XCOM: Enemy Within Test: Wer solche Feinde hat...

Leo Schmidt

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich ein unverschämt großer Fan von XCOM: Enemy Unknown bin. Als also nach ein paar Klecker-DLCs das erste richtige Add-On Enemy Within angekündigt wurde, war ich ordentlich gehyped – eine echt klassische Expansion im Stil von Civilization, wie geil ist das denn bitte?

XCOM: Enemy Within Test: Wer solche Feinde hat...

Gleichzeitig hob sich aber auch ein wenig die Augenbraue, denn was im Vorfeld angekündigt und gezeigt wurde, erinnerte nicht immer an das durchaus spannende aber insgesamt gemächlichere Gameplay des Taktik-Krachers. Da polierten sich plötzlich riesige Mechas gegenseitig die metallene Fresse, Raketen und Laserblitze zischten über das Schlachtfeld und insgesamt sah es so aus, als wolle man eher die Action-Freunde ins Boot holen, als die bekannte Formel zu erweitern.

Eigentlich war mir aber klar, dass das gar nicht geht, dazu ist das Spielprinzip zu hermetisch, zu stimmig, zu gut. Enemy Within ist ja auch kein rangepappter Inhalt, sondern vielmehr erlaubt es uns, die Kampagne von Enemy Unknown noch einmal zu spielen, allerdings eben bereichert durch eine Vielzahl neuer Features. Übrigens: Auch der Slingshot-DLC ist enthalten, wer diese zusätzlichen Missionen also nicht gespielt hat, hat jetzt einen Grund mehr, zuzuschlagen.

Es ist aber bei weitem nicht der einzige Grund. Enemy Within beinhaltet zahlreiche Neuerungen, darunter viele kleinere, die zur Verfeinerung des Konzepts beitragen und das Hauptspiel etwas runder machen, und ein paar große Änderungen, die das Spielgefühl merklich verbessern.

So neu und doch so vertraut

Über die neuen Kleinigkeiten müssen wir nicht lang werden: Neben dem erwarteten Kram, neuen Technologien und Ausrüstungsgegenständen, gibt es kleine Tweaks in der Bedienung (zum Beispiel eine Schaltfläche, mit der man alle nicht aktiven Soldaten ihrer Ausrüstung entledigt), kosmetische Details wie etwa verschiedene Sprachen für die Soldaten und auch ein paar neue Optionen für den im Vorfeld bereits hinzugefügten Second-Wave-Modus. Mein Favorit: Man kann jetzt einstellen, dass Deckung nicht mehr binär ist, sondern besser oder schlechter funktioniert, je nachdem, welchen Winkel man zum Feind hat.

Die erste große Änderung ist die Meld-Ressource. Meld steht auf normalen Karten in Kanistern herum und verleiht den Missionen ein Zeitdruck-Element, da die Ressource sich nach einigen Zügen selbst zerstört. Hat man sie bis dahin nicht eingesammelt oder alle Feinde geplättet, ist das begehrte Gut futsch.

Da rümpft sicherlich mancher die Nase, denn das ist ja nun so ziemlich das Gegenteil der sonst relativ gemütlichen Deckungs- und Overwatch-Orgie des Hauptspiels. Tatsächlich fühlen sich die Aufträge jetzt oft wie Mini-Terrormissionen an, in denen man sich also nicht ganz so sehr ausruhen kann, doch der neue Druck tut der Dynamik des Spiels außerordentlich gut, denn er zwingt der Spieler, mehr schwierige und taktische Entscheidungen zu treffen – oder eben auch nicht, denn Meld ist zwar mächtig, aber optional. Wer sich auf das Haschmich mit den Kanistern nicht einlassen will, verzichtet auf einen Vorteil und ein paar spannende Elemente, aber niemand wird ihm den Kopf abreißen, wenn er es lässt. Plus: Die Möglichkeit, an zumindest kleine Mengen Meld zu kommen, gibt es fast immer.

Mit dem Uber-Zeugs kann man dann in zwei neuen Einrichtungen entweder seine Soldaten genetisch modifizieren oder, etwas radikaler, man amputiert ihnen die Arme und Beine und setzt sie in eingangs erwähnte Mechas. Beide Optionen sind wahnsinnig nützlich, die Gen-Mods bauen dabei eher die traditionelle Spielweise aus, indem sie den Soldaten zusätzliche Vorteile geben. Wenn unser Scharfschütze dank seiner modifizierten Beine auf ein Dach springen kann, unser Assault nach dem Ansturm langsam seine Wunden heilt oder der Support sich in Deckung automatisch tarnt, dann ist das nicht nur ein immenser taktischer Vorteil, sondern auch ein merklich anderes Gefühl – fast schon eines von Macht, ein bisschen, als führe man eine Mutantentruppe à la X-Men ins Feld.

Die MECs hingegen sind eigentlich eine Art Abkehr vom Hauptspiel, sie erinnern entfernt an die SHIV-Fahrzeuge, sind aber wesentlich destruktiver und offensiver. Mit Minigun, Railgun, Flammenwerfern und Powerfäusten (sie haben auch einen offiziellen Namen – fragt mich nicht, ich bleib beim Warhammer-40K-Terminus) ist nichts auf dem Schlachtfeld vor ihnen sicher. In breiten Schneisen werden Aliens weggemäht, mit einem Kinnhaken in ein Auto katapultiert, das dann explodiert oder mit Granaten eingedeckt. Natürlich kann man die Riesenbiester nicht in Deckung schicken, also ist ihr Einsatz ein zweischneidiges Schwert, dennoch ist die Meld-Ressource auch hier bestens aufgehoben.

Alleine diese Änderungen und der mit ihnen verbundene neue Spaß wären schon genug, um Enemy Within seine Existenzberechtigung zu verleihen, doch darüber hinaus hat sich auch an der gegnerischen Front noch einiges getan, was das Schlachtfeld ordentlich aufrüttelt. Natürlich kommen die Aliens mit neuen Feinden um die Ecke, so führen sie ihre eigenen mächtigen Mechas ins Feld und bedienen sich der Seeker, schwebender Tentakel-Monster, die direkt nach dem Auftauchen unsichtbar werden und dann im ungünstigsten Moment isolierte Soldaten erwürgen – schöne Paranoia, die da entsteht.

Außerdem muss man sich nun gegen eine Gruppe namens EXALT verteidigen, eine Art Anti-XCOM, die mithilfe von Sabotage und Anschlägen versucht, ihre eigenen Ziele zu verwirklichen – mithilfe der Alien-Ressourcen nämlich der Menschheit zum nächsten evolutionären Sprung zu verhelfen. Interessant hieran ist, dass EXALT nicht sehr offensiv angreifen, aber wenn man sich nicht um sie kümmert, zapfen sie Ressourcen ab und sind ganz allgemein ein Ärgernis. Erwischt man sie dann im offenen Kampf, verhalten sie sich merklich taktischer als die Aliens, sind aber insgesamt etwas schwächer, allerdings wählen sie ihre Ziele sorgfältiger und nichts ist vor ihnen sicher – nicht einmal die eigene Basis…

Alles in allem ist Enemy Within ein sehr volles Paket, das zumindest bei mir die Flamme der Begeisterung für Firaxis’ Alien-Jagd nochmal deutlich auflodern lässt. Wieder einmal erwische ich mich dabei, wie ich aus Versehen vor dem Rechner hänge, bis draußen die Vöglein zwitschern, und die Änderungen, die das Add-On vornimmt, sind dabei nicht etwa ein zu überwindenes Hindernis, sondern der organische nächste Schritt, der eine Menge Dynamik und neuerlichen Sog erzeugt.

Fazit

Fans klassischer Add-Ons kommen bei Enemy Within voll auf ihre Kosten, denn das gelungene Gesamtpaket bietet zahlreiche Verbesserungen und neue Optionen, im Kleinen wie im Großen. Wer sich mit dem Gedanken nicht anfreunden kann, nochmal eine ganze Kampagne in XCOM zu bestreiten, sollte vielleicht warten, bis ihn die Lust danach doch mal wieder übermannt, aber alle anderen Taktikfreunde werden sich nicht nur neu verlieben, sondern dank der vielen Verbesserungen auch jede Menge zu entdecken und zu bestaunen haben.

Wertung

8/10
Getestet von Leo

Knackig und reich an neuen Inhalten - ein waschechtes und gelugenes Add-On als Oase in der DLC-Wüste.

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