicate Test – Die perfekte Formel

von

Nach ungefähr vier Stunden „Syndicate“ fiel mir plötzlich ein Interview ein, das ich vor kurzem in der britischen GAMES gelesen hatte. Ken Levine, der kreative Kopf hinter Bioshock, hatte dort erstaunlich offen über den derzeitigen Stand der Shooter geplaudert. Levine outet sich als entschiedener Gegner formelhafter Neuauflagen, die sich ausschließlich an Bewährtem orientieren, anstatt uns Spieler zu verblüffen, zu überraschen oder uns einfach mal ein neue Erfahrungen zu schenken. „Syndicate“ ist derzeit wohl das beste Beispiel für Levines Kritik.

Der Sci-Fi Shooter erfüllt fast alle etablierten Genrestandards und wird dennoch bei den wenigsten Spielern einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Gut, aber egal – so ließe sich „Syndicate“ etwas überspitzt auf den Punkt bringen.

Die Gefechte sind ungemein temporeich, das Trefferfeedback enorm befriedigend und das Gunplay satt und wuchtig. Für das gewisse Extra gibt es dieses Mal keine todbringenden Tentakel („The Darkness 2“), aufschaltbare Nanosuit-Fähigkeiten („Crysis 2“) oder lautlose Boomerangs („Rage“), sondern coole Hacker-Skills. Die fügen sich nahtlos in die krachende Kakophonie meines Mündungsfeuers ein und bieten genau das Quäntchen spielerische Abwechslung, das es braucht, um „Syndicates“ Shoot-outs nicht zu schnell langweilig werden zu lassen.

Das Punktesystem hinter den drei Hackfähigkeiten (Selbstmord, Waffenüberladung und Friendly Fire) hätte man sich dagegen gleich ganz schenken können. Wer zum Beispiel alle Punkte in die Widerstandsfähigkeit steckt, kann das Thema im Grunde abhacken. Mehr Munition, weniger Cooldown, besseres Heads-up Display – die spielerischen Auswirkungen auf die „Syndicate“ Erfahrung sind minimal.

Aber da es heutzutage nun mal zum guten Shooter-Ton gehört, „irgendwas Taktisches“ einzubauen, hat auch „Syndicate“ seine Portion Tiefgang bekommen. Mehr als ein Appetithäppchen ist das allerdings nicht.

Was nicht passt – wird passend gemacht. Die überzogene Gewalt wirkt im Zukunftsszenario irgendwie deplatziert

 

Folgerichtig hat man bei den Starbreeze Studios auch an den nach wie vor populären Gewaltexzess gedacht. Wenn das Kreischen meiner lässig gehalfterten Mini-Gun durch die Korridore der korrupten Konzerne halt, dann zerfetzen die Leiber und spritzen die Säfte so explizit, dass das Licht in den USK-Büros noch lange brennen wird. Die Implantate feindlicher Agenten extrahiert die sprachlose Konzernmarionette,  die den Helden des Spiels darstellt, nicht einfach so, sondern in zunehmend grausamer Ausführlichkeit. Das alles dient den Machern von „Syndicate“ natürlich zur Darstellung der Unmenschlichkeit des zweiten Weltkrieges, ehh...sorry...der düsteren Zukunftsvision.

Diese Zukunft kann übrigens als ziemlich exakte 1 zu 1 Kopie des Spielbergschen „Minority Reports“ bezeichnet werden. Viel glatte Flächen, sterile Hochhauspanoramen, bunt glühende Tech-Gadgets und reduzierte Holo-Designs – von den smogverhangenen Himmeln eines „Blade Runners“ und den dunklen Gassenwinkeln eines „Deus Ex – Human Revolution“ hingegen keine Spur.

Zurück in die Zukunft: Die Welt 2069 bietet nur Bekanntes

 

Viel Zeit, diese Welt auf sich wirken zu lassen, hat man in „Syndicate“ aber sowieso nicht. Starbreeze spült uns die meiste Zeit ohne erzählerische oder spielerische Unterbrechungen durch die austauschbaren Levelschläuche. Hin und wieder wartet mal ein banales Rätsel oder ein Bosskampf darauf, Protagonist Kilo aus dem Shooter-Alltag zu reißen.

Letztere lassen sich zumindest zu Beginn des Spiels noch richtig gut an. Beim plötzlichen Auftauchen eines chip-gepimten Konzernattentäters hämmert ein wuchtiger Soundtrack aus meinen Boxen und man fühlt sich kurz an den effektreichen Kampf mit Agent Smith aus den Matrix-Filmen erinnert. Dieses Niveau kann „Syndicate“ aber mit den folgenden Endgegnern nicht halten. Zu zäh und umständlich sind diese Kämpfe inszeniert und auch in puncto Dramatik geht die Kurve eher nach unten, statt auf einen schweißtreibenden Klimax zuzusteuern.

Auf das andernorts betriebene Gemeckere über die nicht mehr ganz zeitgemäße Grafik, die technischen Unsauberkeiten oder das Fehlen zerstörbarer Umgebung wollen wir an dieser Stelle gar nicht einstimmen. Dass „Syndicate“ kein „Half Life 3“ wird, war uns schon lange vorher klar.

Charakterloses Schwein: Partner Merit läuft rum und knallt Leute ab

 

Dass man sich aber bei der Hintergrundgeschichte um Konzernkriege und Wirtschaftsspionage im Jahre 2069 so wenig Mühe geben würde, hat uns dann allerdings doch etwas genervt. Der arme Kilo macht trotz unfassbarer Gräueltaten um ihn herum nicht das Maul auf und die Reißbrett-Handlung plätschert stundenlang ohne emotionale Höhepunkte dahin.

Das ist bedauerlich, denn „Syndicate“ zaubert immer wieder auch wirklich gelungene Shooter-Momente aus dem Hut. Mal bricht in einem Club Panik aus, weil man in ein hitziges Feuergefecht mit Konzernsoldaten verwickelt wird, mal erwehrt man sich bei voller Fahrt auf einem Hochgeschwindigkeitszug futuristischer Gunboats – aufregende Momente, die aufgrund der dünnen Story und ihrer generischen Inszenierung weit hinter ihrem Potential zurückbleiben.

Fazit:

Die Starbreeze Studios haben das Erbgut für den perfekten Shooter-Klon gefunden: Man nehme fettes Gunplay, temporeiche Schusswechsel, sehr viel Gewalt und noch irgendwas mit Skills. Schon ist er fertig, der Tripple-A-Shooter von der EA-Stange. Das Teil geht runter wie Öl und dürfte jeden, der schon mal einen Finger am Abzug hatte, für circa zehn Stunden unterhalten.

Für alle, die von einem Shooter aber auch mal überrascht, gefordert und gar gepackt werden wollen, empfiehlt sich „Syndicate“ überhaupt nicht. Hauptcharakter Kilo bleibt seinen Spielern fremd, die Zukunft muss ohne eine stimmige Vision auskommen und der erzählerische Rahmen ist kaum mehr als ein leidenschaftslos zusammengeklaubter Haufen bekannter Versatzstücke.

Wertung: 79 %


Kommentare zu diesem Artikel

Neue Artikel von GIGA GAMES

Anzeige
GIGA Marktplatz