Yo-Kai Watch 2 im Test: Nein, das ist kein Pokémon-Klon

Alexander Gehlsdorf

Vor gerade mal einen Jahr erschien mit Yo-Kai Watch ein gelungener Titel für den Nintendo 3DS, der im ersten Moment vor allem an Pokémon erinnerte. Jetzt kommt endlich auch die Fortsetzung zu uns nach Deutschland. Yo-Kai Watch 2 ist allerdings viel mehr als eine Kopie der beliebten Taschenmonster.

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Yo-Kai Watch 2 - Einführungsvideo
Das ist jedem schon einmal passiert: Du stolperst, verpasst Deine Bahn, vergisst die Wohnungsschlüssel oder streitest Dich mit Deinem besten Freund. Was Du vielleicht noch nicht wusstest: Hinter der Misere stecken nicht etwa pures Pech oder Tollpatschigkeit sondern Yo-Kai! Diese sind unsichtbar und lieben es, Menschen zu beseelen und ihnen Streiche zu spielen. Die kleinen Plagegeister stammen aus dem japanischen Volksglauben. Entwickler-Studio Level-5 verwandelte sie schließlich in die knuffigen Helden, die mit Yo-Kai Watch als Manga, Serie und Videospiel zum Publikumserfolg wurden.

Die Story

Die Story von Yo-Kai Watch 2 setzt am Ende des ersten Teils an, allerdings ist es nicht nötig, mit der bisherigen Story vertraut zu sein, geschweige denn den Vorgänger gespielt zu haben. Das liegt daran, dass Dein Charakter — wahlweise ein Junge oder ein Mädchen — zu Beginn des Spiels nicht nur die namensgebende Yo-Kai Watch sondern auch das Gedächtnis verliert. Somit bist Du die ersten Spielstunden damit beschäftigt, Deine Yo-kai Watch wiederzufinden, Deine Freunde Whisper und Jibanyan wiederzutreffen und die Grundlagen des Spiels zu erlernen. Für Neueinsteiger eine tolle Erfahrung, wer den ersten Teil gespielt hat stolpert hier allerdings von einem Déjà-vu ins nächste.

Vollbild
Anschließend nimmt das Abenteuer endlich Fahrt auf: Während eines Besuches bei Deiner Großmutter triffst Du auf den Yo-Kai Hovernyan. Dieser reist mit Dir 60 Jahre in die Vergangenheit um dort Deinem Großvater bei der Konstruktion der allerersten Yo-Kai Watch zu helfen. Erst durch diese ist es überhaupt möglich, Whisper, Jibanyan und all die anderen Geister zu sehen und sich mit ihnen anzufreunden. Gott sei Dank bist Du nicht in der Vergangenheit gefangen sondern kannst frei zwischen der alten Zeit und der Gegenwart wechseln. Oft ist das auch nötig, etwa wenn es darum geht, versteinerte Yo-Kai von einem Fluch zu befreien. Während Whispers Wunder-Elixier es in der Vergangenheit nicht schafft die armen Yo-Kai zu erlösen, hat der böse Zauber 60 Jahre später einen großen Teil seiner Macht bereits verloren. Damit sich die Mühe auch gelohnt hat, freunden sich die befreiten Yo-Kai anschließend mit Dir an, sodass Du sie fortan in Dein Team aufnehmen kannst. Ebenso ist es Dir möglich, Dich mit Yo-Kai anzufreunden, denen Du zufällig in der Spielwelt begegnest. Statt die kleinen Monster mit Pokébällen zu bewerfen gibst Du ihnen jedoch einfach ihr Lieblingsessen, um Dich mit ihnen anzufreunden — also ganz genau wie im richtigen Leben!

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Die Kämpfe

Soweit, so Pokémon. Spätestens beim Kampfsystem fallen aber große Unterschiede auf. Drei der sechs Yo-Kai in Deinem Team kämpfen automatisch. Du kannst jedoch auf vielfältige Art und Weise den Kampfverlauf beeinflussen. Einerseits kannst Du gegnerische Yo-Kai gezielt anvisieren, Items verteilen, aktive Kämpfer austauschen oder deren Spezialfähigkeiten verwenden, die sogenannten Ultiseel-Angriffe. Diese müssen sich jedoch erst aufladen. Deine Yo-Kai haben außerdem die Möglichkeit, gegnerische Yo-Kai zu beseelen, sodass diese zum Beispiel weniger Schaden austeilen oder langsamer werden. Aber Vorsicht — Deine Kämpfer können natürlich genauso beseelt werden!

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In den Kämpfen wirst Du auch einige der wichtigsten Neuerungen gegenüber dem Vorgänger feststellen. Dank Deiner Zeitreise hast Du nun auch Zugriff auf das sogenannte Null-Modell der Yo-Kai-Watch, dem Prototypen Deines Großvaters. Dieses erlaubt Dir einerseits besonders mächtige M-Attacken auszuführen, die zu den stärksten Angriffen im gesamten Spiel gehören. Andererseits kannst Du Yo-Kai nun auch anstupsen und Dich so schneller mit Ihnen anfreunden. Auch in anderen Bereichen hat Yo-Kai Watch 2 das Spielprinzip um allerlei Komfortfunktionen erweitert. Während Du im Vorgänger noch raten und ausprobieren musstest, welches Essen die gegnerischen Yo-Kai am liebsten mögen, kannst Du Dir den begehrten Snack jetzt einfach mit der Ziel-Funktion anzeigen lassen — besonders praktisch für alle Spieler, die sich mit allen der über 350 verschiedenen Yo-Kai anfreunden wollen. Allerdings sind dafür auch beide Spielversionen nötig, da einige der Yo-Kai exklusiv nur in der Edition „Knochige Gespenster“ beziehungsweise „Kräftige Seelen“ auftauchen.

Die Spielwelt

Der größte Unterschied im Vergleich zum Vorgänger liegt aber in den enormen Ausmaßen der Spielwelt. Dir steht nicht nur erneut die gesamte Stadt Lenzhausen zur Verfügung sondern auch der Ort Petzlingen und jede Menge Umland. Allein dadurch fällt das Spiel doppelt so groß aus. Hinzu kommt aber noch die Zeitreise, wodurch zahlreiche Orte auch noch in zwei verschiedenen Version auf eine Entdeckungstour warten. Dafür steht Dir ein umfangreiches Verkehrsnetz zur Verfügung; gerade in der ersten Spielhälfte führt das allerdings dazu, dass Du eine Menge Zeit im Zug verbringst, um die weiten Strecken zu bewältigen. Später im Spiel lassen sich diese Wege glücklicherweise abkürzen, indem Du Portale findest, die Dich in Sekundenschnelle von A nach B bringen. Um in der riesigen Welt nicht die Übersicht zu verlieren, kannst Du jede Hauptquest aber auch alle Nebenbeschäftigung markieren und siehst fortan auf der Minimap den kürzesten Weg zum Zielort.

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Trotzdem lohnt sich das Erforschen der Spielwelt. Nicht nur, weil Du auf diese Art und Weise nützliche Gegenstände und Geheimnisse findest, sondern weil das gesamte Spiel nur so von Charme und Atmosphäre strotzt. Die Umgebungen stecken voller liebenswerter Details und lassen Dich mit Leib und Seele in eine virtuelle, japanische Kleinstadt-Utopie eintauchen. In den Läden gibt es Reisbällchen, Dein Charakter zieht beim Betreten des Elternhauses die Schuhe aus, die wunderschöne Musik sorgt für Ohrwürmer und immer wieder wirst Du mit kurzen Szene aus dem offiziellen Anime bei Laune gehalten. Die Übersetzung ist sehr gut gelungen und fängt den teils herrlich albernen Humor hervorragend ein. Gleiches gilt auch für die Namen der Yo-Kai, denen Du natürlich auch eigene Spitznamen verpassen kannst, aber wer sollte das wollen, wenn einige der kleinen Geister bereits von Haus aus Namen wie Knuffiwuffi und Pupsi tragen? (Ja, wirklich!)

Fazit

Was unterscheidet nun also Yo-kai Watch von Pokémon? In erster Linie der Spielaufbau. Während Du Dich in Pokémon von Stadt zu Stadt kämpfst um zum größten Trainer aller Zeiten zu werden, erlebst Du in Yo-Kai Watch eine episodische Geschichte. Ja, kleine Monster gibt es in beiden Spielen, aber nach der gleichen Logik könnte man auch The Legend of Zelda und For Honor miteinander vergleichen, da Du in beiden Spielen mit Schild und Schwert unterwegs bist. Das Kampfsystem von Yo-Kai Watch 2 ist einzigartig und birgt jede Menge Komplexität — auch wenn ein Großteil der Konfrontationen gefühlt automatisch ablaufen. Dadurch ist das Spiel über weite Strecken wenig fordernd, spätestens bei den Bosskämpfen ist dann aber allerhand Taktik und Geschick gefragt. Die Spielwelt ist riesig und wunderschön, leider wirst Du dafür in vielen Quests von Pontius zu Pilatus geschickt und musst auf den gefühlt ewigen Zugfahrten jede Menge Geduld und Sitzfleisch beweisen, zumindest bis Du genügend Portale freigeschaltet hast. Atmosphärisch kann ich mich dem Bann der kleinen Geister aber trotzdem nicht entziehen. Lange habe ich mich in einer virtuellen Welt nicht mehr so wohl gefühlt. Allein dafür schaue ich immer wieder gern in Lenzhausen vorbei.

Wertung

8/10
Getestet von Alexander

Das originelle Kampfsystem, die wunderschöne Spielwelt, der gelungener Humor und jede Menge Charme machen Yo-Kai Watch 2 zum absoluten Wohlfühl-Spiel. Die langatmigen Laufwege stellen die Geduld des Spielers jedoch hin und wieder auf die Probe.

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