Remember Me Test: Amnesie – das Spiel!

von

Remember Me“ ist ein mutiges Spiel. Es wagt sich an eine sehr eigene Thematik, verzichtet fast komplett auf den Einsatz von Knarren und besetzt eine starke Frau in der Hauptrolle. Dafür schon mal Danke, liebe Entwickler von Dontnod Entertainment! „Remember Me“ ist aber auch ein gutes Spiel, das zwar sehr deutliche Inspirationsquellen hat, sich aber auch an eigenen Ansätzen versucht.

Nilin – so der Name unserer Heldin – war Memory Hunter. Das ist im Endeffekt genau das, wonach es klingt: Sie stahl die Erinnerungen von Menschen. Das ist möglich, weil in der Zukunft des Jahres 2084 eine große Firma namens MEMORIZE in Neo-Paris eine Technologie entwickelt, die den Austausch von Erinnerungen ermöglicht. Sensen nennt sich das Ganze.

Dass die ganze Nummer außer Kontrolle gerät, muss ich doch eigentlich gar nicht erwähnen, oder? Manche Menschen werden süchtig nach neuen Erinnerungen, was zu Mutationen führt – Leaper nennen sich die deformierten Mutanten. MEMORIZE wiederum erhält zu viel Macht über die Erinnerungen der Menschen, züchtet sich gedächtnislose Sklaven heran und naja, „shit hits the fan“, wie man so schön sagt.

Remember Me Test: F*ck the System

Nilin bekommt von MEMORIZE, ihrem früheren Arbeitgeber, ebenfalls eine Gehirnwäsche, kann aber mit großen Gedächtnislücken entkommen und tritt einer Gegenbewegung bei. Die tragen den unglücklichen Namen „Erroristen“. „Remember Me“ ist in seiner sich nun entfesselnden Geschichte nicht sonderlich originell, erzählt sich aber gekonnt. Gerade Nilin selbst und ihre Kontaktperson bei den Erroristen sind interessant, sämtliche Nebencharaktere bleiben leider recht flache Abziehbilder.

In der großen „Fuck-the-System“-Geschichte gibt es ein paar Twists, die ich tatsächlich nicht kommen sah und die mich positiv überraschten. Ein paar der Story-Enthüllungen sind aber auch selten dämlich. Fast schon naiv wirkt die Geschichte des Spiels in diesen Momenten. Das liegt aber auch daran, dass sie grundlegende Probleme mit der Thematik scheinbar ignoriert.

Nilin kann und muss an einigen Stellen im Spiel die Erinnerung einer Person „remixen“. Das heißt, sie verändert ein Ereignis im Gedächtnis eines Menschen, lässt etwa einen Mann seine Frau erschießen, obwohl das gar nicht passiert ist. Das hat dann direkte Auswirkungen auf die jeweilige Person in der Realität – obwohl der Mensch dadurch ja nicht grundlegend geändert wird, schließlich sind alle anderen Erinnerungen noch da. Theoretisch auch die mit seiner Frau nach ihrem gar nicht passierten Tod. Logikprobleme, auf die man sich in der Geschichte von „Remember Me“ einlassen muss.

Spielerisch orientiert sich die Erinnerungs-Hatz stark an den Batman-Titeln. Nilin wehrt sich vor allem mit Schlägen und Tritten, weicht Gegnern aus und springt über sie herüber. Ganz so flüssig wie in „Arkham City“ wird das Gekloppe zwar nie, Spaß macht es trotzdem. Vor allem weil „Remember Me“ seinen eigenen Kniff ins Kampfsystem bringt. Nilin kann nämlich ihre Combos individuell zusammenstellen.

Ich bestimme also, ob der nächste Schlag in meiner Combo besonders viel Schaden macht, mich heilt oder die Cooldowns meiner besonders starken Fähigkeiten verringert. Die perfekte Mischung für den eigenen Spielstil zu finden, macht Laune. Nur leider lassen sich die Buttons der Combos nicht eigenständig zuweisen, stattdessen stellt mir das Spiel vier vorgegebene Combos zur Verfügung, deren Wirkung ich dann bestimme.

Das führt dazu, dass ich im gesamten Spiel immer wieder die gleichen drei bis vier Kombinationen aus Knöpfen drücke, was im späteren Verlauf des Spiels deutlich an Reiz verliert. Viel schlimmer sind allerdings die Gegnertypen in den letzten Kapiteln – darunter etwa Leaper, die nur mit dem Einsatz einer Cooldown-Fähigkeit zu besiegen sind, was zu unnötig langen Kämpfen führt.  Wenn mir dann noch die störrische Kamera einen Strich durch die Rechnung macht und ich einen langen Kampf neustarten muss, nervt das.

Was die Kämpfe von „Remember Me“ dann wiederum richtig toll macht, ist das Sounddesign. Je länger ich es schaffe, Combos aufrecht zu erhalten, desto mehr schwillt die extrem coole Musik an. Werde ich getroffen, stoppt das Lied kurz. Überhaupt bietet „Remember Me“ einen der besten Soundtracks des bisherigen Spielejahres mit grandiosem Einsatz von Streichern und Techno-Elementen.

Wenn Nilin nicht gerade gegen Soldaten oder Roboter ins Feld zieht, hüpft und hangelt sie sich durch die Häuserschluchten von Neo-Paris. Das fühlt sich in etwa so an wie bei „Uncharted“ und ist auch ähnlich linear. So linear sogar, dass mir kleine orangene Pfeilchen anzeigen, wo ich als nächstes ranspringen muss. Dafür weiß sich „Remember Me“ in solchen Momenten zu inszenieren, zoomt etwa mit der Kamera raus und bietet einen Blick auf das fantastische Panorama der Stadt.

Memory Remix

Das große Gimmick von „Remember Me“ ist natürlich das „Remixen“ von Erinnerungen. Dabei wird eine Sequenz aus der Vergangenheit einer Person abgespielt, in der ich schließlich vor- und zurückspulen kann, um manche Schlüsselstellen zu manipulieren. So lässt sich etwa eine Flasche umschubsen, auf der anschließend jemand ausrutscht. Oder der Gurt in einem Auto wird gelöst, eine Sicherung durchgeschmort oder ein Medikament ausgetauscht.

In der Regel ist das Vorgehen bei diesen Sequenzen reines „Trial & Error“, da die Folge einer Veränderung oft nicht vorhersehbar ist. Trotzdem ist es witzig, die Wirkung jeder Aktion zu beobachten, um schließlich das Ziel zu erfüllen. „Remember Me“ macht es auch genau richtig, in dem es das Remixing nur ein paar Mal in der Story einsetzt. Dadurch bleibt es etwas Besonderes und zumindest ich wurde der Mechanik nicht müde.

Was mich an „Remember Me“ mit am meisten fasziniert hat, ist die Spielwelt. Neo-Paris ist stilistisch beeindruckend und abwechslungsreich. Nilin ist in den Slums der Stadt unterwegs, aber auch in den wohlhabenden Gegenden. Der düstere Untergrund wechselt sich ab mit den schicken Wohnvierteln. Ab und zu erblickt man sogar eines der Wahrzeichen von Paris. Mir gefällt auch die Integration von Zukunfts-Technik, so werden viele Informationen etwa direkt als Text in die Welt projiziert und Cyborgs übernehmen die Alltagsaufgaben der Bewohner.

Letztere sieht man wiederum ein bisschen zu selten, wodurch die Stadt weniger belebt wirkt, als sie sollte. Technisch ist „Remember Me“ leider auch sehr unsauber, Texturen laden überdurchschnittlich oft nach und sind generell nicht sehr hoch aufgelöst. Gespielt habe ich auf der Xbox 360.

Fazit:

Was mir am Ende von „Remember Me“ im Gedächtnis bleibt? Eine tolle Spielwelt, richtig gute Musik und eine starke Heldin. Aber auch ein gegen Ende nerviges Kampfsystem, Logiklücken und wenig Neues. „Remember Me“ bedient sich kompetent an bekannten Spielmechaniken aus „Arkham City“ und „Uncharted“, übertrifft beide Spiele aber nie. Das Remixen von Erinnerungen und Zusammenstellen eigener Combos bringt zwar frischen Wind in das Action-Adventure, ob ihrer teils wenig durchdachten Umsetzung verkommen sie aber nur zu einem sanften Lüftchen.

Wertung

7/10
Getestet von Thomas

Viele Teile von Remember Me werde ich wieder vergessen, aber an Neo-Paris werde ich mich noch lange erinnern.

Leserwertung
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10

74 Leser haben Remember Me mit durchschnittlich 6 von 10 Punkten bewertet. Und wie gefällt's dir? Gib deine Wertung ab!

Na, angefixt?

Weitere Themen: gamescom 2013 – Alle Infos, das Gewinnspiel und wo ihr uns treffen könnt, Capcom


Kommentare zu diesem Artikel

Neue Artikel von GIGA GAMES

Anzeige
GIGA Marktplatz