The Elder Scrolls Online: Knietief im Schnee von gestern

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The Elder Scrolls Online: Knietief im Schnee von gestern

»Ja, stimmt – das ist alles Schall und Rauch«. Für diesen Satz habe ich hart arbeiten müssen. Der großgewachsene Entwickler, der ihn gerade gesagt hat, scheint selbst ein bisschen erleichtert zu sein, nachdem er ihn gesagt hat. Er weiß, dass er sich jetzt jenseits des sicheren Terrains seines PR-Zettelchens befindet. Ganz wohl ist ihm bei der Sache nicht, aber ich spüre, dass er irgendwie auch Lust hat, Klartext mit mir zu reden. Also frage ich weiter: »Dann ist The Elder Scrolls Online auch in deinen Augen kein MMORPG der nächsten Generation?« Sein Blick schweift zu den Monitoren, an denen die versammelte Presse den kommenden Hit der ZeniMax Studios gerade anspielt. »Wir machen schon einiges anders, aber im Prinzip, im Prinzip stimmt das«.

Momente wie diese sind in unserer Branche äußerst selten geworden. Sie sind ein kostbares Gut, das es – ginge es nach den Publishern – eigentlich gar nicht mehr geben sollte. Der Kontrollfetisch der PR-Abteilungen überlässt nichts mehr dem Zufall. Jeder Satz, jeder Gedanke, jedes Wort wird vorher durchdacht, designt, diktiert. Interviews mit Entwicklern sind dieser Tage kaum mehr als journalistisch aufbereitete Pressemitteilungen.

Zumindest wenn es um Spiele geht, die noch nicht erschienen sind. Nach dem Release haben aber plötzlich alle Redebedürfnis. Da wird dann munter auf kapitale Fehlentwicklungen verwiesen, künstlerische Eingriffe der Publisher werden entlarvt und schmutzige Team-Wäsche wird in aller Öffentlichkeit gewaschen. Hinterher sind wir immer schlauer. Vor dem Release herrscht dafür die unerträgliche Einvernehmlichkeit einer aussagelosen Werbekampagne. Botschaft – Presse – Spieler, die perfekte Arbeitsteilung. Und furchtbar langweilig.

Natürlich ist das so. Ein Spiel wie „The Elder Scrolls Online“ ist so teuer, dass einfach nichts dem Zufall überlassen werden darf. Doch an diesem Messetag auf der gamescom stehe ich dem personifizierten Zufall dann plötzlich doch gegenüber.

Ich habe gerade über eine Stunde „TESO“ gespielt und mein Urteil bereits gefällt. Die ZeniMax Online Studios sind sichtlich bemüht, ihr Spiel irgendwie nach „Skyrim“ aussehen zu lassen. Grafischer Stil, Interface und natürlich die Spielwelt – überall sollen mir die Insignien des Offline-Kassenschlagers förmlich ins Gesicht springen. Dabei ist „The Elder Scrolls Online“ noch weit von seinem großen Vorbild entfernt. Egal, ob Schleich-Mechanik, Ego-Perspektive, Echtzeit-Kampf-System oder Physik – die technischen Limitierungen eines klassischen MMOs machen eine direkte Übernahme solcher Solo-Rollenspiel-Feature schlichtweg unmöglich. Insbesondere wenn man es mit einem Spiel zu tun hat,  dessen Entwicklung schon 2007 begonnen hat.

Mit anderen Worten: „The Elder Scrolls Online“ ist der gleiche Trott, den wir seit Jahren im stagnierenden Genre vorgesetzt bekommen. Diese Tatsache so überzeugend wie möglich zu verschleiern, das ist die eigentliche Aufgabe der Entwickler von ZeniMax. Zugeben würde das natürlich niemand.

Als ich mich ernüchtert von meinem Platz erhebe, nimmt mich der Entwickler sofort aufs Korn. Wie es mir gefallen hat, möchte er wissen. Ein müdes »Ok« entfährt meinen Lippen. Ich schiebe noch schnell hinterher, dass ich einfach ein bisschen MMO-müde geworden bin und keine Lust mehr auf das immer gleiche Spiel mit minimalen Änderungen habe. Sichtlich überrascht von meinen offenen Worten, springt sofort seine PR-Schulung an. Artig spult er die Formeln vom »Online-Rollenspiel der nächsten Generation« ab. MegaServer hier, epische Story da – auswendig gelernte Sätze, die so auch auf der offiziellen Homepage stehen könnten. Über sein Spiel spricht er dabei nicht.

Er merkt, dass ich mich tierisch langweile und hält kurz inne. »Was fehlt dir denn in The Elder Scrolls Online genau?« Auf diese Frage habe ich gewartet. »Ein Kampfsystem, das spektakulär packend ist und Schluss macht mit dem öden Nach-Klicken der effizientesten Rotation. Eine Spielwelt, die glaubwürdig, lebhaft, organisch und nicht kulissenhaft ist. Gegner, die clever agieren, die sich in ihrem Verhalten und Aussehen auch mal unterscheiden und mich spielerisch vor echte Herausforderungen stellen. Eine Grafik, die – ich weiß das ist unfair – nicht fünf Jahre alt aussieht, neue Ideen in puncto Teamplay, Endcontent, PvP, eine Physik-Engine, ein vernünftiges Animationssystem – Einfach das Gefühl, ein Online-Rollenspiel der nächsten Generation zu spielen. The Elder Scrolls Online hat all das in meinen Augen nicht.«

Er denkt eine Weile nach und antwortet: »Ja, auf dieses Spiel freue ich mich auch, das würde ich gerne mit entwickeln. Ich bin mir sicher, dass dieses Spiel bald kommen wird.« Ich sehe seine offene Flanke und nutze die Gelegenheit. »Dann würdest du mir also zustimmen, wenn ich sage, dass ihr eigentlich mehr damit beschäftigt seid, die alten Schwächen des klassischen MMOs mit neuen Taschenspielertricks zu kaschieren, als tatsächlich an der nächsten Generation zu arbeiten.« Mein zufälliger Freund schaut mich an und lächelt wie ein Schuljunge, der gleich etwas Verbotenes tun wird. »Ja, stimmt – das ist alles Schall und Rauch«.

 

 

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