Der schwule Planet: Ein Kommentar zur Debatte um das SW:Tor Add-On

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Das Schöne an der Debatte um sexuelle Identität in Games ist, dass es sie gibt. Weniger schön ist dagegen, wie sie geführt wird. Seitdem ein schwuler Programmierer 1996 sein politisches Easter Egg  in „SimCopter“ legte, dringt die Diskussion über Homosexualität in Spielen offenbar immer nur dann ins Licht der breiten Öffentlichkeit, wenn sie mit besonders beknackten Argumenten ausgetragen wird. Aktuelles Beispiel für diese traurige Tatsache ist die Debatte um den „schwulen Pay-2-Gay“-Planeten Makeb in „Star Wars: The Old Republic“.

Der schwule Planet: Ein Kommentar zur Debatte um das SW:Tor Add-On

Zunächst die Fakten: Jeff Hickman, Executive Producer bei „SW:Tor“, gibt in einem aktuellen Status-Post bekannt, dass BioWare lesbische und schwule Beziehungen „mit einigen NPCs auf dem Planeten Makeb hinzufügt“. Das Unternehmen beabsichtigte, in Zukunft noch mehr dieser gleichgeschlechtlichen NPC-Optionen in seinem Online-Rollenspiel zu etablieren. Jeff Hickman entschuldigte sich zudem für die lange Entwicklungszeit, da die Einführung schwul-lesbischer Romanzen in „SW:Tor“ schon im September 2011 offiziell angekündigt wurde.

Wichtiges Detail: Die Möglichkeit, schwule oder lesbische Beziehungen mit Nicht-Spieler-Charakteren einzugehen, besteht vorerst nur auf dem Planeten Makeb. Der neue Planet wurde im Sommer 2012 angekündigt und ist Bestandteil des ersten Add-Ons für „The Old Republic“. Makeb wird die Spieler in fünf Story-Missionen in den “Aufstieg des Huttenkartells” verwickeln und das Level-Maximum erhöhen. Die digitale Erweiterung wird Nicht-Abonnenten 17 Euro kosten. Nur wer sich „Aufstieg des Huttenkartells“ kauft, wird sich also im Verlauf der neuen Handlung auf Makeb in Personen gleichen Geschlechts verlieben können.

Aus diesen Informationen entstand wenig später der „schwule Planet“.  Hickmans Post war vielen Gaming-Seiten und Blogs schnelle Meldungen vom neuen „komplett schwulen Planeten“ in „SW:Tor“, ja sogar von einem „Schwulen-Ghetto“ im Star Wars Universum, vom „Pay-2-Gay“-Modell oder von sexueller Ausgrenzung und Diskriminierung bei BioWare wert. Auch Fox News ließ sich bei diesem Thema natürlich nicht lange lumpen und kondensierte das gefährliche Halbwissen in einer skandalisierenden News.

Im Anschluss an diese Meldungen wurden dann auch die ersten homophoben Kommentare seitens einiger „SW:Tor“-Spieler im Netzt verbreitet, welche eine “Beschädigung des Spiels” durch gleichgeschlechtliche Beziehungen befürchten: „Bitte, bitte, bitte Bioware, LucasArts und EA: Ihr dürft gleichgeschlechtliche Beziehungen in SWTOR nicht zulassen. Es wird das Spiel zerstören und viele Leute dazu bringen damit aufzuhören. (…) Als Abonnent bitte ich euch, eure Meinung zu ändern. Star Wars ist eine für Familien gedachte Geschichte und hat nichts mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen zu tun.“ (Dazu ein Lesetipp).

Newsmeldungen, die sich für eine platte Headline oder die unreflektierte Verbreitung derartiger Ressentiments zu schade waren, stritten indes lieber über BioWares allgemeinen Umgang mit dem Thema.

So gab es auch Kritik an der Art und Weise, wie die besagten Inhalte seitens des Unternehmens kommuniziert und integriert werden. Immerhin – so die Logik hinter dieser Kritik – zeige BioWare bemerkenswert wenig Fingerspitzengefühl beim Umgang mit dem Reizthema. Anstatt tendenziöse Interpretationen durch exakte Formulierungen von Anfang an auszuschließen, leiste man ihnen mit dem geringen Informationsgehalt des Posts eher Vorschub. Zwar unterstreiche Hickman „BioWares Unterstützung von gleichgeschlechtlichen Beziehungen“ nochmals in seinem Blog-Post, eine bessere PR – so der Vorwurf – hätte uns den gesamte Salat aber gleich ganz erspart.

Selbst für eine Herausstellung der wirtschaftlichen Interessen hinter dem geplanten Schritt fand man mancherorts noch Zeit. Kotaku sah sich zum Beispiel gezwungen, das rein ökonomische Kalkül hinter dem „neuen Feature“ zu belegen und unser Verständnis von BioWare als politisch motivierte Überzeugungstäter zu korrigieren. Demnach ginge es BioWare gar nicht um ein liberales Statement, sondern nur um das Geld der schwulen und lesbischen Kunden.

Schwuler Planet? Worum geht es hier eigentlich?

Es wurde also wieder einmal viel geschrieben und gestritten – leider ausschließlich am Kern der Sache vorbei. Die aktuellen Meldungen zu Makeb sind symptomatisch für den allerorts seltsam gehemmten Umgang mit dem Thema. Statt den fetten Elefanten im Raum offen anzusprechen, trägt man den Konflikt lieber auf dem Terrain des Banalen aus oder flüchtet sich in den Schutz einer vermeintlich objektiven Berichterstattung. Gewonnen ist dadurch – wie das aktuelle Beispiel zeigt – rein gar nichts.

Dabei sind die Realitäten, um die es hier geht, schnell benannt: Im Vergleich mit der Musik-, Film- oder Comic-Szene ist die Gaming-Kultur noch überraschend weit von einem unverkrampften und offenen Umgang mit sexueller Orientierung entfernt. In anderen Kulturbereichen haben sich nicht-heterosexuelle Themen und Inhalte längst nachhaltig etabliert  - nur die Spielekultur tut sich sichtbar schwer mit der Akzeptanz der Vielfalt.

Während lesbische Schauspielerinnen, schwule Bürgermeister und transsexuelle Popstars sich in der medialen Öffentlichkeit längst als „normal“ etabliert haben, stößt man in der Spielekultur vielerorts noch auf ein steinzeitliches Verständnis sexueller Orientierung. Homophobe Kommentare und archaische Geschlechterrollen sind weit verbreitet, Diskriminierung ist keine Seltenheit.

Dabei gehört „Homosexualität schlichtweg für viele Gamer zum Alltag“, wie auch der ehemalige BioWare-Geschäftsführer Ray Muzyka vor ein paar Jahren einmal feststellte, und natürlich wird sich sexuelle Vielfalt auf lange Sicht genauso in Spielen niederschlagen, wie sie sich auch in anderen kulturellen Spähern zuvor etabliert hat. Um das zu erreichen, braucht es aber nicht nur mutige Pionierarbeit, wie sie einst von BioWare in „Mass Effect“ und „Dragon Age“ geleistet wurde, es braucht vor allem eine vernünftige Diskussion.

Tendenziöse Boulevard-Flächenbrände wie der “schwule Pay2Gay Planet“ sind ebenso wenig zielführend wie die Kritik an BioWares PR-Abteilung. Makeb war nie das Problem. Solange sich die wichtige Debatte um sexuelle Identität in Spielen nur spontan an Banalitäten wie einem Add-On entzündet, werden sich alle Beteiligten nur die Finger verbrennen.

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