Tomb Raider Test – Wiedergeburt einer Ikone

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Lara Croft ist seit 1996 eine Videospiel-Ikone. Zwar hatte die charismatische und wagemutige Britin schon immer Charakter, wie sie zu einer bis an die Zähne bewaffneten Super-Archäologin wurde, wissen wir indes kaum. Das neue „Tomb Raider“ will nun genau diese Frage klären. Eines vorweg: Das gelingt nur bedingt. Und noch was vorweg: Das Spiel ist trotzdem super!

Es ist schon beängstigend, wie sehr uns die neue Lara binnen weniger Spielstunden ans Herz wächst. Nach dem kurzen Intro, in welchem Lara samt Crew auf einer tropischen Insel vor der japanischen Küste strandet und von Unbekannten bewusstlos geschlagen wird, wacht die junge Abenteurerin kopfüber hängend in einer dunklen Höhle auf. Es folgen Stürze auf spitze Gegenstände, beinahe-Vergewaltigungen, Bärenfallen und zahlreiche Schnitt-, Kratz-, Schürf- und Schusswunden.

Was die arme Lara da in den ersten Abschnitten von „Tomb Raider“ durchmachen muss, geht ans Mark. Mit Müh und Not schafft sie sich ihr erstes Lagerfeuer, geht mit Pfeil und Bogen auf die Jagd nach Nahrung und kontaktiert ihre auf der Insel verstreute Crew. So verletzlich und schwach, wie uns Entwickler Crystal Dynamics Miss Croft zunächst vorstellt, ist sie dann aber doch nicht. Ganz und gar nicht. Sobald die angehende Schatzjägerin ihre erste Knarre findet, wird sie zur Superfrau.

Dieser Übergang ist leider wenig nachvollziehbar, gerade im Kontrast zum ernsten Ton der dramatischen Geschichte streckt es die Grenzen der Glaubwürdigkeit, wenn Lara ohne Probleme Heerscharen von böswilligen Inselbewohnern niederstreckt. Wenn sie anschließend noch meterhohe Stürze – und von denen gibt es zahlreiche – überlebt, wirkt das irgendwie weit hergeholt. Einem leichtherzigen Nathan Drake nimmt man solche Taten ab, weil er sie auch immer mit einem lockeren Spruch kommentiert. Lara wiederum scheint, ihren ächzenden und stöhnenden Lauten nach zu urteilen, zu leiden, schüttelt eine unter ihr zusammenbrechende Brücke aber trotzdem einfach wieder ab.

Den Vergleich mit „Uncharted“ muss sich „Tomb Raider“ übrigens gefallen lassen. So wie die Abenteuer von Nathan Drake aus den ersten „Tomb Raider“-Teilen entstanden sind, ist das neue Werk von Entwickler Crystal Dynamics nun von „Uncharted“ inspiriert. Glücklicherweise beweist die britische Spieleschmiede ein Händchen für diese Art Action und Abenteuer – „Tomb Raider“ ist geladen mit Adrenalin.

Bisweilen kommt es einem so vor, als hätte Crystal Dynamics akribisch eine Checkliste an Wow-Momenten abgearbeitet: Flucht aus brennenden Häusern? Check. Gefährliche Rutschpartien auf steinigen Bergen? Check. Einstürzende Brücken, Slow-Motion, Flucht vor herunterstürzenden Objekten mit umgedrehter Kamera? Check, check und check! So methodisch wie der Einbau solcher Passagen jetzt klingt, ist er natürlich nicht. Wie im Rausch werdet ihr euch durch die erste Hälfte von „Tomb Raider“ spielen, beeindruckt von der packenden Action und den malerischen Panoramen, die die Entwickler da auf den Bildschirm zaubern.

Dabei vergisst man dann schnell, dass einem zu Beginn des Spiels die Jagd mit dem Bogen beigebracht wurde. Die ist im weiteren Spielverlauf nämlich komplett unnötig. Es gibt kein Nahrungssystem, keine Überlebensmechaniken, auf die wir achten müssten. Stattdessen sammeln wir Erfahrungspunkte und Ressourcen, mit denen wir neue Fähigkeiten freischalten und unsere Ausrüstung verbessern. Diese Rollenspielanleihen wirken arg aufgesetzt und überflüssig, ist Lara doch auch so schon stark genug. Neue Gadgets wie brennende Pfeile oder Granatwerfer werden zudem an festen Stellen im Spiel freigeschaltet.

Dafür sitzen die Grundsäulen des Spiels: Klettern, springen und an Seilen hangeln macht Spaß und fühlt sich nicht so automatisiert an wie in „Assassin's Creed“ oder „Uncharted“. Oft müssen wir via Tastendruck schnell reagieren, wenn Lara einen Sprung nicht ganz schafft, um uns mit dem Eispickel an die rettende Bergwand zu krallen. Die Schusswechsel machen gerade zu Beginn erstaunlich viel Spaß, ob mit Bogen, Pistole oder Schrotflinte. Das Trefferfeedback stimmt, das Coversystem funktioniert prima und selbst im Nahkampf weiß sich Lara zu wehren, nur kommen da weniger spannende Quick-Time-Events zum Einsatz, die „Tomb Raider“ sonst nur bedacht und effektiv in cinematischen Sequenzen einsetzt.

Stealth ist auch oft eine Option, auf die das Spiel allerdings nicht wirklich ausgelegt ist. Meist ist es so, dass ihr nach den ersten zwei, drei Stealth-Kills – ob mit Bogen oder hinterrücks via Nahkampf – aus unerfindlichen Gründen entdeckt werdet und ein offenes Gefecht ausbricht. In der zweiten Spielhälfte macht „Tomb Raider“ dann endgültig klar, dass es hier eher um Action geht. Dann nämlich fangen die stationären Dauerkämpfe an, in denen wir zwischen zwei oder drei Deckungen wechseln und eine Gegnerwelle nach der anderen niedermähen. Das war schon in „Uncharted“ langweilig und ist es hier auch. Der hervorragende Spielfluss und die vorbildliche Abwechslung der ersten Spielhälfte geht dann teilweise verloren.

„Aber Tom, gibt es zwischen all der Action und dem Rumgehüpfe auch Rätsel? Die haben mir in den ersten Teilen immer besonders viel Spaß gemacht!“, höre ich einige von euch fragen. Ja, klar gibt es die. Zum Glück sind das nie Verschiebe-den-Block-Puzzles, stattdessen geht es oft um Timing und Physik. Im Hauptspiel sind die Denkaufgaben übrigens rar gesät, dafür gibt es zahlreiche optionale Gräber, die euch nach einem gerne auch mal knackigeren Rätsel mit einer Schatztruhe belohnen.

Und dann wäre da noch die Präsentation. Man, sieht dieses Spiel gut aus! Crystal Dynamics zaubert hier eine finstere Inselwelt aus dem Hut, die sich mit ihren Aussichten und ihrer Inszenierung nicht vor „Far Cry 3“ oder „Uncharted 3“ verstecken muss. Wir haben die PlayStation 3-Version gespielt und bis auf vereinzelte Framerateeinbrüche gehört das hier abgelieferte Grafikpaket zum Besten, was man in dieser Generation zu Gesicht bekommen hat.

Den Mehrspieler-Modus konnten wir zum Zeitpunkt des Tests leider noch nicht anspielen, die Wertung bezieht sich daher ausschließlich auf die Kampagne.

Fazit:

Tomb Raider“ ist ein Erlebnis, die neue Lara Croft eine Heldin, in die man sich verlieben kann. Action und Inszenierung können mit den ganz Großen mithalten, die Hüpfereien übertreffen sogar die großen Genrekollegen. Dazu erzählt „Tomb Raider“ eine Geschichte, die trotz kleinerer Logiklücken bis zum Ende spannend bleibt.

Zerlegt man das neue Werk von Crystal Dynamics in seine Einzelteile, sieht man sehr deutlich, an welchen Stellen sich hier bedient wurde. Viele Spielmechaniken mussten mit rein, einige davon hätte man sich sparen können. Levelaufstiege braucht Lara nun wirklich nicht und Stealth hätten wir gerne öfter benutzt, nur gibt es dazu kaum Gelegenheit. Am stärksten nagt aber die zweite Spielhälfte an der Wertung, die zu oft auf in die Länge gezogene Feuergefechte setzt.

Wenn dann aber nach acht bis zehn Stunden die Credits über den Bildschirm laufen, werdet ihr trotzdem zufrieden euren Controller zur Seite legen. Denn das, was ihr gerade erlebt habt, ist nichts Geringeres als die außerordentlich starke Wiedergeburt einer Videospiel-Ikone.

Wertung: 85%

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2013

Weitere Themen: Tomb Raider Demo, gamescom 2013: Vorverkauf für 2014 hat begonnen, Square Enix

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