Ist es noch cool, WoW zu zocken? Oder: Jonas' legendäre WoW-Story (Kolumne)

Jonas Wekenborg
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Als Kristin mit der Bitte an mich herantrat, eine Kolumne darüber zu schreiben, ob World of Warcraft noch cool sei, war meine erste Antwort: “Ich bin über 30, ich weiß doch gar nicht mehr, was cool ist.” Nichtsdestotrotz werde ich euch in den nächsten Zeilen schildern, was mich dazu bewegt hat, wieder mit WoW anzufangen, was ich von den Neuerungen halte und überhaupt, wie meine Definition von “cool” aussieht.

Ist es noch cool, WoW zu zocken? Oder: Jonas' legendäre WoW-Story (Kolumne)

Mein erstes Jahr World of Warcraft

Bereits 2004 hatte ich die erste Gelegenheit, die Beta von World of Warcraft bei einer Freundin zu spielen. Das Jahr hatte neben EverQuest II nicht sonderlich viel für mich zu bieten und so versank ich in den paar Momenten, die ich Darnassus als Nachtelfen-Irokese durchstreifte, vollkommen in Blizzards damals noch unschlagbarer Produktphilosophie.

Mrt

Zum offiziellen Release ein paar Monate später legte ich mit meinem besten Kumpel zusammen, um die knapp 40 Euro für die Box-Edition beisammen zu kriegen. Anbei lag ein kostenloser Probemonat, den wir abwechselnd in einem nahen Internetcafé einen Menschen-Hexenmeister und einen Tauren-Druiden hochlevelten. Bald bemerkte ich, dass ich mehr Zeit in World of Warcraft versenkte, als ich es in meiner damaligen Beziehung tat, log sogar ein- oder zweimal meine Freundin an, um mehr Zeit zum Spielen zu haben (habe es später aufgeklärt, war okay).

Im Café wurde fast überwiegend WoW gezockt und ich begegnete tagtäglich denselben Leuten. Diese waren das Bild, was ich von Gamernerds damals hatte, ohne zu wissen, dass ich selbst bereits seit Jahren einer gewesen war. Die waren aber in meinen Augen anders: Sie waren nicht cool.

Mit Auslaufen des Freimonats endete auch mein damals spärliches Geld und so kehrte ich widerwillig WoW den Rücken…

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Back to Azeroth

Erst knapp drei Jahre später sollte ich wieder zurück in die alte Welt Azeroth kommen. Mein Hexenmeister Ikthorne hatte geduldig gewartet und hätte sicherlich einen immensen Erfahrungsbonus von 200% auf getötete Mobs erhalten, wäre meine letzte Aktion vor Ende des ersten Monats nicht ein fehlgeschlagener Ein-Mann-Raid gegen Hogger gewesen. So fand ich mich auf Goldhains Friedhof wieder und entschied, dass es Zeit für einen Neustart war.

Alle Charaktere (sie waren ja alle nicht sonderlich weit gekommen) wurden gelöscht und nach vielem Hin und Her mit Charaktererstellung (lest dazu auch Entscheidungsneurose Charaktergenerierung) ward ein Paladin mit dem stolzen Namen Icart geboren.

Der Weg nach oben, der Weg an die Spitze

Es hatte ursprünglich nur ein Zeitvertreib sein sollen, aber als meine damalige Freundin schließlich ebenfalls Gefallen am MMORPG gefunden hatte (sie hatte vorher nie gezockt), kauften wir einen weiteren Account und fanden bald eine passende Gilde auf dem Rat von Dalaran. Mit Rollenspiel, netten Mitgliedern, die uns in Rekordzeit auf Level 70 brachten und dem Versprechen, uns alsbald auch mit auf Raids zu nehmen, waren wir plötzlich in die Mühlen der Abhängigkeit geraten.

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Parties am Wochenende wurden abgesagt, Rücken an Rücken saßen wir an unseren PCs und waren sogar beim Mitternachtsverkauf von Wrath of the Lich King in Berlin, bei dem ich im Dance Battle gegen einen Neunjährigen versagte (Kinderbonus).

In wenigen Tagen waren wir dann auch auf Level 80 und raideten mit einer befreundeten Gilde alles, was nicht niet- und nagelfest war. Wenn nicht geraidet wurde, wurden Erfolge und Titel gefarmt, von denen manch ein WoW-Spieler bis dahin nicht einmal etwas gehört hatte. Schlingendorntal-Ruf runter, Blutsegler hoch und wieder zurück, Ewige Warte, Gadgetzan, Ratschet, Dunkelmond-Jahrmarkt und dann auch noch Rabenholdt auf Ehrfürchtig – und das alles ohne Schurke. Der Titel “der Wahnsinnige” schien mehr als angemessen dafür.

Bald waren wir feste Bestandteile der Raidgruppe, schulten neue Rekruten, eilten durch alle Kontinente und halfen Anfängern, wie uns einst geholfen wurde. Aber bald stellte sich Resignation ein. Ultra-seltene Mobs und Mounts waren gefangen, End-Level-Content war absolviert, Gnomenrennen fanden nur noch auf bekannten Strecken statt und nur spärlich ließ Blizzard neue Inhalte wie zum Beispiel das Argentumturnier einfließen.

Das Ende des Liedes ist nicht das Ende des Albums

Schluß mit World of Warcraft war irgendwann zwischen 2009 und 2010. Meine damalige Freundin hatte plötzlich mehr Interesse am Spiel als ich und so fand ich nach und nach wieder den Weg ins reale Leben zurück, ging wieder feiern und sagte auch schonmal einen Raid ab.

Mit der Ansage, dass sie nun mit unserem Gildenmeister zusammen sei, trennten wir uns dann nach  “glücklichen Jahren gemeinsamen WoWs” und gingen wieder eigene Wege. Ich ohne World of Warcraft, sie mit Gildenmeister und einem ganzen Stapel Build- und Tipps-Magazine von Buffed und Co.

Heute, Gegenwart, ich bin zurück

Ich habe Mists of Pandaria verpasst – fand die Pandaran aber schon immer albern – habe keinen Worgen oder Goblin ausprobiert, den Kataklysmus verschlafen und doch in all den Jahren den Niedergang des einstigen Thronhalters mitverfolgt. Was mich im Anfang November 2014 dazu bewog, wieder in World of Warcraft hineinzuschnuppern, weiß ich nicht.

Es kam aber so und obwohl mein alter Account mit Paladin-Legende Icart gehackt wurde und nicht mehr verfügbar ist (der Name leider aber auch nicht), fing ich von vorne an. Mit einigem Hin und Her fand ich wieder zum Paladin zurück, der sich nun Schritt für Schritt durch das neue World of Warcraft kämpft.

wow dulcin

Dabei genieße ich die neuen Änderungen am Spielsystem, brauche bislang kein einziges Add-On, weil Blizzard mittlerweile darauf gekommen ist, die wichtigsten einzubauen, und merke zunehmend, wie ich langsam wieder versacke.

Versteht mich nicht falsch, ich habe gerade eine Hochphase der neuen Partykultur für mich entdeckt, doch wenn ich nicht weggehe, sitze ich wieder zuhause am PC, lege Bossmobs, farme Erfolge und nehme die Weltereignisse mit, wie sie fallen.

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World of Warcraft - Warlords of Draenor: Zeitalter des Eisens - Trailer

“Uuuuh, fetter Trailer!!!”

Ist World of Warcraft noch cool?

Kommen wir schlußendlich zum Fazit meiner Kolumne, sofern eine Kolumne denn überhaupt ein Fazit benötigt. In den 10 Jahren, die Blizzards MMORPG nun auf dem Buckel hat, hat sich am Grundprinzip nur recht wenig geändert: Hochleveln, Grinden, Farmen, Rota finden. Aber das hat WoW schon immer ausgemacht. Der neue Content ist nach wie vor so inszeniert, wie es Fans von Warcraft seit jeher gewohnt sind, alle anderen kann es kalt lassen.

Mit Warlords of Draenor wird kein Innovationssturm über Azeroth, die Scherbenwelt, Nordend und eben Draenor hereinbrechen. Allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass das Ende von WoW noch in weiter Ferne liegt. Kein anderes MMORPG schafft es bei der heutigen, nicht einmal uninnovativen Konkurrenz so lange zu überdauern.

Die Frage, ob es cool ist, World of Warcraft zu spielen oder ob WoW selbst cool ist, kann ich nur mit einem klaren Nein beantworten. Es ist nicht cool, denn ich kenne die Gefahren. Nein, ich bin keiner derjenigen, die das Spiel verteufeln und seine Spieler als kranke Nerds bezeichnet. Aber cool ist in meinen Augen einfach etwas anderes, als sich zu vergessen und in einer irrealen digitalen Welt eine neue Bestimmung zu finden.

World of Warcraft macht in einem gewissen Maße Spaß, wenn man sich darauf einlässt. Die Krux an der Sache ist allerdings, dass wenn man sich darauf einlässt, dann komplett und bedingungslos. Und dann verliert das Spiel bald seinen Spaß und man bleibt trotzdem darauf hängen.

Ich weiß nicht, wie lange ich spielen werde. Ich bin mittlerweile Papa und die Zeit mit meinem Sohn geht in jedem Fall vor, aber ein bis zwei Stunden am Abend werden ja wohl mal gehen, wenn der Lütte im Bett ist, oder?

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