SimCity Test – Crying at the Disconnect

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SimCity“ hat ein ganz großes Problem. Damit meine ich jetzt erst mal nicht das Server-Debakel, auch nicht die kleine Größe der Stadtkarten. Der Name ist es, der Maxis gerade zum Verhängnis wird. Hätte man dieses Spiel von Anfang an „SimCity Online“ genannt, hätten wir alle ganz andere Erwartungen an das Spiel, würden anfängliche Schwierigkeiten mit Servern eher verzeihen und hätten Verständnis ob all der Zugeständnisse zum Mehrspieler-Modus.

Finale Wertung und Fazit hinzugefügt.

Aber so ist es nicht. „SimCity“ will kein Spin-Off sein. Es will die Serie neu erfinden, modernisieren, besser und größer machen. Und während ich viele neue Dinge begrüße, vermisse ich mindestens genauso viele alte Features.

Rohrverlegung und Ausrichtung von Strommasten gibt es nicht mehr, jetzt orientiert sich alles an der Straße. Jede Stadt beginnt also mit einer Infrastruktur, die mit Weitsicht erstellt werden will. Daran entlang weisen wir Wohn-, Gewerbe- und Industriegebiete zu, bauen dann ein Kraftwerk, einen Wasserturm, ein Abwasser-Endrohr und verbinden den Grundriss unserer baldigen Metropole mit der Autobahn – die erste Stadt steht.

„Metropole“ ist übrigens leicht übertrieben. Zwar ist es durchaus möglich, mehrere Hunderttausend Einwohner in euer Städtchen zu locken, am Ende sieht es aber eben nur so aus: Wie ein Städtchen.

SimCity Test: Städtchen statt Metropole

Die sehr engen Stadtgrenzen sind bereits in wenigen Spielstunden erreicht und schnell werdet ihr das Verlangen nach mehr Platz spüren. Es ist schlichtweg frustrierend, eine große Stadt verlassen zu müssen, weil einfach kein Raum für mehr „Stadt“ da ist.

„Müssen“ ist natürlich übertrieben. Ihr könnt viel Zeit damit verbringen, eine voll ausgebaute Stadt im Detail zu verbessern. Etwa euer Abwasser-Endrohr durch eine effektivere und saubere Kläranlage zu ersetzen oder mehr Parks zu errichten, damit die Reichen und Schönen eurer Stadt zufrieden bleiben und ein Hochhaus nach dem anderen aus den Boden stampfen. Das macht Spaß, kann den Wunsch nach größeren Karten aber nie ganz vergessen machen.

Was „SimCity“ richtig gut macht, ist visuelles Feedback. Per Knopfdruck erscheinen direkt in der Spielwelt Graphen, die mir anzeigen, wie hoch die Luftverschmutzung ist, wie viele Sims bei der örtlichen Schule angemeldet sind oder wo die Kriminalitätsraten an die von Mexiko heranreichen. Entsprechend schnell und einfach kann ich auf Missstände reagieren, etwa die Polizeistation modular ausbauen und um ein Paar Streifenwagen erweitern oder der Grundschule ein neues Klassenzimmer spendieren.

Bildungs-, Versorungsberater und Co. geben zudem Hinweise und raten zum Ausbau bei Engpässen verschiedener Kategorien. Diese netten Tipps sind nicht immer akkurat, manchmal verlangt ein Berater nach  besserer Müllentsorgung, obwohl die Stadt gar kein Müllproblem hat. Gleiches gilt für die Sims selbst, die uns über Sprechblasen ihre Bedürfnisse direkt vermitteln, selbst wenn sie veraltet und längst nicht mehr akut sind.

Das passiert glücklicherweise nur relativ selten, meistens bieten die „Aufträge“ der Sims eine willkommene Abwechslung im Baualltag. So wollen einige Nachbarn eine Blockparty schmeißen, was allerdings sehr viel Müll verursachen wird. Können meine Müllwagen da mithalten, winkt eine ordentliche Belohnung in Cash.

Auch cool sind die Spezialisierungen. Tourismus-Stadt mit Kasino-Meile und Eiffelturm sowie Big Ben an gegenüberliegenden Straßenseiten? Kein Problem! Ist aber teuer und will von Anfang an geplant werden – ihr wisst schon, die Platzprobleme...

Wer keine Lust auf Tourismus hat, kann sich auch auf die Herstellung von Prozessorchips spezialisieren oder zum Ölbaron werden. Das ist auch notwendig, um Großprojekte zu finanzieren. Auf jeder Regionskarte gibt es je nach Größe bis zu vier Großprojekte, die man entweder allein mit eigenen Städten realisiert oder eben im Multiplayer zusammen angeht. Dann entstehen Arkologie, Großflughafen oder Solarkraftwerk unter Einsatz zahlloser Simoleons und Ressourcen.

SimCity: Am besten mit Freunden

So ein Ding alleine zu stämmen, ist eine Mammutaufgabe. Am besten geht man die Großprojekte mit Freunden an. Denn im Praxistest hat sich der Bau zusammen mit Fremden als wenig fruchtbar erwiesen, ist es doch schwer, eine Region zu finden, in der niemand seine Stadt nach kurzer Zeit verlässt oder schlicht kein großes Interesse an Arkologie und Co. zu haben scheint – beim Kauf und Verkauf von Wasser, Strom und Service-Angebot wie der Müllversorgung machen sie noch alle mit und das macht auch Spaß, aber mehr war bisher nicht drin. Dazu kommen die bekannten Serverprobleme und schon gestaltet sich das „Endgame“ von „SimCity“ etwas schwierig.

Überhaupt: Die Server. Selbst nach dem desaströsen US-Launch ist der Login auf vielen Servern immer noch so, als würde man einen Würfel rollen und hoffen, er bleibt auf der Kante stehen. Eure

Städte werden auf den Servern gespeichert, wenn also gerade euer Server nicht erreichbar ist, bringen euch auch Alternativen wenig, es sei denn, ihr wollt von vorn beginnen. Noch ärgerlicher ist es aber, wenn „SimCity“ während des Spielens die Verbindung zum Server verliert und sie nicht wiederaufbauen kann. Dann nämlich fliegt ihr aus dem Spiel, ohne das euer Fortschritt gespeichert wird. Schafft ihr es danach wieder auf den Server, dürft ihr die letzte halbe Stunde noch mal spielen. Blöder geht's nicht.

Es bleibt übrigens nicht beim Wunsch nach größeren Karten und einem Offline-Modus im neuen „SimCity“. Ich hätte da noch ein paar weitere: Zufällig oder individuell erstellte Karten wären cool, Terraforming war in allen bisherigen „SimCitys“ schon super, warum ist es jetzt weg? Warum muss ausnahmslos jedes Gebäude an eine Straße gepappt werden und warum kann ich es da nicht frei ausrichten? Ein Park in der Mitte eines Wohnungsblocks ist somit nicht möglich, generell wird die Kreativität beim Bau dadurch eingeschränkt.

Und warum kann ich meine Stadt nicht frei speichern oder wenigstens kopieren, um anschließend gefahrfrei experimentieren zu können? Wenn ich jetzt eine Katstrophe aktiviere, muss ich auch die Konsequenzen selbiger wieder ausbaden. Es sei denn ich gehe in den Baukasten-Modus, in dem ich endlos viel Geld zur Verfügu... ach, Moment, der wurde ja abgestellt um die Server zu entlasten.

Fazit:

Momentan ist es nicht möglich, „SimCity“ eine endgültige Wertung zu vergeben. Dazu ähnelt das Spiel zu sehr einem MMO und braucht entsprechend viel Zeit, um komplett erschlossen zu werden. Maxis nimmt außerdem gerade jedes erdenkliche Startproblem eines Onlinespiels mit und macht das Bewerten so noch schwieriger. Geschätzt wandert „SimCity“ gerade im 70er-Bereich – zu viele Wünsche bleiben offen, zu oft ärgern die Server. Ich habe trotzdem gerade Spaß mit dem Stadtbaukasten, weil er so herrlich wuselig und detailverliebt ist. Weil eben doch der klassische „SimCity“-Charme aufblitzt und die Sucht nach größeren, besseren Städten sofort greift.

Nur sehe ich auch gleichzeitig die ganzen Erweiterungspacks im Horizont – mit neuen Spezialisierungen, neuen Karten und Gebäuden. Ich sehe ein „SimCity“, in dem ich mir konstant Features wünsche, die nicht da sind. In dem ich zum Multiplayer gezwungen werde, obwohl ich alleine siedeln will. Und ich weiß nicht, ob ich darauf Lust habe.

Ich spiele „SimCity“ weiter und aktualisiere diesen Test in den kommenden Tagen/Wochen mit einer finalen Wertung und einem endgültigen Fazit. 

Update:

Nach nun insgesamt einer Woche „SimCity“ ziehe ich Bilanz: Selbst im aktuellen Zustand, also ohne große Serverprobleme und mit einem recht stabilen Spielerlebnis, ist „SimCity“ nur „gut“, grenzt beinahe schon an „okay“. Ich muss mich schon fast zwingen, erneut in das Spiel einzuloggen und mich von den auch nach langer Spielzeit noch nervenden Limitierungen frustrieren zu lassen. Da wartet ein verdammt gutes Spiel darauf, nach ein paar Eingeständnissen im Konzept und Veränderungen am Spielaufbau, von mir gespielt zu werden.

So wie es jetzt ist, fehlen mir größere, frei formbare Karten, alte Features wie die U-Bahn und eine bessere KI. Die entpuppt sich nämlich als Problem, oft lässt die Simulation den Verkehr im Kreis fahren oder Staus erzeugen, obwohl alternative Routen vorhanden sind – so richtig clever scheinen die Sims nicht zu sein. Was bleibt ist eine große Enttäuschung: „SimCity“ hätte viel mehr sein müssen. Im aktuellen Aufbaupaket steckt immer noch eine Menge Spielspaß, der von einigen Fehlentscheidungen im Design untergraben wird. Aber: Sobald Maxis sich doch dazu entscheidet, dem Spiel signifikant größere Karten zu spendieren, bin ich wieder dabei.

Wertung: 70%


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