Scalebound eingestellt: Warum nicht nur Xbox-User traurig sein sollten [Kommentar]

Martin Eiser
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Microsoft hat überraschend den kommenden Blockbuster Scalebound gestoppt. Die Nachricht ist nicht nur für Gamer auf Xbox One und Windows 10 traurig, sondern für die gesamte Community. Was ist da los bei Microsoft?

Scalebound eingestellt: Warum nicht nur Xbox-User traurig sein sollten [Kommentar]

Am 9. Januar 2016 hat Microsoft überraschend bekanntgegeben, dass die Entwicklung von Scalebound eingestellt wurde. In dem Action-Rollenspiel solltest Du mit einem optisch voll anpassbaren Drachen als Begleiter gegen riesige Gegner kämpfen können. Es entstand bei Platinum Games unter der Führung von Hideki Kamiya, er ist bekannt für seine Arbeit an Resident Evil 2, Devil May Cry, Viewtiful Joe, Ōkami und Bayonetta. Kein Wunder also, warum das Interesse an Scalebound groß war. Es gehörte außerdem zu den großen Exklusivtiteln für die Xbox One in diesem Jahr. Es wurde auf der E3 2015 angekündigt und sollte ursprünglich im letzten Jahr erscheinen.

Für die Xbox One war es auch das letzte bekannte große Projekt von einem japanischen Entwickler. Drei Jahre intensiver Entwicklungszeit hat Microsoft mit der Entscheidung in die Tonne getreten und damit auch drei Jahre Lebenszeit aller Beteiligten verschwendet. Studio-Boss Kenichi Sato schreibt in einer öffentlichen Mitteilung, dass man “sehr enttäuscht” sei, wie die Dinge geendet wären – besonders, weil sich so viele darauf gefreut haben. Fans sollen sich jetzt auf Nier: Automata, Granblue Fantasy Project Re: Link und Lost Order freuen. Hideki Kamiya schrieb ergänzend als Reaktion auf Twitter, dass seine Fans den Kopf nicht hängen lassen sollen, er will mehr denn je Spiele entwickeln.

Schau Dir unsere aktuelle Vorschau von Scalebound an:

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Scalebound in der Vorschau (gamescom 2016)
Von diesen Games können wir seit der E3 2016 immer noch nur träumen

Eine schlechte Nachricht für alle Gamer

Das Ende des Projekts ist nicht nur eine traurige Nachricht für alle Besitzer der Microsoft-Konsole – es ist auch ein weiteres Zeichen für die massiven Probleme innerhalb der Branche und ihrem aktuellen Konsolidierungskurs. Viele Spiele haben im letzten Jahr die Erwartungen nicht erfüllt und wahrscheinlich werden auch 2017 wieder Studios schließen müssen – zuletzt gab es etwa schlechte Nachrichten vom deutschen Vorzeige-Entwickler Crytek. Das führt auch dazu, dass innovative Ideen und neue Marken es noch schwerer haben, finanzielle Unterstützung zu finden. Und das selbst ein Blockbuster in einem relativ späten Entwicklungsstadium nicht sicher davor ist, sollte uns allen zu denken geben.

Dennoch wirft es vor allem die Frage auf, was eigentlich bei Microsoft los ist. In den letzten Jahren gab es eine ganze Reihe von plötzlichen Entwicklungsstopps und bedauernswerten Studioschließungen, bei denen nicht nur viel Geld verbrannt wurde. Vor allem ging viel kreatives Potenzial verloren. Und es wirft die Frage auf, ob das Problem nicht vielleicht auch auf die interne Kommunikation seitens Microsoft zurückzuführen ist und dem Hersteller noch dazu der Mut fehlt, Risiken einzugehen.

Mehrere überraschend gestoppte Projekte bei Microsoft

Am 18. Februar 2015 wurde bekannt, dass Microsoft dem jungen Entwickler Darkside Game Studio die Entwicklung von Phantom Dust entzogen hat. Das Team hatte zuvor unter anderem an Borderlands: The Pre-Sequel, Sunset Overdrive, Gears of War: Judgment, Bioshock Infinite und Spec Ops: The Line unterstützend mitgewirkt, aber sich für Microsoft voll auf das Action-Strategie-Spiel konzentriert. Der Multiplayer-Titel sollte in eine Kerbe schlagen wie Hearthstone oder League of Legends. Die Kosten dafür lagen bei fünf Million Dollar, Release Ende 2015. Die kurze Version zum Ende ist: Microsoft wollte kurz darauf auch eine Solo-Kampagne, ohne dem Team mehr Zeit oder Geld zu geben. Als das Studio beides einforderte, wurde der Stecker gezogen. Von Darkside Game Studio blieb durch diese Entscheidung am Ende nicht viel übrig.

Am 7. März 2016 platzte die nächste Bombe. Microsoft kündigte die Schließung von Lionhead an. Das ehemalige Studio von Visionär Peter Molyneux arbeitete an dem Multiplayer-Action-Rollenspiel Fable Legends, mit dem der Hersteller in den Free-to-Play-Markt vorstoßen wollte. Die laufende Beta wurde beendet und das Projekt zu Grabe getragen. Später verriet Art Director John McCormack, ein ehemaliger Lionhead-Mitarbeiter, dass das Team lieber an Fable 4 gearbeitet hätte, aber das Spiel wurde mit Hinweis auf die Kosten nie genehmigt. Den Entwicklern sei aber von Beginn an klar gewesen, dass Fable Legends kein gutes Spiel werden würde. Die Entwicklung verschlang am Ende trotzdem 75 Millionen Dollar.

Auch kleinere Projekte waren betroffen

Doch das war nicht das einzige Studio, das Microsoft in diesem Zeitraum dicht gemacht hat. Der dänische Indie-Entwickler Press Play, der erst 2012 aufgekauft wurde, hatte unter anderem mit dem innovativem Wii-Plattformer Max and the Magic Marker für Aufmerksamkeit gesorgt. Der Nachfolger erschien exklusiv für Xbox 360, Xbox One und Windows, aber erhielt kaum Beachtung. Das vielversprechende Multiplayer-Spiel Knoxville, das offen unter der Beteiligung der Community entwickelt werden sollte, wurde eingestellt. Es handelte sich dabei um eine Mischung aus Action und Survival, ähnlich der Hungerspiele aus der bekannten Buchreihe „Tribute von Panem“.

Ende 2015 wurde die Weiterentwicklung von Project Spark gestoppt und im Mai 2016 das Ende des Kreativwerkzeugs zum Erschaffen eigener Welten besiegelt. Außerdem wurde in dem Zusammenhang bekannt, dass auch die Microsoft-Studios BigPark, Function Studios, Good Science, LXP und SOTA geschlossen oder die Teams konsolidiert wurden. Sie sollen vor allem mit Hololens in Verbindung gestanden haben. Was davon übrig blieb, ist nicht genau bekannt. Verschont blieb Indie-Entwickler Twisted Pixel Games (u.a. The Maw und ‘Splosion Man), der 2011 gekauft wurde, aber 2015 wieder seine Unabhängigkeit erlangte.

ProjectSpark
Auch Conker konnte Project Spark nicht retten. Das Kreativ-Werkzeug wurde eingestellt.

Was ist los bei Microsoft?

Es ist natürlich nicht ungewöhnlich, dass Spiele eingestellt werden – auch solche, die schon lange in Entwicklung sind. Manchmal wird erst spät deutlich, dass ein Projekt am Markt vorbei entwickelt wird. Und natürlich passiert es auch immer wieder, dass einzelne Passagen eines Spiels großartig erscheinen, es aber in der Summe trotzdem keine Spaß macht. Die scheinbare Häufung ist aber verwunderlich. Vielleicht hatte Microsoft Angst davor, dass Scalebound ein zweites Recore wird. Das Spiel bekam viele Vorschusslorbeeren, aber enttäuschte Kritiker und die Verkaufszahlen dürften auch unter den Erwartungen geblieben sein. Aber Hideki Kamiya ist kein Anfänger und manchmal ist es als Hersteller nötig, solche Risiken einzugehen – Konsolen-Besitzer wollen nicht nur das bekommen, was sie überall haben können. Konsolen brauchen innovative und ungewöhnliche Konzepte.

Microsoft hat seit der E3 2015 kräftig auf die Bremse getreten. Aber während das Ende von Lionhead und Fable Legends wahrscheinlich sehr viel teurer war, so tut Scalebound mehr weh. Der Hersteller verweist auf „Halo Wars 2, Crackdown 3, State of Decay 2, Sea of Thieves und weitere große Erfahrungen“, aber selbst ein Forza Motorsport 7 wird diese Lücke nicht einfach schließen können. Es bleibt nur zu hoffen, dass Microsoft für Scorpio einen guten Plan in der Tasche hat und dass uns weitere Enttäuschungen erspart bleiben.

Der falsche Zeitpunkt für Schadenfreude

Wer jetzt aber meint, über Microsoft und die Xbox One herziehen zu können, liegt falsch. Wie ich eingangs bereits erwähnt habe, steckt viel Arbeit in solchen Projekten. Hideki Kamiya beschäftigt die Idee hinter Scalebound schon viele Jahre. Es gab bereits einen Prototypen für die Wii mit einer weiblichen Hauptfigur – die Entstehung eines Spiels ist immer auch ein Prozess, dem jetzt ein abruptes Ende gesetzt wurde. Du hast sicher auch schon einmal etwas Vergleichbares erlebt, bei dem etwas zunichte gemacht wurde, in das Du viel Arbeit gesteckt hast. Zumal noch völlig unklar ist, welche Folgen die Entscheidung für Platinum Games hat. Das Studio wollte mit eigenen Marken unabhängiger werden, was nun schwieriger wird.

Vor allem aber sehe ich in dem Verhalten von Microsoft einen gefährlichen Trend. Wenn bei Herstellern und Publishern die Risikobereitschaft sinkt, dann geht uns Vielfalt verloren. Ich bin es leid, dass sich ständig über den Einheitsbrei und die jährlichen Updates beklagt wird, aber viele nicht bereit sind, auch neuen, spannenden Ideen eine Chance zu geben. Platinum Games zeigt wie kaum ein anderer japanischer Entwickler, dass ungewöhnliche und frische Ideen trotzdem das Potenzial zum Blockbuster haben. Auch Scalebound war so ein Spiel. Es ist ein Verlust für uns alle.

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Weitere Themen: Xbox One X, Xbox One, Fable Legends, Fable Anniversary, Max and the Curse of Brotherhood, Fable III, Max and the Magic Marker, Microsoft Games

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