South Park 2 im Test: Aus großer Kraft folgen große Blähungen

Sandro Kreitlow

Nachdem Eric Cartman & Co. sich im Vorgänger noch als Magier und Fantasiegestalten verkleideten, wird nun in South Park: Die rektakuläre Zerreißprobe das Superhelden-Genre auf den Kopf gestellt.

Zu wenig Zeit zum Lesen des ganzen Tests? Eine Zusammenfassung findest du ganz am Ende des Artikels. 

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South Park: Die rektakuläre Zerreißprobe - 1 Stunde angefurzt

Irgendwann Anfang der 2000er. „Spätestens 22 Uhr Bettruhe“, hieß es. Statt wirklich zu schlafen, schaltete ich mich mit geringster Fernseh-Lautstärke durch das Fernsehprogramm. Schließlich hätte ich irgendetwas verpassen können! Eines Abends stieß ich auf diese Serie, von der die Ältesten der Grundschule immer auf dem Schulhof redeten: South Park. Was ist denn das für ein Stil? Und… Wow! Haben diese gezeichneten, zehnjährigen Figuren gerade das F-Wort benutzt? Es folgten unzählige viel zu kurze Nächte, zunächst vor allem aufgrund der derben Sprache. Inzwischen begreife ich jedoch, dass South Park mehr ist als das: Die Auseinandersetzung mit unangenehmen Themen. Harte Gesellschaftskritik – verpackt in schwarzem Humor bis hin zu Kontroversen.

2017 beherrschen Superhelden das Kino. Kein Wunder: Nachdem Disney mit Iron Man das Marvel Cinematic Universe startete, wollte jedes Filmstudio nicht nur eigene Superheldenfilme auf die Leinwand bringen, sie wollten gleich ganze Filmuniversen schaffen – einige erfolgreich, einige mehr schlecht als recht. Heute kannst du pro Monat mindestens einen Superheldenfilm auf der großen Leinwand bestaunen. Die South Park-Schöpfer Matt Stone und Trey Parker haben die Zeichen der Zeit mal wieder erkannt und setzen South Park: Der Stab der Wahrheit nun im Superhelden-Setting fort. Das erste Ubisoft-Videospiel ließ wenig von den Stärken der Serie vermissen. Schließt Die rektakuläre Zerreißprobe an diese hohe Qualität an?

Scheiß drauf

Das Spiel knüpft nahtlos am Vorgänger an: Die junge South Park-Bevölkerung ist noch voll im LARP-Fieber, als das spielerische Kämpfen miteinander aus den Fugen gerät. Kyle & Co. warten bereits sehnlichst auf die Ankunft von König Douchebag – gespielt von dir. „Der Neue“ wird erstmal in einem Editor erstellt und Ubisoft macht keinen Hehl daraus, dass Geschmacklosigkeit auch im zweiten South Park-RPG großgeschrieben wird. So findest du deinen Charakter auf dem Klo wieder. Im ersten Mini-Spiel gilt es wie im Vorgänger, die Analog-Sticks in einer bestimmten Richtung und Geschwindigkeit zu lenken, um erfolgreich das Geschäft zu verrichten. Nahezu jede Klositzung wird im zweiten South Park-RPG zu einem Quick-Time-Event, das dich je nach Schwierigkeitsstufe des Stuhlgangs mit Items belohnt.

Für den zweiten Teil haben sich die Entwickler allerdings nicht auf den gewohnten, primitiven Spielmechaniken ausgeruht. Kurz nach deinem ersten Klogang wirst du bereits mitten ins Kampfgeschehen geschickt, welches dich mit dem neuen, strategischen Kampfsystem bekannt macht. Cartman & Co. werden zwar nach wie vor rundenweise über das Schlachtfeld geschickt, nun allerdings in Feldern, über die sie sich innerhalb eines gewissen Radius frei bewegen können. Hast du eine Kampfposition erreicht, sind in jeder Runde drei Fähigkeiten mit unterschiedlichen Angriffsmustern verfügbar.

So vermöbelst du die Gegner, heilst Verbündete oder nutzt eine der besonderen Kräfte wie Feuer oder – ja, auch hier – das Furzen. Verstärkt werden die Angriffe, wenn du im richtigen Moment Tasten oder Tastenkombinationen drückst. Außerdem gibt es Angriffe, die sich über eine komplette Runde aufladen müssen. Die daraus resultierende Angriffsfläche wird rot angezeigt, so kannst du rechtzeitig ausweichen oder den Gegner zur Seite schubsen und dadurch die Fläche verschieben. Erfolgreiche Angriffe und besonders schnelle Reaktionen in der Verteidigung lassen eine Leiste wachsen, bis eine vierte und besonders starke Fähigkeit ausgelöst werden kann: die Ultimativkraft.

Während die Fähigkeiten und Ultimativkräfte deiner Verbündeten vorgegeben sind, wählst du die Superheldenkräfte deines Charakters selbst aus. Zu Beginn musst du dich noch zwischen drei Superhelden-Klassen entscheiden, ehe Cartman deine Ursprungsgeschichte erspinnt, schließlich braucht jeder Superheld eine tragische Herkunft. Später kannst du allerdings noch eine zweite Macht hinzufügen und deine Fähigkeiten für den Kampf austauschen.

Die Superhelden-Klassen bringen mehr Abwechslung ins Spiel. Hast du bereits einige Stunden auf die Kampf-Fähigkeiten der einen Klasse gesetzt, tauschst du sie einfach aus und schon stehen dir neue Angriffe und Fähigkeiten im Kampf zur Verfügung. Einige von ihnen können sogar mehrere Felder und damit mehrere Gegner gleichzeitig treffen. Nutzt „der Neue“ im Angriff einen Furz, ist der Gegner „angewidert“. Solche fortlaufenden Schäden können das Kampfgeschehen komplett verändern und dir zum knappen Sieg verhelfen. Durch geschickte Positionierung kannst du beispielsweise die Gegner zu zweit umzingeln, um anschließend einen Combo-Schaden zu verursachen. Das eingängige Kampfsystem bringt mehr Taktik und Vielfalt ins Spiel.

I’m no Superman

Magier, Paladine und andere Fantasiegestalten sind Geschichte. Superhelden sind nun der heiße Scheiß in South Park. Als The Coon macht Cartman nun mit seinen Freunden die Kleinstadt unsicher. Im Mittelpunkt steht die Fehde zweier Superhelden-Fraktionen. Coon and Friends auf der einen Seite, die Freedom Pals auf der anderen. Anlass für das Zerwürfnis ist der Marketing-Plan, den der Coon (Eric Cartman) für das ursprünglich gemeinsame Franchise aufgestellt hat. Passend zu seinem Alter-Ego  hat der unbeliebte „Fettsack“ Coonstagram gegründet. Als Neuer in der Stadt ist dein Social-Media-Profil allerdings noch leer. Schritt für Schritt baust du mit Selfies deine Follower-Zahl und dein Influencer-Level auf.

Deine Follower reagieren auf deine Coonstagram-Aktivitäten, mit jedem Bild bekommst du auch immer mehr Nachrichten im Messenger. Über das In-Game-Smartphone öffnest du allerdings nicht nur Coonstagram oder die Karte von South Park, hier findet auch das Crafting statt, das dir niemand Geringeres als Morgan Freeman erklärt. In der verschneiten Kleinstadt findest du nämlich allerhand Loot und Rezepte, woraus du Kostüme, Verbrauchsgegenstände oder Artefakte craftest. Dank Letzterem werden Attribute deines Charakters wie Gesundheit, Stärke oder Teamboni verbessert, Kleidung spielt diesbezüglich keine Rolle mehr. Und hier schließt sich wieder der Kreis: Je höher dein Influencer-Level bei Coonstagram ist, desto mehr Artefakt-Slots kannst du nutzen.

South Park ist natürlich nicht die einzige TV-Serie, die in Videospiele verpackt wurde:

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Altes Territorium, neuer Quatsch – South Park: Die rektakuläre Zerreißprobe spielt logischerweise im gleichen Setting wie der Vorgänger; langweilig ist das allerdings nicht, da die Kleinstadt neu interpretiert wurde. Rote Legosteine bedeuten beispielsweise Lava – hier kommst du also vorerst nicht weiter. Im Gegensatz zum ersten Teil ist Die rektakuläre Zerreißprobe hervorragend und originalgetreu zur Serie in Deutsch vertont und diesmal auch unzensiert in Szene gesetzt. Das zweite South Park-RPG ist ebenso derbe und mindestens genauso politisch inkorrekt wie sein Vorgänger, nur leider nicht immer so clever, wie die Animationsserie. Jeder Furz-Gag ist irgendwann einmal auserzählt und bis ins Unendliche wiederholt. Mit jedem derben Kommentar wird die Bedeutung geringer. Egal ob Marvel, DC oder Netflix… Jeder bekommt sein Fett weg. Zwar wird auch Trumps aktuelles Amerika nicht unkommentiert stehen gelassen – auch republikanische Rednecks werden überspitzt kritisiert – doch hätte die ein oder andere politische Auseinandersetzung mehr dem Spiel nicht geschadet.

Dafür kann Die rektakuläre Zerreißprobe mit Details punkten. In nahezu jeder Ecke der Spielwelt ist ein Item zu finden, das entweder in einer der vielen Serien-Episoden eine Rolle spielte oder dich schon aufgrund des Titels zum Lachen bringt. Zudem gefallen die kreativen Interaktionen mit der Welt. Lässt sich die Umwelt in irgendeiner Weise beeinflussen, kannst du es im Untersuchungsmodus sehen. Mit Knallkörpern kannst du versteckte Items finden oder Wege freiräumen. Haben die fiesen Sechstklässler den Weg mit Wasser versperrt, das unter Strom steht, nutzt du eine deiner Superkräfte: Indem du die beiden hinteren Trigger und Analogsticks in eine bestimmte Richtung hältst, kannst du hier die Zeit anhalten, um den Stromschalter abzustellen und die Sechstklässler anschließend zu erledigen. Willst du beispielsweise auf ein Dach, um das dortige Loot zu sammeln, nutzt ein Verbündeter deine Fürze als Antrieb zum Fliegen. Im frei begehbaren South Park findest du in jeder Ecke solche Mini-Rätsel, die eine gelungene Abwechslung zum reinen Looten und dem Abarbeiten der Quests bieten. Ein ebenso nettes Detail: Tippst du den Code zu The Coons Geheimversteck (also Cartmans Familienkeller) ein, ohne dass du diesen vorher in seinem Notizbuch gelesen hast, meckert Cartman, in einem Trainer-Outfit eines Footballteams, mit dir:

Fazit

South Park: Die rektakuläre Zerreißprobe bleibt den Stärken der Serie zum großen Teil treu, ist aber nicht ganz so clever. Die starken Gameplay-Mechaniken des ersten Teils wurden weiter ausgebaut und vertieft. Das Kampfsystem ist nun mit diversen Superheldenklassen und Bewegungsfeldern abwechslungsreicher. Nahezu alle bekannten Charaktere und wichtigen Gegenstände aus der Serie findest du auch im Spiel, aber richtige Überraschungen fehlen. Dank der Präsentation fühlt sich das RPG wie eine sehr lange South Park-Folge an. Um die detailverliebte Kleinstadt und all ihren quatschigen Geschichten herum wurde ein gelungenes Rollenspielkonstrukt entwickelt, das so bisher weder Marvel, noch DC gelungen ist. South Park-Fans bleibt nichts Anderes übrig, als zuzugreifen. Alle anderen sollten sich vorher genau überlegen, ob sie die Animationsserie ebenfalls als bissige Satire oder nur als reine Geschmacklosigkeit einordnen.

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Wird dir gefallen, wenn du South Park-Fan bist und über schwarzen, derben Humor lachen kannst.

Wird dir nicht gefallen, wenn du mit rundenbasierten Rollenspielen nichts anfangen kannst und dir Furz-Gags zu plump und pupertär sind.

Wertung

8/10
Getestet von Sandro

South Park: Die rektakuläre Zerreißprobe ist eine gelungene Fortsetzung, die mit sinnvollen Gameplay-Erweiterungen überzeugt, aber nicht ganz so clever ist, wie die Serie und der Vorgänger.

Weitere Themen: South Park, Ubisoft

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