Stealth-Spiele sind Kinderkacke: Oder wie ich die Hardcore-KI meiner Tochter besiegt habe (Komplettlösung)

Tobias Heidemann
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In letzter Zeit bin ich ziemlich oft geschlichen. Thief, Ground Zeroes, Lords of Shadow 2 – alles Spiele, die mir größtmögliche Unauffälligkeit abverlangten. Besonders fordernd waren diese Titel allerdings nicht. Im Gegenteil! Der Thief-KI wäre selbst ein überzuckerter Ronald McDonald nicht aufgefallen, Big Boss ist einfach zu cool, um sich erwischen zu lassen und die vermaledeite Schleichpassage aus Lords of Shadow 2 war so mies designt, dass sie sogar einen Ninja in den Seppuku getrieben hätte. Selbst gemeinhin als schwer geltende Stealth-Titel wie Mark of the Ninja stellen für mich keine besondere Herausforderung dar. Wer schon zu Zeiten von Tenchu und Dark Project durch die Botanik geschlichen ist, dem kommt das zeitgenössische Casual-Geschleiche einfach viel zu seicht vor. Man könnte also sagen – und zwar auf die bewusste Gefahr hin, sich total lächerlich zu machen – dass ich ein Meister der Schatten bin. Das dachte ich zumindest bisher. Doch dann kam meine Tochter zur Welt.

Stealth-Spiele sind Kinderkacke: Oder wie ich die Hardcore-KI meiner Tochter besiegt habe (Komplettlösung)

Eines vorweg: Videospiel-Logik sollte die Pixelwelt niemals verlassen. Wer Spiel-Mechaniken im wahren Leben anwendet, dem kann eigentlich nicht mehr geholfen werden. Und doch kann ich manchmal einfach nicht anders. Ich gehöre zu jenen Idioten, deren Fantasie regelmäßig von Portalkanonen, Leuchtfeuern und Wallruns invasiert wird. Das war schon immer so. Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich mir beim Versuch, einen Trick aus Skate or Die! zu stehlen, drei Bänder im linken Fuß gerissen. Das Schöne daran: Ich lerne wenigstens nicht aus meinen Fehlern.

Aktuelles Beispiel: Meine Tochter ins Bett bringen. Für alle, die auf die besondere Lebenserfahrung bisher verzichtet haben oder denen sie noch bevorsteht – es klingt deutlich leichter als es tatsächlich ist. Um genau zu sein, es ist bockschwer.

Einen dreieinhalb Monate alten Säugling ins Bett zu bringen erfordert vorausschauendes Denken, eine flexibel operationalisierbare Strategie, sehr viel Ausdauer, Agilität und Willenskraft, sowie eine enorm hohe Frustresistenz.

Wer die Hauptmission „Baby-Schlaf“ aber auch erfolgreich abschließen will, der braucht neben diesen Vorrausetzungen noch eine weiteres Set von ganz speziellen Fähigkeiten: Stealth-Skills! Mit dem liebevollen Wiegen im Arm, dem Summen eines Schlafliedes, dem obligatorischen Gute-Nacht-Küsschen und dem Warten auf den richtigen Moment, ist die Sache alles andere als erledigt. Danach wird es erst richtig spannend – und ich meine spannend, nervenzerreißend spannend, Herzkasper-spannend!

Ist das Kind in Papas Armen erst einmal eingeschlafen, begibt sich der Säugling nämlich nicht sofort in den Tiefschlaf – er tritt lediglich in einen hochsensiblen Überwachungsmodus ein. Durch gelegentliche Sinnesaktivierungen – die Augen öffnen und schließen sich in einer willkürlichen Frequenz, die Ohren nehmen akustische Signale ohne erkennbares Muster auf – stellt das Baby sicher, dass sich im überwachten Bereich absolut nichts ändert. Ist Papa noch da? Ja! Ist Papa noch da? Ja! Ist Papa...NEIN! WO IST PAPA? You get the picture.

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Ein Fehler und der Säugling aktiviert umgehend den Alarm

Weicht die gewohnte Umgebung also von diesem vordefinierten Idealzustand ab, aktiviert der Säugling umgehend den Alarm. Mit anderen Worten: Er schreit so laut er kann. Und zwar so lange und erbarmungslos, bis der besagte Idealzustand wieder hergestellt ist. Dann beginnt das Spiel von vorn. Der Level lädt neu.

Für dieses Spiel gibt es bisher keine Komplettlösung. Nur ein paar Tipps und Tricks aus Eltern-Ratgebern, die noch nie jemanden wirklich geholfen haben. Jedes Kind ist nun mal anders. Was es allerdings gibt, ist ein Cheat, der von Millionen verzweifelter Eltern auf der ganzen Welt angewendet wird. Und der geht so: Man hält das Baby einfach so lange im Arm, bis es tief und fest schläft. Das kann allerdings Stunden dauern. Stunden! Abgesehen davon, dass diese Form des Parenting durchaus umstritten ist, da das Kind in diesem Alter langsam lernen muss, ohne die Hilfe der Eltern einzuschlafen, ist dieser Cheat auch sonst keine besonders gute Lösung. Kein Mensch will schließlich jeden Abend stundenlang in einem abgedunkelten Zimmer hocken und die Wand anstarren. Und so beginnt man fast automatisch mit neuen Taktiken zu experimentieren. Womit wir wieder bei meinen legendären Stealth-Skills wären.

Wer sein Kind bereits vor der Tiefschlafphase ablegen möchte, der hat es gewissermaßen mit einem High Risk (Säugling schreit) High Reward-Ansatz (Mama und Papa haben endlich mal wieder Zeit für sich) zu tun. Hat man das Kind erst einmal sanft ins Bettchen gelegt – ein kurzes, nicht sonderlich forderndes Mini-Game, das ich sehr schnell fehlerfrei absolvieren konnte – gilt es, sich komplett lautlos zu bewegen. Die KI darf nicht alarmiert werden!

Unnötige Atemgeräusche sind ebenso zu vermeiden wie das Betreten des Lichtkegels der Baby-Nachtlampe. Man bewegt sich am besten ausschließlich im Schatten. Der Umweg durch das Bett der Eltern mag länger dauern, lohnt sich aber durchaus, da man die erhellten Bereiche des Levels komplett vermeidet. Öffnet das Kind die Augen während man sich im beleuchteten Level-Bereich befindet, heißt es nämlich ganz schnell Game Over. Beim Überqueren des elterlichen Bettes empfiehlt sich eine geduckte Vierfüßler-Haltung. Mit dem Anmut eines bengalischen Tigers schleicht man vorsichtig und vollkommen geräuschfrei durch das abgefederte Territorium. Dann folgt der schwierige Teil: Der Dielenbogen.

Tipps & Tricks: Vermeiden Sie Lichtkegel und Dielenböden

Das akribische Studium des Gefahrenbereichs ist nun unabkömmlich. Der Boden ist mit tödlichen Fallen gespickt. Betritt man eine lose Diele und aktiviert unfreiwillig ein lautes Knarren, schreckt das den Baby-Boss umgehend auf – er wird dann die Umgebung mindestens zweimal in Folge komplett durch scannen. Wer in diesem Moment allerdings schnell handelt, hat noch eine geringe Überlebenschance. Schleichspezialisten sollten sofort von ihren katzenartigen Reflexen Gebrauch machen (es braucht einen Geschicklichkeitswert von mindestens 17) und sich in eine Art Schreckstarre versetzen. Mit etwas Glück hält sie das Kind dann für einen merkwürdigen Kleiderständer. Man sollte sich aber auf keinen Fall zu früh in Sicherheit wähnen. Wie gesagt, das Kind scannt immer zweimal!

Wird man entdeckt, muss man in der Regel neu laden. In seltenen Ausnahmefällen ist es mir jedoch gelungen, einen im Vorfeld in der Gefahrenzone abgelegten Umzugskarton als künstliche Deckung zu nutzen. Diese Methode empfiehlt sich aber nur für äußerst erfahrene Schleich-Experten und kann bei nicht fachmännischer Benutzung zu bleibenden Schäden an Schienbeinen und Selbstbewusstsein führen.

Durchläuft man die Todeszone indes ohne Alarmierung des Säuglings, hat man es so gut wie geschafft. Sobald der Türspalt in Reichweite ist, empfiehlt es sich aber, nicht gierig zu werden. Unvorsichtige Zeitgenossen werden auf den letzten Metern gerne mal übermütig und vergessen das Quietsch-Geräusch der Tür. Diese gilt es extrem langsam zu öffnen. Bewusstes Ausatmen hilft dabei. Auch sollte man in den entscheidenden Momenten vor Abschluss der Mission plötzliches Husten oder gar etwaige Darmwinde tunlichst vermeiden. So kurz vor dem Sieg schmerzen Niederlagen besonders.

Hat man das Schlafzimmer verlassen und schläft die Kleine seelenruhig, erhält man automatisch das Achievement „Silent Dad“. Darauf darf man sich gerne was einbilden. Stealth-Spiele sind dagegen absolute Kinderkacke.

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