What Remains of Edith Finch im Test: Lass mich Dir vom Tod erzählen

Kristin Knillmann

What Remains of Edith Finch ist ein besonderes Spiel. Es ist ein Spiel, das Dich auf überraschende Weise mit dem Tod konfrontiert und es dabei schafft, mehr über das Leben zu erzählen als manche Rollenspiele.

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What Remains of Edith Finch - Trailer

Es gibt Dinge im Leben, von denen verabschiedest Du Dich für immer. Und dann gibt es die Dinge, zu denen kehrst Du immer wieder zurück – sei es gedanklich und nur in Deinem Kopf oder wortwörtlich. So geht es auch Edith Finch, dem titelgebenden Mädchen von What Remains of Edith Finch. Nach einigen Jahren kehrt sie zurück zum verlassenen Finch-Anwesen, um mehr über ihre verstorbenen Familienmitglieder zu erfahren, die dort ihr Leben verbrachten – über deren wirkliche Todesursache ihre Mutter aber nie ein Wort verlor.

Bedrückende Stimmung im Finch-Anwesen

Das Anwesen dient als eine Art Mausoleum für die große Familie. Während Du den seltsamen Grundriss von außen noch ganz verwundert betrachtest, erkennst Du im Inneren den wahren Grund. Jede Person, die einst zur Familie Finch gehörte, hat ihren eigenen Raum. Sind die Familienmitglieder verstorben, wird das Zimmer versiegelt und kann nur noch durch ein kleines Guckloch vom Flur aus betrachtet werden. Aus Mangel an Räumen bauten die Finchs irgendwann neue Räume für die Nachfahren auf das Haus drauf und türmten es so auf groteske Weise in die Höhe.

What Remains of Edith Finch
Entwickler: Giant Sparrow
Preis: 19,99 €

Die absurde Schönheit birgt das Finch-Anwesen im Inneren: Als Edith Finch erkundest Du das Haus über Treppen und Geheimgänge und findest so Zugang zu allen eigentlich verschlossenen Räumen, um Deinen Familienstammbaum mit Geschichten und Gesichtern zu füllen. Jeder Raum ist ein Sprung in die Vergangenheit und erzählt wortlos durch brillant platzierte Objekte wie Bilder, Bücher und Liebhaberstücke mehr über die Identität seiner ehemaligen Bewohner.

Das Leben und die Tode der Familie Finch

Das eigentliche Kunststück von What Remains of Edith Finch liegt an dieser Stelle allerdings noch vor Dir. Das Spiel oder besser: das Stück interaktive Fiktion, erlaubt Dir und Edith in jedem Raum einen Blick in ein Buch oder einen Brief zu werfen und offenbart so die jeweilige Geschichte des verstorbenen Familienmitglieds. Was daraus folgt sind viele kleine Kurzgeschichten, in denen Du den jeweiligen Todeszeitpunkt nacherlebst. Das ist oft traurig, manchmal sogar unbeschwert, aber immer so überraschend wie der Tod selbst.

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Obwohl in manchen Kurzgeschichten hin und wieder nicht ganz deutlich wird, was Du tun musst, möchte ich die Kreativität und Schreibe der Entwickler Giant Sparrow (The Unfinished Swan) an dieser Stelle besonders hervorheben: Jede einzelne Kurzgeschichte ist liebevoll entworfen und würdigt das verstorbene Familienmitglied entsprechend. Seien es die überwiegend guten und authentischen Sprecher oder die aufrichtig gewählten Worte, die zusätzlich in Form von visualisiertem Text auftauchen, welcher in das spärliche Gameplay eingebunden wurde.

Vor allem aber ist es diese ganz unterschiedliche Präsentation jeder einzelnen Erzählung, die What Remains of Edith Finch so herausragend macht. Hier möchte ich gar nicht zu viel verraten, denn es ist immer wieder eine schöne Überraschung, wie divers die Gedanken und Probleme der Finch-Familie präsentiert werden, wie komplett andersartig sich eine Comicbuch-Sequenz von einer konstruierten Traumwelt spielt und wie letztlich doch alles in einen kohärenten Abschluss der Finch-Geschichte mündet.

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Zugegeben, diese Geschichte ist mit ihren zwei bis drei Stunden recht kurz. Und doch weiß das Spiel seinen Fokus so zu setzen, dass die Erfahrung keine Sekunde länger hätte sein müssen. Schon während die Credits laufen, wirst Du über die gespielten Kurzgeschichten, aber auch über Dein Leben nachdenken. Und selbst Tage später werden Dir die sorgsam erzählten Schicksale der Finch-Familie noch nicht aus dem Kopf gehen.

EdithFinch

Mein Test-Fazit zu What Remains of Edith Finch:

„What Remains of Edith Finch ist ein besonderes Spiel.“ Das wurde mir spätestens in dem Moment bewusst, als ich mitten in der Nacht wach wurde und jede Kurzgeschichte erneut im Kopf durchspielte. Die Erfahrung auf dem Bildschirm, bei der mich maximal die etwas schwerfällige Steuerung störte, war zwar kurz. Die starke Intensität des Gesagten und Gespielten macht das aber wieder wett, sodass ich trotzdem noch viele weitere Stunden mit der Geschichte von Edith Finch und ihrer tragischen Familie verbringen werde.

Insbesondere eine der späteren Geschichten wird mir lange Zeit im Kopf bleiben: Ich ziehe meinen Hut vor den Entwicklern für eine der stärksten Visualisierungen von Depressionen und Eskapismus in Videospielen überhaupt. Simpel, aber effektiv. Wie das komplette Spiel selbst.

Für Fans von: The Vanishing of Ethan Carter, Gone Home

Wertung

9/10
Getestet von Kristin

Diese kleine Anthologie aus Kurzgeschichten über die seltsamen und verfrühten Tode der Familie Finch ist traurig, eindringlich, abwechslungsreich präsentiert – und ultimativ positiver als das Thema verspricht. Sehr gelungen! (Und übrigens auch perfektes Material, alle Nicht-Videospieler von Deinem Lieblingsmedium zu überzeugen!)

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