Torment - Tides of Numenera im Test: Die Rollenspiel-Offenbarung für Leseratten

Alexander Gehlsdorf

Planescape: Torment aus dem Jahr 1999 gilt unter Liebhabern als bestes Rollenspiel aller Zeiten. Torment: Tides of Numenera versucht nun, in die Fußstapfen des Originals zu treten. Allerdings erbt das Spiel dabei nicht nur die guten Seiten des großen Vorbilds.

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Torment: Tides of Numenera - Launch-Trailer
Du stehst auf beeindruckende Grafik, actionreiche Kämpfe, fetten Sound, technische Effektgewitter und mitreißende Zwischensequenzen? Falls ja, dann kannst Du bereits jetzt mit dem Lesen aufhören, denn Torment: Tides of Numenera bietet nichts davon. Trotzdem gehört das neue Spiel von inXile Entertainment zu den besten Rollenspielen der letzten Jahre – Aber nur, wenn Du Dich darauf einlässt.

(Wieder)Geburt

Ich falle vom Himmel. Wer bin ich? Warum kann ich mich an nichts erinnern? Unter mir sehe ich die Erde. Von Sekunde zu Sekunde komme ich dem Planeten näher. Erinnerungsfetzen spuken durch meinen Kopf. Ich mache mich flach und versuche den Fall zu bremsen. Ich schließe die Augen und ergebe mich meinem Schicksal. Ist das das Ende?

Nein, das ist erst der Anfang von Torment: Tides of Numenera. Du bist die abgeworfene Hülle einer mächtigen Entität, der Wandelnde Gott genannt. Seit Jahrhunderten transferiert dieser sein Bewusstsein in immer perfektere, künstliche Körper um so dem Tod zu entkommn. Verständlich, dass ein solcher Körper mit allerlei Vorzügen ausgestattet ist, Selbstheilung zum Beispiel. Was der Wandelnde Gott jedoch nicht beabsichtigte: Wann immer er einen Körper zurücklässt, wird darin ein neues Bewusstsein geboren.

Dunkelheit. Wo bin ich? Fernab von Raum und Zeit irre ich durch mein eigenes Unterbewusstsein. Dort, eine Erinnerung! Mir stehen ein schwer bewaffneter Riese und eine gut gerüstete Kämpferin gegenüber. Wie bin ich damals nur aus dieser Situation entkommen? Habe ich meine Aufmerksamkeit dem Riesen gewidmet? Habe ich defensiv gekämpft, um eine mögliche Schwachstelle zu finden? Ich stoße auf weitere Szenen aus meinen früheren Leben und Körpern. Sie helfen mir zu verstehen, wer ich war. Und wer ich bin.

Bereits die Charaktererstellung setzt auf pures Rollenspiel. Welche der drei Klassen Du angehören wirst – kampfstarker Glaive, trickreicher Jack oder magiebegabter Nano – ergibt sich in erster Linie aus den beschriebenen Frage-Antwort-Spielen. Bereits hier wird klar: Lesefaule sind hier falsch. Bis auf die schwarze Unendlichkeit des Unterbewusstseins, konnte Torment bis zu diesem Punkt visuell nicht viel bieten. Dennoch haben sich in meinem Kopf ganze Welten aufgetan. Die Qualität der Texte ist die mit Absand größte Stärke des Spiels. Aufwändige Effekte, Grafikpracht und Zwischensequenzen werden überflüssig, wenn im Kopfkino die Synapsen heiß laufen.

Torment: Tides of Numenera
Preis: 44,99 €
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Feder und Schwert

Nano. Ich erinnere mich. Mystik, arkane Kunst und Intellekt, das sind meine Stärken. Ich öffne die Augen, das Leben hat mich wieder. Ich werde von zwei Personen empfangen. Ich habe den Sturz vom Himmel überlebt. Ob ich der wandelnde Gott sei? Nein, ich bin lediglich eine abgeworfene Hülle. Vor der Tür die böse Überraschung. Der Aufprall hat Aufsehen erregt, bewaffnete Männer stellen sich mir in den Weg. Ich erkläre ihnen, dass auch ich die Hintergründe des Absturzes untersuche. Das ist gelogen, doch so kann ich unnötiges Blutvergießen vermeiden. Wohin der Weg jetzt geht? Ich folge einem meiner Begleiter, Aligern, zum Kult des Wandelnden Gottes. Dort wird meine Reise weitergehen.

Auch in den Kämpfen, bleibt Torment: Tides of Numenera ganz Rollenspiel. Blutvergießen lässt sich fast immer vermeiden. Häufig lassen sich durch geschickte Verhandlung, ein überzeugendes Argument, eine clevere Lüge oder einer gekonnten Drohung die Fronten schlichten. Auch wenn Dein Charakter weniger redegewandt ist, stehen Dir einige Alternativen zur Verfügung. So kannst Du ich an potentiellen Gegner vorbeischleichen, die Umgebung zu Deinem Vorteil nutzen, Widersacher in Fallen tappen lassen oder schlicht die Beine in die Hand nehmen.

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Glaive. Ich erinnere mich. Geschick im Kampf und ein kräftiger Körper, das sind meine Stärken. Ich öffne die Augen, das Leben hat mich wieder. Ich werde von zwei Personen empfangen. Ich habe den Sturz vom Himmel überlebt. Ob ich der wandelnde Gott sei? Nein, ich bin lediglich eine abgeworfene Hülle. Vor der Tür die böse Überraschung. Der Aufprall hat Aufsehen erregt, bewaffnete Männer stellen sich mir in den Weg. Ich stelle mich zum Kampf. Gemeinsam mit meinen beiden Begleitern gelingt es mir, die Angreifer abzuwehren. Wohin der Weg jetzt geht? Ich folge einem meiner beiden Begleiter, Callistege, zum Orden der Wahrheit. Dort wird meine Reise weitergehen.

Löst Du Konflikte lieber mit dem guten, alten Stahl-Knigge, dann verlaufen die Kämpfe in Torment: Tides of Numenera rundenbasiert. Pro Zug stehen Dir eine Bewegung und eine Aktion oder zwei Bewegungen zu Verfügung. Insgesamt sind die Gefechte eher zwecksmäßig. Die taktische Tiefe eines Divinity: Original Sin kann Torment zu keinem Zeitpunkt erreichen. Auch die verfügbaren Fähigkeiten und Angriffe sind eher überschaubar. Wird es einmal brenzlig, kannst Du jedoch auf sogenannte Cyphern zurückgreifen. Diese erlauben mächtige Effekte, pro Cypher allerdings nur einmal. Doch auch wenn ein Kampf mal in die Hose geht, bist Du nicht zum Neustarten gezwungen. Dein gottgleicher Körper ist nahezu unsterblich. So wirst Du für gewöhnlich lediglich zurück in Dein Unterbewusstsein geschickt, von wo aus Du in Deinen inzwischen geheilten Körper zurückkehren kannst. Hin und wieder ist Scheitern sogar die Interessantere Option und eröffnet Dir alternative Wege zum Lösen der Quests.

Zwei Seiten einer Medaille

Jack. Ich erinnere mich. Ein gerissener Alleskönner mit jeder Menge Charisma, das bin ich. Ich öffne die Augen, das Leben hat mich wieder. Ich werde von zwei Personen empfangen. Ich habe den Sturz vom Himmel überlebt. Ob ich der Wandelnde Gott sei? Warum eigentlich nicht…

In Torment: Tides of Numenera gleicht kein Anlauf dem anderen. Bereits innerhalb der ersten Spielminuten triffst Du zahlreiche Entscheidungen, die den Verlauf des Spiels prägen werden. Selbst beim zweiten oder dritten Durchspielen wirst Du noch Neues im Spiel entdecken, alle Inhalte mit nur einem Charakter zu sehen ist unmöglich. Das klingt nach jeder Menge Abwechslung, fesselnden Entscheidungen und denkwürdigen Situationen, jedoch ist das nur die eine Seite der Torment-Medaille. Das Spiel ist schwer zugänglich, fummelig, unkomfortabel, sperrig und grafisch weit hinter den technischen Maßstäben der Genre-Konkurrenz.

Es ist nicht zu bestreiten, dass es jede Menge Spieler geben wird, die aufgrund dieser technischen Defizite nie mit Torment warm werden. Wer sich durch diese Hürden beißt, wird jedoch zweifelsohne belohnt. Das Spiel bietet Dir so viel, wie Du selbst bereit bist zu investieren und obwohl das Fehlen einiger Genre-Standards und Komfortfunktionen wie Nachlässigkeit wirkt, lassen sich bei näherer Betrachtung dennoch nicht die Vorteile verheimlichen. Nirgendwo wirst Du in Torment Questmarker, Wegweiser oder markierte Zielpersonen finden. Stattdessen ist es notwendig, die Einträge des Journals genau zu lesen,  jede Textzeile in den Dialogen aufmerksam zu verfolgen, Dir Namen von Orten und Charakteren zu merken und Deine eigenen Schlüsse zu ziehen. Die Welt und ihre Zusammenhänge werden Dir erst durch diesen zusätzlichen Aufwand wirklich bewusst und Du bist auf diese Weise gezwungen, die unzähligen, fantastisch geschriebenen Texte tatsächlich zu lesen.

Mein Fazit zu Torment: Tides of Numenera

Da das Gameplay und die weniger komplexen Kämpfe im Vergleich zur Textqualität nahezu zum Beiwerk verkommen, kannst Du Dir Torment wie einen gigantischen, interaktiven Roman vorstellen. Ein Choose-Your-Own-Adventure-Buch der Superlative. Allerdings musst Du Dir bewusst sein, dass die Faszination des Spiels in erster Linie Deiner eigenen Fantasie entspringt. Präsentation und Grafik bieten nicht mehr als das Nötigste, die Arbeit der Autoren kann die vermeintlichen Defizite jedoch mühelos ausgleichen. Das ist nicht jedermanns Sache, wer sich aber auf die enormen Textmengen einlässt, den erwartet eine fantastische Spielwelt, jede Menge Wiederspielwert und das am besten geschriebene Spiel der letzten Jahre. Somit kann Torment: Tides of Numenera das Original Planescape: Torment aus dem Jahr 1999 in jeder Hinsicht beerben.

Wertung

8/10
Getestet von Alexander

Für geduldige Leseratten ist Torment: Tides of Numenera ein zeitloses Meisterwerk. Die spärliche Präsentation und das unkomfortable Spieldesign können jedoch so manchen Spieler abschrecken.

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