ZombiU im Hands-On: Vom Langweiler zum System Seller

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Die Wii U könnte einen System-Seller gut gebrauchen. Nintendos nächste Konsolen-Generation startet am 30. November ohne dieses eine besondere Spiel, das einfach jeder haben will. Link hätte diese wichtige Aufgabe sicher übernehmen können, oder der galaktische Mario höchstpersönlich. Doch daraus wird nichts. Die Wii U ist erst einmal ganz auf sich allein gestellt. So dachten wir zumindest. Auftritt „ZombiU“.

ZombiU im Hands-On: Vom Langweiler zum System Seller

Wie man sich doch irren kann. Als Nintendo „ZombiU“ ankündigte, ließ uns der Titel vollkommen kalt. Netter Trailer, banale Ballerei  – unser Ersteindruck von Ubisofts Exklusivtitel, er hätte kaum negativer ausfallen können. Ein paar Monate später sitze ich mit einem der Entwickler von Ubisoft Montpellier in einem Berliner Hotelzimmer und spüre, wie meine Begeisterung im Sekundentakt wächst. Ich spiele „ZombiU“ und es macht höllisch Spaß.

„ZombiU“, das ist vor allem ein großes Missverständnis. Dieses Spiel ist weder gewöhnlich, noch fällt es einer unausgegorenen Nutzung des neuen Wii U-Controllers anheim. Im Gegenteil. „ZombiU“ wagt viel und stellt sich immer mehr als der einzige Launch-Titel heraus, der Nintendos GamePad gewinnbringend anzuwenden weiß.

Ein Beispiel: Der größte Kritikpunkt an Nintendos neuer Technologie ist der Verlust von Immersion. Wer seinen Blick ständig zwischen Bildschirm und Touchscreen wandern lässt, der verliert schnell die Bindung zur Spielwelt. „ZombiU“ überzeugt seine Spieler vom genauen Gegenteil. Um an Ausrüstungsgegenstände zu gelangen, muss ich meinen Rucksack öffnen. Ich befinde mich gerade in einem stockfinsteren Tunnel der Londoner Kanalisation. Ein unheilvoller Nebel umwabert meine Knöchel. Ich traue der Totenstille nicht. Trotzdem muss ich jetzt unbedingt an meinen Kram. Ich knie mich nieder, der Rucksack wird abgeschultert und das Spiel senkt meinen Blick intuitiv auf den Touchscreen in meinen Händen. Während ich im Rucksack nach dem gewünschten Item suche, blicke ich wieder und wieder angstvoll auf. Das Spiel pausiert nicht, jederzeit könnte ein Untoter auftauchen und mich angreifen.

So beknackt das klingen mag, aber in „ZombiU“ ist sogar das Inventar aufregend. Ähnlich überzeugend empfand ich auch die weiteren Verwendungsweisen des Wii U-GamePads. Vom bewegungsgesteuerten Sniper-Modus über die hübsche Mini-Map bis zu einem Schwarzlicht-Scanner, der Hinweise von anderen Spielern offenbart – Ubisoft Montpellier kann mit der Wii U mehr anfangen, als Nintendo selbst.

Doch das Spiel hat noch mehr zu bieten. Nachdem ich der Kanalisation entstiegen bin, laufe ich das diesige Ufer der Themse entlang, direkt auf die Londoner Tower Bridge zu. Eine wundervoll gespenstige Szenerie. Plötzlich höre ich ein leises Stöhnen. Ich bin nicht mehr allein. Viel habe ich nicht dabei, um mich zu wehren. Ich entscheide mich für den Cricket-Schläger – Munition ist ein seltenes Gut in „ZombiU“.

Da ist er! Langsam klettert der Zombie einen Bootssteg empor. Der Cricket-Schläger fährt herab und trifft meinen untoten Widersache heftig. Doch das hält ihn nicht auf. Wieder stürmt er auf mich zu. Ich gebe ihm einen Stoß, um Raum zu gewinnen. Schnell wechsle ich nur Pistole. Zwei, drei, vier Schüsse – er steht immer noch! Dann macht es »Klick«. Mein Magazin ist leer. Der Zombie erreicht mich, will mich beißen. Nur mit Hilfe einer aufgezogenen Spritze, die ich ihm direkt in den Hals ramme, kann ich mich retten. Das Serum war eigentlich für mich gedacht. Jetzt kann ich mich nicht mehr heilen.

Die Szene verdeutlicht, dass es Ubisoft ernst meint mit dem erklärten Hardcore-Ansatz. Die Kämpfe sind fordernd, intensiv, sie kosten wichtige Ressourcen, man will sie eigentlich vermeiden, denn wer verliert, stirbt für immer. Ähnlich wie in „DayZ“ verfolgt auch „ZombiU“ einen so genannten Permadeath-Ansatz. Wer im Kampf mit den Untoten abnippelt, beginnt von vorn.  In der Rolle eines komplett neuen Charakters tritt man dann den nächsten Versuch an, die Stadt lebend zu verlassen.

In gewisser Hinsicht ist Ubisofts Survival-Spiel sogar noch ein bisschen härter als das Mod-Phänomen „DayZ“. Oder sagen wir fieser. Nicht nur beginnt man den Überlebenskampf von vorn – an dem Ort, an dem man zuvor das Zeitliche gesegnet hat, wartet nun die zombifizierte Version jenes Charakters, mit dem man dort gestorben ist. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist: Er hat die mühsam gesammelte Ausrüstung immer noch bei sich. Um an die heranzukommen, muss man sich quasi also selbst töten.

Psychologisch und emotional eine echte Schweinerei, die sich Ubisoft Montpellier da ausgedacht hat. „ZombiUs“ Spielwelt profitiert davon aber ungemein. Die Gefahr ist allgegenwärtig, der Tod ist kein Checkpoint – er tut richtig weh.

Und es kommt noch schlimmer. Viel schlimmer. Das einzige Spielziel in „ZombiU“ lautet Überleben. So lange es irgendwie geht. Je länger man im apokalyptischen London am Leben bleibt, desto stärker werden auch die Zombies. Wer es dennoch schafft, zwei Stunden lang nicht ins Gras zu beißen, der darf sich laut Ubisoft schon richtig was darauf einbilden. Wenn einen die Horde dann doch in einem Moment der Unachtsamkeit erwischt, dann profitiert der Spieler-Zombie von der gesammelten Erfahrung. Mehr Spielzeit – stärkeres Zombie-Ich. „ZombiU“ quittiert den Erfolg mit einem bitterbösen »Haha!«. Hier will man wirklich nicht sterben. Das macht „ZombiU“ so spannend.

Ein bisschen kommt uns Ubisoft Montpellier aber dann doch entgegen. Im Zuge unserer Erkundungen finden wir Abkürzungen, die uns zurück ins „Save House“ führen. Hier gibt es nicht nur eine Werkbank für Waffen-Upgrades, von hier aus starten wir auch mit neuen Charakteren – inklusive der zuvor entdeckten Abkürzungen.

Vom Ubisoft-Entwickler möchte ich an diesem Nachmittag eigentlich nur noch wissen, wie man mit ständig wechselnden Spieler-Charakteren eine vernünftige Geschichte erzählen kann. Er erklärt mir, dass diese Aufgabe drei Figuren zukommt, die jeden neuen Charakter über Funk begleiten. Sie sind der rote Faden, der uns durch London führt. Zu ihnen sollen wir ein Verhältnis aufbauen.

Ausblick

Vom Langweiler zum System-Seller – so sehr hat sich meine Wahrnehmung von „ZombiU“ in den letzten Monaten gewandelt. Für mich hat Nintendos Wii U Line-Up ab sofort einen echten Hit auf Halde. Was bisher weder Nintendo noch anderen Third-Party Entwicklern gelungen ist, meistert Ubisoft Montpellier mit Bravour: „ZombiU“ erklärt der Spielewelt, warum sie die Wii U überhaupt braucht.

Wenngleich wir noch nichts über die erzählerischen Qualitäten der Londoner Hardcore-Exkursion wissen, die Grafik nicht über Wasser laufen kann und auch das Langzeit-Spielgefühl  sich noch bewehren muss, zeichnet sich eine echte Überraschung ab: „ZombiU“ könnte den befürchteten Fehlstart der Wii U gerade noch rechtzeitig mit seinen Qualitäten infizieren.

 

 

Wii U

  • von Maurice Urban

    Besonders Spiele aus Japan erscheinen oft nicht in allen Regionen und Interessierten bleibt dann nur der Import. Bei der Wii U wird sich dies aber nicht lohnen – die Konsole erscheint nämlich mit Region Lock.

  • von Maurice Urban

    Codemasters bräuchte noch ein paar Spiele für die Wii U, die Wii U bräuchte noch ein paar Rennspiele – wie passend! Leider ist der nächste Titel der Briten, GRID 2, bisher lediglich für andere Plattformen geplant. Doch das könnte sich schnell ändern.

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