Brothers – A Tale of Two Sons Test: Schon jetzt der Indie-Hit des Jahres?

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In den ersten Minuten von „Brothers – A Tale of Two Sons“ drängte sich mir folgende Frage auf: Haben die Indie-Games ein bisschen was von ihrer Unschuld verloren? Ihre Unabhängigkeit, die Suche nach Neuem, das entschiedene „Nein“ zum Massengeschmack, ist all das etwa zu einer Masche, zu einer Marke geworden? Haben die Starbreeze Studios, die mit ihrer Vergangenheit („Chronicles of Riddick“, „The Darkness“, „Syndicate“) so gar nicht dem Ideal vom leidenschaftlich übernächtigten Kellernerd entsprechen wollen, mit „Brothers“ gar einen Indie-Hit mit Ansage abgeliefert? Die ungewöhnliche Spiel-Mechanik, der Look des Handgemachten, der Fokus auf Geschichte und Gefühle – ist das etwa Malen nach Indie-Zahlen? Wen interessiert das schon, dachte ich mir am Ende von „Brothers“. Wenn in Zukunft alle Indie-Games diese Klasse haben, dann habe ich überhaupt nichts dagegen.

„Brothers – A Tale of Two Sons“ ist die Art von Spiel, die man selbst erleben muss. Nicht, dass es mir schwer fiele, euch das eigenwillige Konzept oder die Geschehnisse zu erläutern. Gar kein Problem. Nur wird das nicht reichen, denn „Brothers“ ist von Kopf bis Fuß auf die persönliche Erfahrung ausgelegt.

Ich bin zum Beispiel sehr gespannt darauf, wie andere die sperrige Mechanik des Spiels erlebt haben. Im Spiel steuert ihr von Beginn an zwei Brüder. Der eine ist ein rotznäsiger Frechdachs, der ruppig mit Tieren umgeht und etwas zu vorlaut ist. Der andere, sein großer Bruder, ist der besonnene, der ruhigere, aber auch der mutigere der Beiden. Dieses ungleiche Geschwisterpaar will also von euch geführt werden – und zwar gleichzeitig.

Dieser besondere Clou an „Brothers – A Tale of Two Sons“ führt anfangs eher zu Frust und fehlendem Flow. Man eckt an, will das eine, macht aber irgendwie das andere. Die duale Steuerung – linker Analogstick, linke Schultertaste – großer Bruder, kleiner Bruder rechts – ist für unser Gehirn tatsächlich eine echte Herausforderung. Für geübte Gamer-Hirne stellt die Steuerung vielleicht sogar eine noch größere Herausforderung dar, denn verinnerlichte Routinen und körperliche Reflexe wollen für die Beherrschung der „Brothers“ wieder vergessen werden.

Doch egal, wie man sich auf dem Steuerungs-Glatteis, auf das uns „Brothers“ führt,  so anstellt, ob man sich ärgert oder angenehm herausgefordert fühlt, Starbreeze hat sich bei der ungewöhnlichen Mechanik etwas gedacht. Sie ist Teil der Geschichte, sie ist verzahnt mit den erzählerischen Absichten, die „Brothers – A Tale of Two Sons“ verfolgt. Eine, wie ich finde, seltene Qualität, die viel dazu beigetragen hat, dass mir dieses Spiel so gut gefallen hat.

Nicht minder beeindruckt war ich von der Geschichte selbst. Die beiden Brüder brechen auf, um Heilung für den todkranken Vater zu finden. Mehr soll über den erzählerischen Rahmen nicht gesagt werden. Wie dieser Rahmen indes gefüllt wird, das muss unbedingt gewürdigt werden. In „Brothers – A Tale of Two Sons“ wird nämlich kein einziges Wort gesprochen. Oder besser gesagt, kein Wort, das wir verstehen können. Die beiden Brüder unterhalten sich in einer minimalistischen Fantasiesprache.

Das merkwürdige Kauderwelsch sorgt beim ersten Kontakt eher für Stirnrunzeln, doch schon bald erkennt man einzelne Vokabeln wieder, weiß wie die beiden Brüder heißen, von welchen Gefühlen und Problemen da gerade die Rede ist. Zudem beginnt man ganz automatisch mehr auf ihre Gesten und ihr Verhalten gegenüber der Spielwelt zu achten.

Vielleicht ahnt ihr nun schon, auf was „Brothers“ mit diesen Mitteln hinaus will. Die trotzige Spiel-Mechanik und die ungewohnte Erzählweise sind beide Lernprozesse. Wir lernen die Geschwister zu leiten und zu verstehen, wir lernen sie besser kennen.

Je besser wir die beiden kennen lernen, desto schwerer werden übrigens auch die Umgebungsrätsel und Kletterpartien, die sich den beiden in den Weg stellen. Beide Elemente sind das wohl konventionellste an diesem Spiel, beide Elemente fallen leider hin und wieder etwas negativ auf, da sie sich etwas zu häufig wiederholen. Doch wie gesagt, sie sind lediglich Mittel zum Zweck des Kennenlernens.

Fazit

„Brothers – A Tale of Two Sons“ gehört einer neuen Generation von Indie-Games an. Ein Spiel, das die hohe Kunst des schlüssigen Game-Designs gemeistert hat. Hier arbeiten Mechanik, Stilmittel, Erzählweise und Story Hand in Hand, um gemeinsam etwas Außergewöhnliches zu erreichen. Und genau das gelingt auch – Brothers ist ein außergewöhnlich guter Titel. Gekrönt wird dieses kleine Kunststück von dem befriedigendenGefühl, eine märchenhafte Reise erlebt zu haben. Wenn nach drei Stunden der Abspann über den Bildschirm läuft, hat man in „Brothers – A Tale of Two Sons“ so viele kurzweilige Abenteuer und erinnerungswürdige Momente erlebt, dass man kaum glauben kann, dass dieses Spiel so kurz ist. Wer „Brothers“ dabei sein etwas repetitives Rätsel-Design verzeihen kann, der hat hier nicht nur einen offiziellen Anwärter auf den Indie-Hit des Jahres vor sich, sondern obendrein auch noch die wohl emotionalste Verwendung des linken Triggers, die jemals in einem Videospiel stattfand.

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Wertung

9/10
Getestet von Tobias

Sprachlos schön und schließlich ergreifend. Drei wundervolle Stunden.

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