Thief Test: Nicht toll und trotzdem mies!

Leo Schmidt
63

Ich habe es schon öfter gesagt, aber lasst es mich wiederholen: Die schlimmsten Spiele sind nicht etwa die totalen Gurken, die an keiner Ecke richtig funktionieren oder deren Code eilig vom Praktikanten in der Mittagspause zusammengeklöppelt wurde. Solche Games besitzen Unterhaltungswert. Nein, die schlimmsten (weil enttäuschendsten) Spiele sind diejenigen mit vergeudetem Potential und einem unerträglichen Maß an nichtssagender Profillosigkeit. Willkommen bei Thief.

Thief Test: Nicht toll und trotzdem mies!

Nachdem mein Kollege mit Gesichtspullover Tobi nach einem Vorschau-Event bereits deutlich geknickt in der Redaktion erschien, war meine Vorfreude schon etwas gedämpft. Das ursprüngliche Thief ist eine der Säulen und einer der Pioniere des Schleichgenres, und während ich natürlich nicht erwartet hatte, dass Eidos Montreal einfach sämtliche Entwicklungen des Genres ignorieren und nochmal dasselbe Spiel herausbringen würde, hatte ich doch zumindest gehofft, dass Thief mit den alten Stärken auftrumpfen würde. Modernisierung, natürlich, aber doch erkennbar eine Hommage an die früheren Teile – eine, die von Herzen kommt.

Leider ist aber das primäre Attribut, das ich Thief zuschustern würde, ein wohlverdientes „halbherzig“, und das ist fatal – viel schlimmer als ein totaler Reinfall. Wenn ein Game so richtig scheiße ist, kann viel schiefgegangen sein, auf jeden Fall aber hat man einen kohärenten Eindruck davon, was passiert ist. Bei Thief kann ich nichtmal präzise bestimmen, was das singuläre Problem ist, weil wirklich alles an diesem Titel nur halbwegs funktionell und dafür aber vollkommen spaßbefreit ist.

In einer graubraun viktorianisch-steampunkigen Urban-Suppe übernehmen wir die Kontrolle über Meisterdieb Garrett, der am Anfang der Story mit seiner Kollegin Erin einen Auftrag mit Anlauf in den Sand setzt. Erin ist anschließend weg und Garrett hat keine Erinnerung an das Jahr nach dem Vorfall. Langsam aber sicher kommt er einem mysteriösen Okkult-Plot auf die Schliche, der ihm Anlass dazu gibt, in acht Missionen stark bewachte Plätze zu infiltrieren und allerlei Zeugs zu mopsen.

Spiele 2014: Übersicht der wichtigsten Releases

Besuche spannende Orte und langweile dich dort!

Leider sind die Wendungen der Story, die den ollen Kleptomanen von einem Schauplatz zum nächsten schicken, reichlich wirr und unglaubwürdig konstruiert. Da braucht man also ein bestimmtes Artefakt, also muss man eine Festung infiltrieren, damit man das aber kann, braucht man die Information eines Gefängnisinsassen, um aber nun wieder in den Knast zu kommen, muss man beim Architekten desselben einbrechen und die Pläne holen… wie die Kaskade eines Droste-Effekts purzelt vor unseren Augen das eigentliche Ziel der Reise immer weiter in den Hintergrund und wird unter einer Lawine von umständlichen Umwegen begraben.

Glücklicherweise, und damit können wir dann auch den stärksten Punkt des Spiels abhaken, sind die Schauplätze ziemlich cool geraten. Egal ob Edelbordell, Irrenanstalt oder auch eine Fabrik zur industriellen Vernichtung von Pestleichen, alle Setpieces entfalten einen morbiden Charme und erfüllen ihre Rolle als schaurige Kulisse rein atmosphärisch ziemlich ordentlich. Ja gut, das Szenario ist nicht mehr ganz unverbraucht und auch bei der Liste der Locations werden viele sagen „Kenn ich schon, langweilig.“, aber als die eine Sache, die dem Spiel wirklich gut gelingt, muss das Ganze gewürdigt werden.

Denn schon bei der Ausführung der Levels wird es dann wieder unangenehm. Anstatt der Offenheit und freudigen Entdeckerlaune vergleichbarer Titel erwartet uns in Thief immer genau eine lineare Strecke durch die Levels, mit kleinen Nischen links und rechts, in denen wir optional Plunder klauen können. Die Herausforderung besteht nicht darin, mit Garretts Möglichkeiten seinen eigenen Weg zu finden. Sie besteht vielmehr darin, überhaupt den einen Weg zu finden, den es gibt, denn der ist dafür stets erstaunlich unintuitiv und schwierig zu entdecken. Die Frage „Was genau will das Spiel eigentlich gerade von mir?“ zischt einem wirklich öfter durch den Kopf.

Angefüllt sind diese Levels mit Wachen, die eine dermaßene Holzkopf-KI haben, dass man sich 15 Jahre in der Zeit zurückversetzt fühlt. Zugegeben, die Feinde in fast allen Stealth-Spielen sind doof, diese hier haben aber die Wahrnehmung eines Maulwurfs und das Gedächtnis eines Regenwurms mit Korsakow-Syndrom. Sollten sie Garrett entdecken, frieren sie auch ganz gerne mal ein und machen gar nichts. Das kann aber natürlich auch ein Bug sein, von denen hat das Spiel nämlich gar nicht mal so wenige.

Seiner Identität beraubt

Die eigentliche Tragik ist aber Garrett. Nein, ich meine nicht seinen schnarchnasigen Synchronsprecher oder seinen zu dick aufgetragenen Lidschatten. Es ist vielmehr so, dass Garrett früher ein verwundbarer Underdog war, der nur mithilfe des cleveren Einsatzes seiner Gadgets eine Chance hatte. Verwundbar ist er immer noch, und nicht zu knapp – kommt es zum Kampf, kann man eigentlich gleich wieder neu laden, was angesichts der zu langen Ladezeiten jedesmal eine Qual ist. Jedenfalls hat er keine coolen und nützlichen Nahkampfoptionen, was die Frage erlaubt, warum es in dem furchtbar programmatischen und aufgesetzten Upgrade-System noch und nöcher Aufwertungen für den Mumpitz gibt. Wer sich durchkämpfen will, spielt eh nicht richtig.

Die Gadgets hingegen sind einfach ein Jammerspiel. Denn was sagt der geneigte Thief-Fan dazu, wenn ich ihm erzähle, dass ich nach dem Tutorial nicht mehr auch nur einen einzigen Pfeil abschießen musste, um das Spiel zu meistern? Dass die meisten Lichtquellen eh immun gegenüber Wasserpfeilen sind, dass Seilpfeile mir nie einen neuen Pfad eröffnen, sondern immer nur in optionale Nischen führen? In denen kann ich dann die immer gleichen Schränke nach Klimperkram durchstöbern, den ich nur ausgeben kann für weitere Gadgets und Upgrades die ich, wie ich gerade beschrieben habe, nicht brauche und mit denen ich keinen Spaß habe. Dadurch leidet das Spiel natürlich noch mehr, denn es wird angesichts der sich stetig wiederholenden Spielsituationen und ausbleibender neuer Optionen für den Spieler auch richtig langweilig.

Thief ist ein Sammelsurium an verpassten Gelegenheiten. Und wisst ihr was? Ich hasse es, Spiele mit anderen Spielen vergleichen zu müssen, denn ich finde, dass jedes Game für sich steht und weitestgehend nach seinen eigenen Qualitäten bewertet werden sollte. Klar, wenn ein Spiel dreist vom Genrekönig klaut, dann kann und sollte man darauf hinweisen, aber solange das Ergebnis fetzt, könnte mir ehrlich gesagt nichts egaler sein. Hier aber schwebte mir von Anfang an eine Frage durch den Kopf und ließ mich nie wieder los: Warum spiele ich nicht einfach Dishonored, das so ziemlich alles wie Thief macht, nur funktionell, vielseitig und gut? Und das ist ein ganz, ganz schlechtes Zeichen.

Fazit

Thief macht nicht alles völlig falsch, aber abgesehen von der netten, wenn auch spielerisch arg dämlich gestalteten Welt, macht es eben auch nichts richtig. Die aufgesetzten und abgeklapperten Punkte moderner Spielekonvention – Rollenspielelemente, annähernd offene Welt usf. – können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Kern des Spiels, das Schleichen, Manövrieren und Sammeln, eine wenig durchdachte, eintönige und selbst auf mechanischer Ebene asthmatisch ächzende Schnarchnummer sind, die in ihren besten Momenten durchblicken lässt, dass hier mit ein wenig mehr Arbeit vielleicht ein cooles Spiel drin gewesen wäre. So aber bewegt sich Thief zwischen „naja“ und „och nö“. Was für eine Schande.

Unsere Wertungsphilosophie

Wir haben die PS4-Version von Thief getestet

Wertung

4/10
Getestet von Leo

Langweilig, einfallslos und es funktioniert nicht mal, wie es soll. Ein Paradebeispiel dafür, wie Reboots nicht aussehen sollten. Schade drum.

Weitere Themen: Eidos

Neue Artikel von GIGA GAMES