Wolfenstein 2 - The New Colossus im Test: Für die Freiheit, für das Leben

Alexander Gehlsdorf
7

2015 demonstrierte Wolfenstein: The New Order eindrucksvoll, wie ein Shooter heutzutage aussehen muss. Jetzt ist William Blazkovicz zurück, um auch die USA vom Faschismus zu befreien. Kann der Nachfolger der hohen Messlatte gerecht werden?

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Wolfenstein 2 - The New Colossus - Launch Trailer

Faschismus in den USA. In den Straßen der amerikanischen Großstädte marschieren Nazis, in einigen Teilen des Landes hat der Ku-Klux-Klan das Sagen, sauberes Trinkwasser ist keine Selbstverständlichkeit, Nicht-Weiße gelten als Bürger zweiter Klasse und werden für Nichtigkeiten eingesperrt oder von der Polizei erschossen. Ohne Frage, seit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA hat sich einiges zum Schlechten verändert.

Erschreckend nah an der realen Welt ist die fiktive Geschichte von Wolfenstein 2: The New Colossus. Die „Friedenstruppen“ des deutsche Regimes haben 1949 die Vereinigten Staaten erobert, nachdem diese im Zuge der nuklearen Zerstörung New Yorks die Waffen niederlegten. 1961 ist die deutsche Besatzung zur Normalität geworden, trotzdem haben immer noch nicht alle den Glauben an das „Land of the Free“ verloren. Es fehlt nur jemand, der ihnen den Kampfgeist zurück gibt und dieser Jemand ist William Blazkovicz.

Das Spiel um Leben und Tod

Nach dem Finale des Vorgängers Wolfenstein: The New Order steht es um den Revolverhelden jedoch alles andere als gut. Nur knapp hat er General Totenkopfs Granate überlebt und verbringt die nächsten fünf Monate im Koma. Als er erwacht, ist sein Körper nur noch ein Schatten seines früheren Ichs. William ist dem Tod so nah wie noch nie zuvor und nur drei Dinge halten ihn noch am Leben: Der Kampfanzug der Da’at Yichut, seine Mission, die Welt vom Regime zu befreien und die Stimme seiner geliebten Anya.

Überhaupt erzählt Wolfenstein 2: The New Colossus eine weitaus persönlichere Geschichte als noch der Vorgänger. So spielt nicht nur Williams Beziehung zu Anya eine größere Rolle, auch seine Kindheit sowie sein Elternhaus sind ein zentraler Bestandteil der Story. Gerade zu Anfang setzt sich William aktiv mit seiner eigenen Sterblichkeit auseinander, was hin und wieder jedoch zu der narrativen Dissonanz zwischen Gameplay und Zwischensequenzen führt, an der bereits einige andere Spiele verzweifelten. So lamentiert er in einer Szene philosophisch über den Tod einer Mitstreiterin, über die Zerbrechlichkeit eines Lebens, einer Existenz, und die Flüchtigkeit, mit der all die Erfahrung und Erinnerungen sich in Luft auflösen, nur um im nächsten Level Hundertschaften von Regime-Soldaten über den Haufen zu ballern.

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Dennoch gehören die fantastischen Zwischensequenzen zu den Highlights des Spiels, da sie nicht nur eine willkommene Abwechslung zu den intensiven Feuergefechten liefern, sondern vor allem eine großartige Story voller Überraschungen, Humor, Tragik und unvorhersehbaren Wendungen erzählen, die im Shooter-Genre derzeit ihresgleichen sucht. Dazu gehören auch die glaubhaften Charaktere, die nicht nur als zweckmäßige Auftraggeber herhalten, sondern greifbare Motivationen, Schwächen, Ängste und Hoffnungen haben.

Insbesondere soll jedoch auf Frau Engel eingangen werden, die für mich zu den errinerungswürdigsten Videospiel-Bösewichten gehört, die ich je erleben durfte. Zwar war sie bereits ein entscheidener Bestandteil in The New Order, stand damals jedoch noch im Schatten des arg Comic-haften General Totenkopf. Frau Engel hingegen ist so viel komplexer und dadurch so furchterregend. Sie hat eine Geschichte, ist Karrierefrau, Mörderin, Sadistin, Schriftstellerin und Mutter. Sie ist abstoßend und doch sauge ich jede Bildschirmsekunde mit ihr voller Faszination auf und kann bereits ihre nächste Szene kaum erwarten. Großartig. Schrecklich und großartig.

So muss sich ein Shooter anfühlen

Die Soldaten des Regimes hingegen sind überwiegend gesichts- und charakterlos. Umso mehr Spaß macht es jedoch, den bösen Buben mit allem, was das Kanonenrohr hergibt unter die Erde zu helfen. Schon der Vorgänger war ein kinästhetisches Gesamterlebnis, die Haptik, die Präzision, das Treffer-Feedback, der Sound der Waffen, alles ist tadellos und fühlt sich nach wie vor genau so an, wie sich ein Ego-Shooter anfühlen muss.

Dazu kommt ein hämmernder Soundtrack, der in den hitzigen Schießerein den Körper mit ordentlich Adrenalin versorgt. Vorausgesetzt natürlich, du entscheidest dich für einen derart brachialen Spielstil, denn Wolfenstein 2: The New Colossus kennt mehr als nur eine Herangehensweise.

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Ob Chaos, Heimlichkeit oder Taktik, William hat für jeden Spielertyp ein paar passende Tricks im Ärmel, die sich im Laufe des Spiels auch individualisieren lassen. Dafür bist du auch nicht auf einen unflexiblen Skill-Baum angewiesen. Stattdessen passt sich das Spiel dynamisch deinem Spiel-Stil an. Gelingen dir etwa eine bestimmte Anzahl Kills, während sich deine Lebensenergie dank Medi-Kits über dem Maximum befindet, so sinkt dieser Überschuss in Zukunft weniger schnell. Überwältigst du hingegen eine ausreichende Anzahl Gegner heimlich von hinten, kannst du dich fortan geduckt schneller fortbewegen. Kurz gesagt wirst du für deinen Spiel-Stil automatisch nach und nach mit Fähigkeiten belohnt, die genau diese Herangehensweise in Zukunft weiterhin fördern und verbessern.

Hier findest du alle Waffen und ihre Upgrades

Die Stadt die nie mehr aufwacht

Zusätzlich hast du die Möglichkeit, all deine Waffen je nach Wunsch aufzurüsten und anzupassen. Das passiert nicht automatisch, stattdessen finden aufmerksame Spieler in einigen Levels Upgrade-Kits, die als Währung für die zahlreichen Waffenverbesserungen herhalten. So kannst du etwa deiner Maschinenpistole einen Schalldämpfer verpassen oder dein Sturmgewehr mit einem Zielfernrohr ausstatten. Erkunden lohnt sich also, nicht nur weil du auf diese Weise zahlreiche Items und Collectibles finden kannst, sondern auch, weil die Level-Architektur die unterschiedlichen Spielstile berücksichtigt. Setzt du etwa primär auf Heimlichkeit, bieten dir die meisten Level auch die Möglichkeit, mit Hilfe von Lüftungsschächten unbemerkt Gegner zu umgehen und dir alternative Routen zu erschließen, um den Widersachern schließlich in den Rücken zu fallen.

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Laufen dir einmal keine Regime-Soldaten vor die Flinte, befindest du dich wahrscheinlich an Bord des Atom-U-Boots, dass du gemeinsam mit den anderen Widerstandskämpfern in The New Order erobert hast. Dieses fungiert jetzt als Hauptquartier zwischen den Missionen, in dem du nicht nur in aller Ruhe mit deinen Kollegen und Freunden reden kannst, sondern dir auch einige optionale Nebenaufträge zur Verfügung stehen.

Sobald es dir jedoch wieder in den Fingern juckt, kannst du von dort aus deine Missionen starten, die dich in eine Handvoll amerikanischer Städte führen: So besuchst du unter anderem die einst lebendige, nun aber in Trümmern liegende und mit Strahlung verseuchte Metropole New York City, das von Ku-Klux-Klan-Mitgliedern bevölkerte Roswell in New Mexico oder aber das eingemauerte New Orleans, in dem du du dich auf die Suche nach versprengten Mitgliedern des Widerstandes machst.

Changeover Day

Noch beeindruckender als das Design der Städte ist jedoch die Darstellung der amerikanischen Gesellschaft. Statt den alternativen Geschichtsverlauf lediglich als Kulisse für eine bunte Schießbude zu nutzen, hat Machine Games es vollbracht, der Welt tatsächlich Leben einzuhauchen. Das gelingt vor allem durch die unzähligen Details, die in den Leveln versteckt sind. Alte Fotos, Zeitungsauschnitte, Tagebucheinträge und Songs geben der Spielwelt Authentizität und machen greifbar, was ein Leben in der Welt von Wolfenstein bedeutet. Was lernen die Kinder in der Schule, was für Spielzeug gibt es, welche Bücher werden gelesen, welche Fernsehsendungen geschaut, welche Musik gehört? Wolfenstein 2: The New Colossus kann all diese Fragen beantworten.

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So besingt etwa ein Song der „Käfer“ — die deutsch singenden Beatles des Wolfenstein-Universums — den Changeover Day, also den Tag, an dem Deutsch als offizielle Amtssprache der USA eingeführt wird. Natürlich am 4. Juli, dem Tag der amerikanischen Unabhängigkeit. Allerdings gelingt es dem Spiel auch, einen kritischen Blick auf die amerikanische Kultur und Gesellschaft insgesamt zu werfen. So behandeln Williams Kindheitsepisoden etwa den durchaus gängien Rassismus des Vorkriegs-Amerika. Zudem wird kein Hehl daraus gemacht, dass viele Weiße sich das Regime bereits nach kurzer Zeit ohne große Gegenwehr gefallen ließen und seitdem ein bequemes Leben führen, solange sie nur mit dem Strom schwimmen.

Diese Details werden mal mehr, mal weniger offensichtlich kommuniziert, grundsätzlich lohnt sich in jedem Fall die Suche nach den zahlreichen Collectibles, die durch genau solche Informationen einen Blick wert sind. Solltest du nicht alle auf Anhieb finden, brauchst du dir jedoch auch keine Sorgen machen, da du an einem späteren Zeitpunkt die Gelegenheit bekommst, einige der Level erneut zu besuchen. Nicht nur um Lücken in deiner Sammlung zu füllen, sondern auch um mit eigenen Augen zu sehen, welche Konsequenzen Williams Einsätze auf die jeweiligen Städte hatte.

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Zusammenfassung und Fazit

Wolfenstein 2: The New Colossus ist in jeder Hinsicht eine Verbesserung gegenüber dem ohnehin bereits großartigen Vorgänger. Die Story ist nicht nur intelligenter, sondern auch emotionaler. Frau Engel setzt als Antagonistin Maßstäbe für das Genre, die dystopische Welt ist trotz aller Übertreibung und der etwaigen Zauberhut-Technologien glaubhaft sowie detailreich. Das Shooter-Gameplay braucht sich ohnehin vor keinem anderen Titel verstecken. Noch dazu ist Wolfenstein 2: The New Colossus ein reines Singleplayer-Spiel, ohne verdächtige Lücken oder angetackerter Bezahl-Optionen. Stattdessen setzt das Spiel auf vorbildlichen Umfang, unzählige Details und lohnenswerten Sammelgegenstände sowie zwei leicht unterschiedliche Zeitlinien, die zum Wiederspielen anregen. Das neue Wolfenstein ist wahrhaftig der erhoffte Koloss geworden.

Wird dir gefallen, wenn du auf Shooter mit einer intelligenten Story stehst und dich überhöhte Gewaltdarstellung nicht abschreckt.

Wird dir nicht gefallen, wenn du Shooter am liebsten mit oder gegen Freunde spielst oder du mit den Ergebnissen der letzten Bundestagswahl zufrieden warst.

Wertung

9/10
Getestet von Alexander

Wolfenstein 2: The New Colossus übertrifft den Vorgänger in jeder Hinsicht und gehört mühelos zu den besten Shootern der letzten Jahre.

Na, angefixt?
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