Splinter Cell Blacklist Test: Die Stunde der Patrioten

Tobias Heidemann

Alles geht irgendwann mal vorbei. Ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher der Spielekultur und schon ist klar – nichts bleibt, wie es ist. Ich mag diesen Gedanken. Er entkrampft mein Verhältnis zu aktuellen Trends, Genre-Konventionen und Erfolgen, mit denen ich persönlich so gar nix anfangen kann. Die Marke Tom Clancy ist so ein Fall.

Splinter Cell Blacklist Test: Die Stunde der Patrioten

Ein Spiel, das unter der Ägide des Clancy-Sigels erscheint, muss sich dessen Weltbild fügen und die bedingungslose Verherrlichung des amerikanischen Patriotismus predigen. Das ist nicht jedermanns Sache. Meine schon gar nicht. Vielleicht hätte ich mit Onkel Tom auch gar keinen Beef, wenn die unter seinem Namen produzierten Geschichten und Charaktere gut oder spannend wären. Das sind sie aber leider nie.

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Splinter Cell Blacklist - Video-Review
Im Tom Clancy-Universum herrscht seit Jahren absoluter Stillstand. Mit dem Label verkauft man uns ein und dieselbe Geschichte einfach immer wieder aufs Neue. Vielleicht ändern sich hier und da mal die Vorzeichen oder die Mittel, mit denen die stets bestürzend klischeehaft gezeichneten Terroristen ihren Angriff auf die US-amerikanische Freiheit planen. Mal ist es eine Atombombe, mal Giftgas, mal ein Computervirus. Die Story-Schablone selbst wird nie verändert, sondern immer nur neu ausgestanzt. Das Logo Tom Clancy, das bedeutet eine endlose Kette langweiliger Kopien.

Splinter Cell  Blacklist Test: Spielerisch ein großer Wurf

Splinter Cell: Blacklist“ ist ein Paradebeispiel für die erzählerische Einfältigkeit, die man sich mit Tom Clancy einkauft. Die Details der Geschichte seien euch hier deshalb auch erspart. Die Story ist so vorhersehbar, so ausgelatscht und so gehaltlos, dass mir schon beim Gedanken an ihre Zusammenfassung wieder langweilig wird. Also lassen wir das und kümmern uns um den Teil, mit dem Tom Clancy zum Glück gar nichts zu tun hatte – der ist nämlich richtig gut!

Spielerisch ist „Splinter Cell: Blacklist“ ein großer Wurf. Ubisoft ist es gelungen, das vorbildliche Maß an spielerischen Freiheiten mit einer erstklassigen Steuerung, einer überzeugend agierenden KI und den nun etwas weitläufigeren Arealen zu dem bisher besten Spielgefühl der Reihe zu verbinden.

In puncto Gameplay gehört „Blacklist“ damit zu den aktuell besten Schleich-Titeln am Markt. Protagonist Sam Fisher steuert sich intuitiver als jemals zuvor. Er kann auf etliche, durchgehend sinnvoll ins Spielgeschehen integrierte Gadgets zurückgreifen und er bewegt sich dank automatisierter Deckungsfunktion und dem Mark & Execute-System angenehm flüssig durch Spielwelt und Kämpfe. Hier gibt es wirklich nichts zu meckern.

Wer, so wie ich, gerne vorsichtig vorgeht, dabei unentdeckt bleiben möchte und Feinde lieber still und heimlich ohne tödliche Waffen ausschaltet, der wird sich über die von Ubisoft glatt gezogenen Spiel-Mechaniken am meisten freuen. Irgendwie gelingt es „Splinter Cell: Blacklist“, das Schleichen und den Einsatz von Gadgets trotz hoher Komplexität rasant und ungehemmt aufzusetzen.

Auf höheren Schwierigkeitsgraden müssen wir Sam allerdings doch wieder etwas ausbremsen und auch mal die Laufwege der Feinde und die Level-Architektur studieren, bevor wir tätig werden können. Letzte bietet – meist über Lüftungsschächte oder Rohre – immer Optionen für alternative Routen, die es dem Helden ermöglichen, an sein Ziel zu gelangen, ohne auch nur einen einzigen Gegner ausschalten zu müssen.

Der rote Faden, der sich dabei durch das Game-Design von „Splinter Cell: Blacklist“ zieht, ist die Aufteilung in drei mögliche Spielweisen. „Ghost“, „Panther“ und „Assault“ stehen für unentdecktes, nicht-tödliches Vorgehen, lautloses Töten und die offensive Krawall-Nummer. Alles in „Blacklist“ ist auf diese drei Spielstile ausgerichtet und das gibt „Blacklist“ ein schlüssiges und befriedigendes Gesamtkonzept.

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Schlüssiges Gesamtkonzept

So erhalte ich nicht nur nach jeder Mission eine detaillierte Auflistung meiner Ergebnisse in den drei Bereichen, sondern auch Bares für eine weitere Spezialisierung auf meinen bevorzugten Spielstil.

Schneide ich zum Beispiel im Ghost-Stil besonders gut ab, weil ich von den Gegnern nicht entdeckt wurde und vornehmlich Elektroschocks eingesetzt habe,  kann ich das gewonnene Geld direkt in eine verbesserte Stealth-Ausrüstung investieren. Somit bin ich bei der nächsten Mission noch besser für meine Lieblingsspielart vorbereitet. Das motiviert über die gesamte Zeit der Kampagne, da sich Sams Ausrüstung wirklich in jeder nur erdenklichen Form aufrüsten und optimieren lässt.

Upgrades lassen sich übrigens nicht nur an Sam Fisher selbst vornehmen. Auch der „Paladin“, die fliegende Einsatzzentrale von Fishers Geheimdienstlern, kann aufgerüstet werden, um in den Missionen neue spielerische Vorteile wie zum Beispiel ein verbessertes Radar zu erhalten. Der „Paladin“ ist zwischen den Missionen sogar frei begehbar. Fisher kann dort nach Mass Effect-Vorbild mit seinen Team-Mitgliedern plaudern. Leider haben die nur sehr wenig (dafür aber gut synchronisiertes)  zu sagen und dienen lediglich als Anlaufstationen für Upgrades und Spiel-Informationen. Als atmosphärischen Bonus kann man den Paladin aber allemal verbuchen.

Das Missions-Design der insgesamt 12 Einsätze, die die Solo-Kampagne von „Splinter Cell: Blacklist“ bietet, ist durch die Bank gelungen. Echte Höhepunkte gibt es zwar keine, dafür aber auch keine Totalausfälle. Wobei man sich die Anbiederung bei aktuellen Militär-Shootern durchaus hätte sparen können. Mit einer bewaffneten Drohne PKWs auf einer iranischen Autobahn zerpixeln – das passt irgendwie so gar nicht zu einem Schleichspiel wie „Splinter Cell“.

Wie lange ihr für die Kampagne braucht, hängt im entscheidenden Maße von dem gewählten Schwierigkeitsgrad und eurem Spielstil ab. Wer sich auf „Rookie“ durchballert, dürfte schon nach fünf Stunden fertig sein. Wer hingegen auf einen höheren Schwierigkeitsgrad besonnen vorgeht oder Feinde gleich ganz umgehen will, der verbringt in „Splinter Cell: Blacklist“ auch gut und gerne mal eine ganze Stunde mit einen Einsatz.

Spies vs. Mercs: Der heimliche Held in Blacklist

Ein großes Lob kann der zurückgekehrte Mehrspielermodus „Spies vs. Mercs“ für sich einheimsen. Der hat mir tatsächlich mehr Spaß gemacht als die uninspiriert erzählte Solo-Kampagne.

Der Grund dafür ist vor allem dessen asynchroner Aufbau. Hier die aufs Schleichen spezialisierten, angreifenden Spione, die sich auch in der Vertikalen bewegen können und stets aus dem Dunkeln attackieren, dort die schwer bewaffneten, verteidigenden Söldner, die das Verhalten der Spione antizipieren müssen, Fallen stellen und in direkten Feuergefechten mehr einstecken können. Das Ergebnis dieser Konstellation ist Spannung pur. Der zwingend notwendige Fokus auf gute Teamkoordination macht das Ganze zudem zu einer schönen Gruppenerfahrung. Unbedingt mal ausprobieren!

 

Fazit:

Wer Wert auf unverbrauchte Geschichten und überzeugende Charaktere legt, der sollte besser die Finger von „Splinter Cell: Blacklist“ lassen. Hier wird euch nur der ewig gleiche Terror-Quatsch aus der mittlerweile komplett abgestumpften Tom Clancy-Feder aufgetischt. Mir persönlich erschwert das die Identifikation mit dem Geheimdienst-Helden ungemein. Sam Fisher ist Anno 2013 kaum mehr als ein emotionsloser, blasser Posterboy für US-Patrioten, der in Guantanamo Häftlinge foltert und zwischendurch oberlehrerhaft die mangelnde Einsatzbereitschaft seiner Team-Kollegen tadelt.

Das langweilt und ist vor dem Hintergrund der tollen spielerischen Qualitäten von „Splinter Cell: Blacklist“ sogar ein echtes Ärgernis. Jenseits der Story hat Ubisoft nämlich fast alles richtig gemacht. „Blacklist“ ist motivierende Stealth-Action auf absolutem Top-Niveau und weiß mit spielerischen Freiheiten, einem schlüssigen Spiel-Design und einem richtig spannenden Mehrspielermodus zu überzeugen.

UPDATE: Wenn ihr euch in das Abenteuer mit Sam und Konsorten stürzen wollt, solltet ihr einen Blick auf unsere Komplettlösung werfen, in der wir mit euch nicht nur die Kampagne bewältigen, sondern euch auch viele nützliche Tipps, Taktiken und Fundorte von Collectibles verraten.

 

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Wertung

7/10
Getestet von Tobias

Spielerisch top - erzählerisch ein ärgerlicher Griff in die Tom Clancy Mottenkiste.

Weitere Themen: gamescom 2013: Vorverkauf für 2014 hat begonnen, Ubisoft

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