ZombiU Test: Viel Trommelwirbel – kein Tusch

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Das steht sie also nun, Nintendos Wii U. Mein vorfreudiges Gesicht spiegelt sich auf der schicken Klavierlack-Oberfläche, während ich ihr den einzigen Launch-Titel übergebe, der mich wirklich interessiert. „ZombiU“ ist blutig, rau und schwer. Es ist ein spielgewordenes Attentat auf die brave Casual-Familie, ein mutiges Experiment, dessen bissige Qualitäten in Nintendos Kuschelkanon wie eitrige Fremdkörper wirken. Wie gesagt, „ZombiU“ ist ein verdammt interessantes Spiel.

Mein erster Abend mit „ZombiU“ ist voller Überraschungen. Die Erste liegt in meinem Schoß: Das GamePad gefällt mir dann doch besser als erwartet. Wer sich wie ich in eine angenehme Sitzposition begibt, wird schnell eins werden mit Nintendos Zugeständnis an die Generation Tablet. Weder hatte ich nach meinen langen Sessions irgendwelche körperlichen Beschwerden, noch wurde ich durch den zweiten Bildschirm aus dem Spielgeschehen gerissen.

Letzteres liegt allerdings nur daran, dass sich die Entwickler von „ZombiU“ (im Gegensatz zu vielen anderen Herstellern) ernsthafte Gedanken über den Einsatz des GamePads gemacht haben. Im Spiel erhalte ich den BOB (Bug-out Bag)  – das digitale Pendant des GamePads  - vom mysteriösen Prepper, einem raubeinigen Überlebenden, der mich in den ersten Stunden des Spiels über Funk durch das post-apokalyptische London führt. Preppers Übertragungen schallen mir direkt aus dem GamePad entgegen. Auch andere Sound-Effekte kommen ausschließlich von hier. Das gibt dem Pad ein greifbares Eigenleben und holt es aus dem fiktiven Zusammenhang direkt in meine Hände.

Das Scannen der zumeist stockdunkeln Umgebung wird schon nach wenigen Schritten eine spannende Notwendigkeit. Ich identifiziere Feinde frühzeitig, decke verstecktes Loot auf und hacke mich in Überwachungskameras. All das macht Spaß und Sinn. Einzig die Drag & Drop Funktionen im Inventar und das Snipen über das GamePad sind nicht ganz gelungen. Während der Touchscreen meine Befehle nicht immer sauber umsetzt, ist mir das Zielen über das GamePad einfach zu schwammig.

ZombiU-Test: Überraschend frustrierend

Doch genug von der neuen Technik – was kann das Spiel selbst? Überraschung Nummer zwei: „ZombiU“ motiviert mich weit weniger als erwartet. Es frustriert mich eher. Als jemand, der „Dark Souls“ zu seinem Spiel des Jahres ausgerufen hat und sich auch vom Permadeath-Ansatz in „DayZ“ nicht abschrecken lässt, war ich eigentlich auf alles vorbereitet.

„ZombiU“ ärgert mich aber aufgrund unfair platzierter Gegner, einem inkonsequenten Game-Design  und seiner hakeligen Shooter-Mechanik.

Wer nach vielen übervorsichtigen Erkundungsstunden von einem Zombie dahingerafft wird, weil ihn die Entwickler in einem toten Winkel versteckt haben oder er durch einen veränderten Missions-Status spontan aufersteht, der verliert nicht nur seinen aktuellen Charakter mit samt seinen Erfahrungsstufen, sondern auch langsam die Lust. Oft fehlten mir einfach die nötigen Instrumente, um mich aus brenzligen Situationen noch befreien zu können.

Nicht falsch verstehen: Der hohe Schwierigkeitsgrad und die Tatsache, dass jeder Charakter in „ZombiU“ nur ein einziges Leben besitzt, sind nicht mein Problem. Im Gegenteil. Wenn mir „ZombiU“ urplötzlich eine ganze Horde an den Hals schickt, ich mich mit Hilfe von Molotowcocktails, notdürftig verrammelten Türen und einem Cricketschläger bis zum letzten Atemzug verteidigen muss, dann ist das auf großartige Weise packend und ernsthaft angsteinflößend. Nur leider stehen den knackigen Anforderungen oft undurchdachte Spiel-Elemente entgegen. Warum sich zum Beispiel besiegte Untote schon nach kurzer Zeit mitsamt meiner kostbaren Armbrustmunition auflösen, blieb mir genauso ein Rätsel wie die gähnende Leere, die mir bei der Hälfte aller lootbaren Behältnisse begegnete. Die Idee beim Plündern verwundbar zu werden (man muss runter auf das GamePad schauen), ist für sich genommen clever und aufregend – wenn man aber viel zu selten etwas findet, verliert die Sache ihren Reiz.

ZombiU-Test: Inkonsequentes Game-Design

Auch hätte ich mich über etwas mehr Präzision bei der Steuerung gefreut. Die Kämpfe sind zwar schön körperlich und tragen damit viel zu dem Gefühl ständiger Grenzerfahrung bei – wenn ich panisch durch die Schächte der Londoner U-Bahn renne, werden Hindernisse oder Leitern aufgrund ungenauer Interaktion aber schnell mal zur Todesfalle. Ein Spiel, das mich derart fordert und Fehler gnadenlos bestraft, muss mir einfach maximale Kontrolle geben. Sonst geht die Rechnung nicht auf.

Zudem sind die Nahkämpfe ausschließlich auf das richtige Timing ausgelegt und werden schnell zur monotonen Pflichtaufgabe. Alternativen zum Kampf fehlen jedoch. Schleichen ist nicht möglich, Ablenkungsmanöver mit Leuchtfackeln funktionieren ausschließlich auf weiten Plätzen. „ZombiU“ zwängt mir seine schlichten Nahkämpfe förmlich auf.

Um meine Kritik an „ZombiU“ zu vervollständigen, sei schließlich noch auf die vereinzelten Bugs und die bisweilen extrem langen Ladezeiten hingewiesen. Auf meinen Londoner Exkursionen begegneten mir immer wieder Untote, die beim Überqueren von Blockade ernsthafte Fortbewegungsstörungen hatten oder gleich ganz durch die Decke gingen. Sogar einen Komplett-Absturz hat mir „ZombiU“ gegönnt. Man kann nur hoffen, dass Ubisoft diese Fehler bis zum Deutschland-Release ausmerzt.

Fazit

Dass ich an „ZombiU“ so viel auszusetzten habe, liegt vor allem daran, dass die besagten Schwächen in einem ansonsten gutem Spiel besonders wehtun. Die Schauplätze und ihre beklemmende Atmosphäre sind erstklassig, die Integration des GamePads ist gelungen und das beinharte Spielkonzept sorgt für einen enorm hohen Pulsschlag. Wenn ich durch prasselnden Regenschauer schleiche und in schaurigen Nebelbänken über die Spuren eines verlorenen Überlebenskampfes der Londoner Bevölkerung stolpere, dann fühlt sich „ZombiU“ wie die von vielen ersehnte Wiederbelebung des totgesagten Survial-Horrors an. Angsteinflößend, detailverliebt und fordernd. Wer über der Entwicklung von „Resident Evil“ den Kopf schüttelt, der sollte sich unbedingt von „ZombiU“ an die großen Zeiten des Genres erinnern lassen.

Leider verdirbt uns Ubisoft durch viele kleine Macken den Spielspaß. Egal, ob es die Steuerung, das Game-Design oder die Technik ist – überall haben sich unnötige Fehler eingeschlichen, die frusten oder die tolle Atmosphäre wieder zerstören.

Dass „ZombiU“ seine Geschichte der Seuche ohne charakterisierte Hauptfiguren erzählt und auf das große Hollywood-Tam Tam verzichtet, stört mich überhaupt nicht. In seiner zurückgenommenen und melancholischen Art wird es sogar großen Zombie-Klassikern wie „Day of the Dead“ gerecht. Ein paar mehr dramatische Highlights hätten es aber schon sein können. In seinen knapp fünfzehn Stunden plätschert es von einer Mission zur nächsten und findet dabei keine Mittel für große Momente. So fühlt sich „ZombiU“ am Ende wie ein großer Trommelwirbel an, der ohne Tusch auskommen muss.

Wertung 74% 

 

 

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