Nach dem mehrstündigen Anspielen einer inhaltlich vollständigen Preview-Version sind wir optimistisch, dass das legendäre Franchise in den richtigen Händen ist. In „Downpour“ stehen nicht mehr die Kämpfe, die Gewalt oder die Foltermethoden im Vordergrund. „Vatra Games“ schwimmt gegen den Strom. Seitdem die meisten Horrorspiele in den USA und in Europa entwickelt werden, ist der psychologische Horror fast ausgestorben – je mehr Monster, je mehr Gedärme desto besser. Ausnahmen wie „Amnesia“ sind fast immer kleineren Indie-Studios geschuldet.
In „Silent Hill: Downpour“ ist es nun endlich wieder eine Ausnahme, wenn ihr auf einen Monster oder eine andere Person trefft. Die meiste Zeit streift ihr lediglich mit einem Hammer oder einem Stein bewaffnet durch die Gegend, löst Rätsel, erkundet Silent Hill und labt euch an der einzigartigen Atmosphäre.

Solltet ihr doch einmal auf einen Gegner treffen, ist es nicht immer die beste Option, zu kämpfen. Stattdessen könnt ihr auch eure Beine in die Hand nehmen und versuchen zu flüchten – immer Gefahr laufend, noch mehr Monstern zu begegnen und eure Situation so noch zu verschlechtern. Durch kurzen Tastendruck habt ihr die Möglichkeit, über eure Schulter nach hinten zu blicken. In solchen Momenten erinnert „Downpour“ stark an „Silent Hill: Shattered Memories“. Dort war es unmöglich zu kämpfen und Flucht war die einzige Alternative. So wirklich packend war das trotzdem nicht, denn man rannte lediglich durch kaum verständliche Labyrinthe und die Passagen, in denen Gegner auch wirklich auftauchen konnten, waren immer klar gekennzeichnet.
Das ist bei „Downpour“ anders. Jederzeit könnt ihr angefallen werden, niemals seid ihr sicher. Besonders unangenehm wird es aber, wenn sich der namensgebende Platzregen über Silent Hill ergießt. Dann verschlechtert sich eure durch den serientypischen Nebel sowieso schon stark eingeschränkte Sicht noch einmal und immer mehr Monster streifen durch die Straßen. Da wir uns fast völlig frei durch Silent Hill bewegen können und uns etliche Gebäude – auch abseits der Story – zur Erkundung freistehen ist man am besten damit beraten, sich möglichst schnell ein Dach über den Kopf zu suchen. Vielleicht findet ihr dort dann auch gleich noch eine neue Nebenquest.

Was?! Nebenquests in Silent Hill? Was soll das denn bitte?! Nachdem so ziemlich jede Neuerung der letzten Jahre die Serie weiter und weiter von ihren Ursprüngen wegführte, ist eine gewisse Skepsis durchaus angebracht. „Vatra Games“ scheint dieses Feature jedoch vernünftig in das Spiel eingearbeitet zu haben. Wie in den ersten Teilen lässt sich Silent Hill nun wieder sehr viel freier erkunden. So finden wir etwa zu Beginn des Spiels ein Gemälde, für das wir keine Verwendung haben. Erst als wir zufällig in das verlassene Haus einer Kunstsammlerin stolpern, die wie besessen die Besitzer der Gemälde zu erpressen scheint, offenbart sich uns, dass wir die Gemälde zu einer Karte zusammensetzen können. Solche Aufgaben können euch etwa Abkürzungen durch die Stadt zeigen. Das ist alles völlig optional und lässt sich auch ignorieren, falls ihr lediglich an der Story interessiert seid.
Dort hat sich „Vatra“ für eine ähnliche Vorgehensweise wie Silent Hill 2 entschieden und ignoriert die Story um Harry Mason, Alessa und den Kult und konzentriert sich ganz darauf, die Geschichte des Hauptprotagonisten Murphy zu erzählen. Dieser ist im südöstlichen Teil der Kleinstadt unterwegs, der bisher in noch keinem anderen Spiel erkundet wurde. Das bedeutet auch: Kein Pyramide Head und keine Krankenschwestern. Serienfans wird's freuen, war doch in den früheren Teilen jeder Gegner ein Abbild der Psyche des Protagonisten. „Downpour“ soll dorthin zurückkehren.

Ausblick
Als Fan von Teil 1 bis 4 freut es mich sehr, dass „Vatra Games“ wieder zu den Ursprüngen von Silent Hill zurückkehrt. Murphy trifft nur selten auf Monster und ist nicht mit zig Waffen ausgerüstet um ihnen im Dutzend in den Hintern treten zu können. Behelfsmäßig gilt es alles als Waffe zu nutzen, was am Straßenrand liegt. Und wenn der gerade aufgehobene Holzbalken dann im Kampf zerbricht, ist Flucht die einzige Alternative.
„Silent Hill: Downpour“ scheint alles richtig zu machen, was „Homecoming“ falsch gemacht hat und kann sich dank dem Fokus auf die psychologische Seite des Horrors auch gegen Konkurrenten wie „Dead Space“ behaupten. Ob die Story das hält, was sie in den ersten Spielstunden verspricht, können wir ab dem 23. Februar 2012 erfahren.
Ersteindruck: Sehr Gut
