The Surge im Test: Gnadenlose Science-Fiction

Sandro Kreitlow

Mit The Surge nimmt das deutsche Entwicklerstudio Deck13 die Hardcore-Action-RPG-Formel der Soulsborne-Reihe und verpackt diese in ein Science-Fiction-Setting. Eine billige Kopie erfolgreicher Spiele? Spoiler: The Surge ist mehr, als das.

Keine Zeit für den gesamten Test? Ganz unten findest Du eine Zusammenfassung!

191
The Surge - Launch Trailer

Eine Gemeinsamkeit zur Dark Souls-Reihe und Bloodborne lässt sich nicht verschweigen. The Surge ist ein Third-Person-Action-Rollenspiel mit Nahkampf-Fokus. Während die Entwickler von Deck13 sich bereits in Lords of the Fallen nicht nur die Gameplay-Elemente der beliebten FromSoftware-Spiele annahmen, sondern auch deren Ästhetik, will The Surge eine eigene Identität schaffen.

Klassische Science-Fiction

The Surge findet in einer Zukunft statt, die auf den Ängsten der Gegenwart aufgebaut ist. Denn auch wenn mächtige Präsidenten wie Donald Trump es leugnen – Der Klimawandel findet tatsächlich statt und ist in The Surge so weit vorangeschritten, dass die Welt zerstört ist. Eine Firma namens CREO hat es sich zur Aufgabe gemacht, an Projekten zu arbeiten, um die Erdatmosphäre zu verbessern und Menschen mit Maschinen zu verschmelzen. Der rollstuhlfahrende Warren wird in diese Firma rekrutiert, schließlich wird ihm so die Chance geboten, eines Tages wieder laufen zu können.

In einer schmerzhaften Operation wird Warren mit einem Exo-Rig aufgerüstet, einem mechanischen Gerät, das ihm nicht nur die Fähigkeit gibt, zu gehen, sondern auch seine Geschwindigkeit und Kraft zu steigern. Diese neuen Fähigkeiten werden Warren schon schnell von Nutzen sein: Als er aufwacht, bemerkt er, dass die Anlage in Chaos versunken ist. Irgendetwas hat viele Mitarbeiter zu Mord und Gewalt getrieben. Nun liegt es an Warren, herauszufinden, was geschehen ist.

Zum großen Teil wird die Handlung durch Audio-Logs und durch Dialoge mit zu treffenden Charakteren erzählt. Der Aufbau und die Ansätze der Erzählung gelingen, doch so sehr sich Deck13 bemüht, ethische und moralische Fragen bezüglich Technik und menschlicher Auswirkungen auf die Natur aufzuwerfen – Die meisten Enthüllungen sind leider vorhersehbar, zumindest wenn Du bereits eine Handvoll dystopischer Sci-Fi-Geschichten gelesen, gesehen oder gespielt hast.

TheSurge-2017-05-10-22-10-22-373

In der Handlung bietet The Surge vielleicht nicht allzu viel Innovation. Dafür baut das Spiel aber eine unangenehm gruselige Atmosphäre auf. Das CREO-Hauptquartier ist ein riesiger, Labyrinth-ähnlicher Platz, dessen Wege sich Dir immer mehr erschließen. Mit jeder neuen Gegend – ob Boardrooms oder heruntergekommene Fabriken – wächst ein Gefühl der Angst. Denn in jeder Ecke könnte der nächste Tod lauern.

Timing > alles

Gegner erschrecken Dich mal aus einer Ecke, mal schwingend hinter einer Tür, mal hinter Kisten, durch die sie Dich angreifen. Dem Tod wirst Du oft nicht entgehen können. Doch sobald die Rache im nächsten Anlauf folgt, gibt es nichts Befriedigenderes. Um den Third-Person-Kampf in The Surge zu beherrschen, erfordert es höchste Konzentration. Nachdem Du Deinen Gegner anvisiert hast, führst Du sowohl horizontale als auch vertikale Angriffe aus. Innovativ: Unterschiedliche Schwachstellen werden ausgeguckt und anvisiert, um den Feind schneller zu erledigen. Warren bewegt sich aufgrund seiner halb-mechanischen Ausrüstung zwar sperrig und langsam, Kämpfe können aber trotzdem schnell werden. So gilt es, den perfekten Zeitpunkt zu nutzen, um in und aus dem Nahkampfangriff zu springen und sorgfältig auf die begrenzte Ausdauer zu achten.

Wichtig ist hierbei die strategische Komponente im schnellen und intensiven Kampf. Neben der Ausdauer gibt es eine Energieanzeige, die sich mit jedem Angriff füllt. Je nachdem, womit Du Warren ausgestattet hast, kannst Du diese Energie in unterschiedliche Aktionen stecken. Dadurch kannst Du beispielsweise eine Drohne beschwören, die den Feind angreift oder verlangsamt. Oder aber Du nutzt die Energie für Heilung oder Auffüllen der Ausdauer. Um Rüstungen und Metallteile zu bekommen, kann die Energie auch dazu benutzt werden, diese abzuschlagen. Stylisch wird es, wenn durch Energie Finishing Moves ausgeübt werden.

Volle Kontrolle im Crafting

Durch Finishing Moves werden außerdem Stücke von Feinden abgerissen, sodass Warren sie nutzen kann. Allerdings kann er sich nicht sofort mit der wertigen Beute aufrüsten. Stattdessen muss sie in ein Ops Center zurückgebracht werden. Hier wird neue Ausrüstung gebaut oder Dein bestehendes Setup aufgewertet. Du investierst Altmetalle in den Exo-Rig, um die Kernleistung zu erhöhen und damit mehr Möglichkeiten für Ausrüstungsteile und Implantate zu schaffen. Letztere beginnen mit der Fähigkeit, den Gesundheitszustand von Gegnern zu sehen bis hin zur Möglichkeit, Gesundheit aufzuopfern, um im Gegenzug die Welt um Warren herum zu verlangsamen.

Die besten Implantate und wie sie funktionieren

Oft ist Crafting in RPGs zu komplex. Deck13 vermeidet dieses Problem. Wenn schon das Kampfsystem in The Surge nicht besonders zugänglich ist, so ist es doch das Crafting. Um die Kämpfe erfolgreich bestreiten zu können, ist es notwendig, Teile und Altmetalle von Gegnern zu sammeln, um die Ausrüstung stets zu verbessern, weswegen das vereinfachte Crafting System durchaus Sinn macht. Neben dem stetigen Ugpraden der Ausrüstung ist es notwendig, Implantate in Folge von gescheiterten Kämpfen und gefährlichen Arealen auszutauschen. So kannst Du beispielsweise die Fähigkeit, den Gesundheitszustand von Gegnern zu sehen mit dem Implantat tauschen, das Dich ohne Probleme durch giftiges Gas laufen lässt. Zu jeder Zeit hast Du das Gefühl, die volle Kontrolle über die möglichen Fähigkeiten Warrens zu haben.

Mit der Brechstange herausfordernd

Dass die Welt im Chaos versunken ist, merkst Du nicht nur an der dystopischen Umgebung, sondern auch im Aufbau der Spielwelt. Mit dem ausgezeichneten Worldbuilding der Soulsborne-Spiele kann The Surge nicht mithalten. Ohne zu viel vergleichen zu wollen, sind auch die 5-6 Bosskämpfe leider Lowlights des deutschen Action-RPGs. Meistens haben sie nur ein Gimmick, das es gilt herauszufinden, um den Boss zu überwinden. Um diese Schwachstelle zu entdecken, musst Du Dich durch mehrere Tode quälen. Jedes Mal stellt sich Dir dabei die Frage, ob es tatsächlich Deine eigene Schuld war, so zu versagen. Oft bist Du einfach machtlos, was einen unfairen Beigeschmack hat und wenig motiviert, den Bossgegner erneut anzupacken.

Wenn Du im Kampf zu Boden gehst, verlierst Du jegliche Altmetalle. Diese kannst Du in gewohnter Soulsbourne-Manier wieder einsammeln, allerdings nur in einem knappen Zeitraum, der Dir angezeigt wird. Zudem musst Du erneut an Unmengen an Feinden vorbei, schließlich spawnen sie nach jedem Aufenthalt im Ops Center erneut – Das ist keine faire Herausforderung, das schreit nach Unfairness mit der Brechstange.

Zusammenfassung

The Surge ist nicht einfach nur ein Soulsborne-Klon im Science-Fiction-Gewand. Viele neue Ansätze zeigen, dass die Entwickler von Deck13 vertraute Gameplay-Mechaniken erweitern wollten, auch wenn dabei nicht alles gelingen mag. Die durchschnittliche, für Sci-Fi-Fans vorhersehbare Handlung und die frustrierenden, unfairen Bosskämpfe sind die klaren Lowlights des Action-RPGs. Dafür gelingt dem deutschen Entwicklerstudio eine sinnvolle Erweiterung des Kampfsystems, indem gezielt Gliedmaßen anvisiert werden können, um Ausrüstung und Fähigkeiten im einfachen, aber guten Upgrade-System zu verbessern. Deck13 baut auf das auf, was bereits etabliert ist und versucht, etwas Neues damit zu schaffen – Ein Ansatz, der größtenteils gelingt.

The_Surge_Test_Thumb

The Surge wird Dir gefallen, wenn Du: die Soulsborne-Spiele magst, Herausforderung in Spielen suchst, schon immer mal Halb-Mensch und Halb-Maschine sein wolltest

The Surge wird Dir nicht gefallen, wenn Du: eine innovative Sci-Fi-Geschichte suchst, (in Spielen) orientierungslos bist, unfaire Bosskämpfe und Trial & Error hasst, Dich nicht für Fähigkeiten entscheiden kannst.

Wertung

7.5/10
Getestet von Sandro

The Surge ist schon jetzt eine der großen Überraschungen des Jahres. Es schafft nicht ganz den schmalen Grat zwischen motivierender Herausforderung und frustrierender Unfairness, aber für innovative Ideen wie dem Anvisieren von Gliedmaßen kann ich Deck13 gar nicht genug danken.

Na, angefixt?
zur Homepage für Windows

Neue Artikel von GIGA GAMES