The Wonderful 101 Test: Spielbarer Regenbogen

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Habt ihr schon mal einen Trailer oder ein Gameplay-Video von „The Wonderful 101“ gesehen? Habt ihr euch danach auch gefragt, was in drei Teufels Namen das gerade war? Das neue Wii U-Spiel von Entwickler Platinum Games ist knallbunt, unübersichtlich, eigenwillig, wuselig, verdammt schwer – und eine Mordsgaudi!

Stellt euch einfach vor, jemand hätte Okami, Viewtiful Joe und Bayonetta in einen Topf geworfen, kräftig umgerührt, die Suppe mit künstlichem Farbstoff angereichert und schon habt ihr eine ungefähre Vorstellung von dem Wahnsinn namens „The Wonderful 101“. Dieser Jemand ist dabei übrigens keine schemenhafte Fantasiegestalt, sondern Hideki Kamiya, Kopf hinter den drei genannten Titeln – der japanische Kultspiele-Designer steckt auch hinter „The Wonderful 101“.

Malen nach Zahlen

Oberflächlich mag Platinums Neues wie Pikmin mit Superhelden aussehen, tatsächlich hat es mit Nintendos Strategietitel bis auf die Perspektive nichts gemein. Viel mehr ist „The Wonderful 101“ ein reiner Non-Stop Actiontitel, der auf Effektfeuerwerk und schnelle Reflexe setzt. Ich kontrolliere zwar bis zu 100 der skurilsten Helden der Videospiel-, Comic- und Filmgeschichte, meine bunte Truppe fungiert aber trotzdem nur als ein Körper. Und der kann entweder ganz normal angreifen, einzelne Helden auf seine Gegner schicken oder durch das Zeichnen von Mustern via Touchpad oder Analogstick Spezialattacken ausführen.

Während ich zeichne verlangsamt sich die Zeit – male ich nun einen Kreis, formen meine Helden eine große Faust, mit der ich meine Feinde zerquetsche. Je größer der Kreis, desto größer und mächtiger die Faust. Neue Zeichnungen bzw. Spezialattacken werden im Laufe des Spiels durch neue Helden freigeschaltet – dann kann ich eine gerade Linie zeichnen, um ein Schwert zu formen. Oder ich male eine Pistole und mein Team formt sich zu einer Knarre. Manche Formen dienen auch zur Überwindung von Hindernissen – nur die Peitsche kann etwa stachelige Tore beseitigen.

Mir hat diese Mal-Mechanik nur bedingt gefallen. Sie nimmt Tempo aus einem sonst so schnellen Spiel und gerade in hektischen Situationen würde ich meine Fähigkeiten gerne via Tastendruck ändern, statt über Rumgekritzel. Schnell habe ich auch das Touchpad ignoriert und nur noch mit dem Analogstick gemalt – ständig umzugreifen geht nämlich schnell auf die Nerven. Zwischen den Missionen kann man glücklicherweise neue Skills kaufen, u.a. auch eine Mechanik, mit der ich via Knopfdruck meine aktuelle Fähigkeit stärker mache und so nicht mehr zeichnen muss. Danach wurde das Spiel gleich viel temporeicher, flüssiger, besser.

Atemlose Action

Ich bewundere „The Wonderful 101“ für seine Action. Wirklich. Ich kenne kein anderes Spiel – auch nicht von Platinum Games – das sich mit einer derart beispiellosen Ausdauer von einem großen Action-Moment in den nächsten sprengt. Gerade kämpfe ich noch gegen einen riesigen Laser-Mech und nur Minuten später befinde ich mich auf einem zweiköpfigen Robo-Drachen, der gerade im Mordstempo durch den Stadtdschungel fliegt. Und das ist nur die Schneeflocke auf dem Eisberg, da kommt nämlich noch einiges. Atempausen gibt es kaum – wirklich ruhig ist „The Wonderful 101“ nur zwischen seinen Missionen.

„Und was genau ist daran so faszinierend?“, mag sich der eine oder andere Bayonetta-Spieler fragen. Nun, „The Wonderful 101“ schafft diese Action über zehn Stunden lang! Die Spielzeit ist für einen Titel dieser Art beispiellos, gerade andere Titel von Platinum rollen nach vier Stunden die Credits. Scheinbar hat Nintendo einiges in „The Wonderful 101“ investiert, um das möglich zu machen. Und ich bin ihnen dankbar dafür.

Dankbar, weil wohl kaum ein anderer Publisher ein derart verrücktes, schwer zu vermarktendes Konzept finanziert hätte. Denn nicht nur die Spielmechaniken von „The Wonderful 101“ sind abgedreht, es badet auch in Superhelden-Klischées, über-inszeniert seine Helden mit einer ungeahnten Freude und setzt Slapstick auf eine Art und Weise ein, wie ich es in einem Videospiel so noch nicht gesehen habe. Dieses Spiel ist schlicht verdammt witzig, nimmt sich selbst kein Stück ernst und erntet selbst am Ende seiner langen Kampagne noch große Lacher.

Frust, Frust und Frust

Ein gefühlt so langes Spiel hat natürlich auch ein paar Probleme. Die Gegnervielfalt mag zwar enorm hoch sein – selbst in den letzten Missionen werden noch neue Feinde eingeführt – manche Kombinationen aus Aliens und Robotern sieht man aber deutlich zu oft. Gerade die Combo aus zwei Laser-Panzern oder Schildkröten-Robotern können nerven. Wie sehr sie nerven kommt ganz auf den Schwierigkeitsgrad an – eine der größten Fallen, in die „Wonderful 101“-Spieler tappen können.

Auf „Normal“ empfand ich das Spiel beim ersten Durchgang als eine Qual. Sehr schnell war Frust die dominante Emotion in meinem Spielerlebnis, der Game Over-Screen ein häufiger Gast. Dabei kann man gar nicht so schnell wirklich versagen. Nach einem Continue macht man nämlich genau da weiter, wo man aufgehört hat. Allerdings gibt es dann am Ende einer Mission nur einen Trostpreis und einen enttäuschten Spruch vom Commander. Mal ganz abgesehen davon, dass so ein Game Over-Bildschirm das Spieltempo mit der Handbremse zum Stillstand bringt.

Der Frust hat aber auch andere Gründe. „The Wonderful 101“ ist durch sein buntes Durcheinander ein furchtbar unübersichtliches Spiel. Oft wusste ich gar nicht, was Platinum Games da gerade von mir will, was in den teilweise zeitkritischen Missionen sehr problematisch werden kann. Da verbockt man dann schon mal ein Quicktime-Event, weil man noch gar nicht realisiert hat, dass das gerade ein Quicktime-Event ist. Davon gibt es viele in dem Spiel, die sind auch meist super inszeniert und oft fair getimed, manchmal aber auch einfach nur dumm und frustig.

Nachdem ich über die Hälfte des Spiels auf „Normal“ durch hatte, musste ich schließlich einknicken und einen Gang zurück fahren. Den Schwierigkeitsgrad kann man glücklicherweise zwischen den Missionen problemlos ändern und so prangerte nun das Wort „Easy“ auf dem Touchscreen. Meine Gamer-Ehre mag nun eine Delle haben, dafür hatte ich danach wieder enorm viel Spaß mit der Superhelden-Klopperei. Auch wenn die Übersichtsprobleme damit nicht behoben sind, lediglich der Frust als Folge dieser Mängel wurde gelindert.

Aber „The Wonderful 101“ weiß diese Qualen zu entschädigen. Mit Bosskämpfen, die sich ständig gegenseitig toppen – sowohl in Größe als auch in Anspruch. Mit einem Finale nach dem Finale nach dem Finale. Und mit einem chaotischen Multiplayer-Modus, bei dem bis zu fünf Spieler mit- oder gegeneinander kämpfen. Spieler 1 sitzt am Wii U Gamepad, alle anderen benötigen Pro-Controller – wer nur Wii-Motes zu Hause liegen hat, schaut leider in die Röhre. So wie ich, mangels ausreichend Pro-Controller konnte ich den Modus leider nicht testen.

Fazit:

Ich liebe „The Wonderful 101“. Ich hasse „The Wonderful 101“. Selten hat mich ein Spiel so fließend vom einen Ende des Emotionspols zum anderen geschickt. Spaß und Freude geben sich hier die Hand mit Frust und Unlust. Die ultra-abgedrehte Story ist das Witzigste, was ich seit langem auf einer Nintendo-Konsole erlebt habe. Die Häufigkeit und Größe der Action-Momente ist der Wahnsinn und die Spielzeit stimmt auch. Die fehlende Übersicht und die schwankende Balance erlöschen zwar nicht das bunte Feuerwerk, sie legen aber einen unnötigen Nebel davor, durch den man Großes sieht, wo Großartiges sein sollte.

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Wertung

8/10
Getestet von Thomas

The Wonderful 101 brachte mich fast um meinen Verstand. Aber auch unheimlich oft zum Lachen.

Leserwertung
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