Wenn man den Regisseur Daniel Moshel auf die ablehnende und skeptische Haltung gegenüber dem Leben in computergenerierten Realitäten befragt, dann verweist er gern auf seinen Urgroßvater. Der “verteufelte einst die Neuentwicklung Telefon, weil er nicht gewillt war, den Menschen am anderen Ende der Leitung als `real` zu akzeptieren”. Auch den virtuellen Welten von “WoW” und “Second Life” begegnen heute viele Menschen mit einem hohen Maß an Ignoranz.
Moshel und sein Team wollen die kursierenden Vorurteile nicht auf den Menschen, die dort spielen, leben und lieben, sitzen lassen. Die im Rahmen des kleinen Fernsehspiels gezeigte Dokumentation “Login 2 Life” bringt seine Zuschauer deshalb ganz nah ran an diese Menschen. Genauer gesagt an eine Reihe von Biographien, die aufs engste mit den virtuellen Räumen verbunden sind. Herausgekommen ist dabei eine neugierige und aufgeschlossene Entdeckungsreise rund um die Welt.
Im Verlauf dieser Reise lernen wir zum Beispiel den Amerikaner Corey kennen. Nach einem schweren Unfall ist Corey gelähmt und verbringt einen Großteil seiner Zeit in “Second Life”. Für ihn ist das virtuelle Dasein keine Flucht, sondern Zufluchtsort in dem er all das verwirklichen kann, was ihm in der Realität aufgrund seiner Behinderung verwehrt bleibt. Auch Coreys Mutter findet regelmäßig ihren Weg in das “Second Life” und spricht dort vor interessierten Avataren über ihre Erfahrungen nach Coreys Unfall.

Andere machen mit den Wünschen und Phantasien der virtuellen Gemeinschaft das große Geld. Kevin Alderman, alias Stroker Serpentine ist einer von ihnen. Aldermann ist in “Second Life” das, was man am ehesten als Porno-Mogul bezeichnen könnte. Der Unternehmer verdient sein Geld mit expliziten Sex-Animationen, die er an die zahlungswillige Community verkauft. Neben dem Phänomen der WoW-Machinima findet Daniel Moshel schließlich auch noch für die harten Schattenseiten der boomenden Netzwelten interessante Momente. So erhalten wir in China zum Beispiel einen intimen Einblick in den schlafgestörten Arbeitsalltag einer Goldfarmer-Familie, die immer wieder von frustrierten WoW-Spielern überfallen wird.
“Login 2 Life” verfolgt einen erfrischend unvoreingenommen Ansatz. Anders als vergleichbare Dokumentionen geht es Moshel nicht so sehr um die Konflikte, Widersprüche oder Grenzen zwischen Realität und virtueller Realität – “Login 2 Life” stellt diese zwei Existenzen hingegen als eine einzige dar. Am Beispiel der portraitierten Menschen gelingt es Moshel die Mauer, die in manchen Köpfen noch immer existiert, einzureißen und das Leben in der digitalen Welt als ein sehr reales Geflecht aus Selbstverwirklichung, Phantasie und Wirtschaft darzustellen.
Die Dokumentarfilmer erzählen einen Großteil der Geschichten dabei mit der Hilfe der Grafik-Engines von “WoW” und “Second Life”. So werden die Erzählungen der Protagonisten von “Login 2 Life” mit zum Teil minutenlangen Animationsfilmen dargestellt, die mit viel Know-How und Humor gemacht wurden. Das sorgt für ein ungewöhnliches Erscheinungsbild der Dokumentation und ist vor dem Hintergrund der verfolgten Prämisse bemerkenswert konsequent.

“Login 2 Life” richtet sich aber in erster Linie an Menschen, die noch immer Berührungsängste und Zweifel an dieser seltsamen Gegenwelt haben. Wer sich hier ohnehin bewegt, der kennt die vorgestellten Personen und Phänomen schon lange und kann in der Folge nicht ganz die Faszination aufbringen, die Moshel und sein Team bei seinen Zuschauern erzeugen möchte.
Empfehlen möchten wir “Login 2 Life” aber dennoch, denn noch ist der freie Blick, den die Doku auf die virtuelle Gesellschaften in den Gesellschaften ermöglicht eine echte Rarität. Wer mag, kann also am 17.Oktober im ZDF (Das kleine Fernsehspiel) um 0.00 Uhr einschalten (zweiter Sendetermin: 23. Oktober 2011 ZDF KULTUR, 20.15 UHR) oder “Login 2 Life” den Engstirnigen empfehlen.
