Schriftwahl und -wirkung

Claudia Runk
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Der zweite Teil unserer Reihe zum Grundwissen in der Typografie handelt von der Wirkung einer Schrift

Jedes typografische Erzeugnis muss bestimmten Anforderungen gerecht werden. Ein Gedichtband von Goethe sollte nun einmal anders ­gestaltet werden als ein Plakat zur Love-Parade. Die Unterschiede und Ansprüche, die ein Werk entstehen und typografisch wachsen lassen, kann man grob unterteilen in: 1. den Inhalt, den es zu transportieren gilt, und 2. die Leseart, mit der das Werk vom Leser erfasst wird. Die Information, die Art des Werkes bedingt also gleichzeitig eine Le⁠se­situation, deren Unterteilung wir nun genauer betrachten.

Verschiedene Formen des Lesens

Wissenschaftler und Typografen haben verschiedene Formen der Typografie und Gestaltung in Gruppen unterteilt. So gibt es die Typografie für informierendes Lesen wie bei Sachbüchern und Zeitungen, die Typografie für differenzierendes Lesen für wissenschaftliche Bücher, konsultierendes Lesen für Nachschlagewerke, selektierendes Lesen in didaktischen Büchern, die Typografie nach Sinnschritten für Leseanfänger, die aktivierende Typografie wie in Geschenkbüchern und die inszenierende Typografie, bei der die Gestaltung des Textes den Inhalt unterstützt. Der Einfachheit halber bevorzugen viele Typografen eine Einteilung in fünf Kategorien. Die fünf Kategorien lauten:

1. Typografie für lineares Lesen

2. Typografie für informierendes Lesen

3. Typografie für konsultierendes Lesen

4. Typografie für differenzierendes Lesen

5. Typografie für inszenierendes Lesen

Mit diesen Kategorien lassen sich auch mögliche Auszeichnungen des Textes festlegen. Somit sollte man immer versuchen, das Werk vor der Festlegung der Satzbreiten, der typografischen Attribute und der Auszeichnungen in einer der Kategorien unterzubringen.

1. Typografie für lineares Lesen

Beim linearen Lesen erschließt sich der Text satzweise. Diese Leseform kommt in der Regel in Prosa zum Einsatz. Eine ganz wichtige Rolle bei der Gestaltung solcher Druckwerke spielt der Grauwert. Der Leser soll den Eindruck eines ruhigen, gleichmäßigen und harmonischen Textes erhalten. Für Hervorhebungen im Text sollte man sich an die typografischen Auszeichnungen wie eine kursive Variante oder Kapitälchen halten. Die Zeilen können 60 bis 70 Zeichen aufweisen.

2. 


Typografie für informierendes Lesen

Das informierende Lesen wird auch als antizipierendes Lesen bezeichnet und kommt vor allem bei Sachbüchern oder Zeitungen zum Einsatz. In diese Kategorie fällt auch das Querlesen. Somit sind besonders eine gute Gliederung in Einzel-teile, kurze Abschnitte sowie kurze Zeilen geeignet; ein besonderes Augenmerk liegt hier auf den Auszeichnungen, mit Hilfe derer der Leser springen kann. Für diese Art von Druck-Erzeugnissen können auch optische Auszeichnungen wie eine fette Schrift verwendet werden, der Grauwert spielt eine untergeordnete Rolle.

3. Typografie für konsultierendes Lesen

Das konsultierende Lesen findet bei der Lektüre von Nachschlagewerken oder Lexika statt; der Leser geht dabei gezielt auf Informationssuche. Die Seiten sind meist mit einem kleinen Schriftgrad und einem engen Zeilenabstand gut gefüllt. Der Text ist in der Regel in mehrere Spalten unterteilt, und die Stichwörter sind deutlich, beispielsweise fett, hervorgehoben.

4. Typografie für differenzierendes Lesen

Das differenzierende Lesen kommt bei Lehr-büchern und wissenschaftlichen Büchern zum Einsatz. Hier sind auch längere Zeilen mit vielen Auszeichnungen erlaubt. Eine klare Struktur ist hier unumgänglich.

5. Typografie für inszenierendes Lesen

Bei der inszenierenden Typografie interpretiert der Typograf den Text und steigert die Wirkung durch die Gestaltung. Bei dieser Art wird die Schrift gleichzeitig zu einem Bild gemacht. Hier gilt: Erlaubt ist, was gelingt.

Die Wahl der Schrift

Welche Schrift ist die richtige? Die Schriftwahl ist ein heikles Thema, über das schon ganze Wälzer geschrieben wurden. Das Interessante an diesem Thema ist aber nicht die Antwort, denn auf die Frage, welche Schrift die richtige ist, wird es nie nur eine Antwort geben. Interessant ist allein die Tatsache, dass diese Frage so wichtig ist.
Schrift hat eine Wirkung, genauso wie Farben. Bei Letzteren wird jeder zustimmen –  Rot hat eine Signalwirkung, Grün beruhigt, und Weiß wirkt unschuldig. Aber auch Schriften können Eigenschaften aufweisen und rufen beim Leser – häufig unbewusst – eine Wirkung hervor. Eine Schrift kann elegant oder plump sein, auf­dring⁠lich und laut, bescheiden und leise, dezent, nüchtern, verspielt, dynamisch oder träge. Schrift stellt eine Möglichkeit dar, Emotionen auszudrücken oder diese beim Leser hervorzurufen. Schrift transportiert immer auch eine Meinung.

Wirkung auf den zweiten Blick

Und ähnlich wie bei der Einstufung von Farben wird es immer wieder Layouter und Kunden geben, die weder Grün beruhigend finden noch die englische Schreibschrift verspielt. Zugegeben, nicht jeder entspannt sich bei der Farbe Grün, zumindest nicht bewusst. Aber zum einen sollte man bedenken, dass jeder nur ein kleiner Teil der Allgemeinheit ist, und wenn eine Schrift bei dem einen ihre Wirkung verfehlt, kann sie doch bei den nächsten hundert Lesern voll einschlagen. Zum Zweiten wirkt viel auf das Unter-bewusstsein, ohne dass man die dadurch hervorgerufenen Gefühle unmittelbar wahrnehmen und auch nicht unbedingt mit dem Betrachteten in Verbindung bringen kann.

Die Faustregeln

Kraft durch betonte Serifen Betonte 

Serifen wirken entschlossen und kräftig

Althergebracht Hermann Hesse ließ seine 

Werke lange in der Fraktur drucken

Würdevoll Die Schriftklasse Französische 

Renaissance-Antiqua wirkt durch die

filigranen Elemente elegant

Dynamisch in kursiv Kursive Schriften 

wirken in der Regel dynamischer

 

Zunächst ein paar allgemeine Faustregeln zu Schriftgruppen, -schnitten und deren Wirkung:

  • Die Renaissance-Antiqua wirkt würdig und in sich ruhend.
  • Schriften aus der Gruppe der Barock-Antiqua sind spannungsreich, aufbauend und variabel.
  • Schriften aus der Gruppe der serifenbetonten Antiqua sagt man nach, kraftvoll, konstruktiv und linienbetont zu sein.
  • Die serifenlose Antiqua vermittelt einen sach-lichen, ruhigen und konstruktiven Eindruck.
  • Schreibschriften wirken verspielt und dynamisch.
  • Variationen in den Strichstärken wirken elegant.
  • Fette Schriften oder Schnitte wirken dominant und laut, schwer und träge.
  • Leichte Schriften oder Schnitte wirken dezent und zurückhaltend.
  • Kursive Schriften wirken dynamisch.

Die Faustregeln widerlegen

Haben Sie über die Assoziationen der vorherigen Seiten voller Unverständnis den Kopf geschüttelt? Für jede dieser Aussagen gibt es mit Sicherheit einige Widerlegungen. Aber mit den Holzhammer-Thesen und ihrer Widerlegung kann man darauf aufmerksam machen, dass tatsächlich alle Schriften eine Wirkung haben. Jede Schrift, die wir einsetzen, interpretiert gleichzeitig den Text. Ein Großteil der Wirkung hängt ab von individuellen Vorlieben, von Erinnerungen oder Erfahrungen. Einiges ist aber auch durchaus zu verallgemeinern, und da wir in der Regel unsere ­Leser nicht alle persönlich kennen, müssen wir uns der allgemeingültigen Aussagen und der Wirkung bewusst sein, wenn wir mit Schrift arbeiten.

Ein bisschen Serifen

In diesem Zusammenhang möchte ich auf die ewige Streitfrage zwischen Serifen- und serifenlosen Schriften hinweisen. So gibt es leidenschaftliche Verfechter der einen und der anderen Seite, die ihrem Gegenüber nicht nur Adjektive wie nüchtern oder elegant, plump oder hölzern, sondern gefühllos, kalt und tot oder hoffnungslos veraltet an den Kopf werfen. Wer auch immer Freude hat an dieser Diskussion und sich streng auf die eine oder die andere Seite stellen mag, soll das tun. Gleichzeitig sollte man aber bedenken, dass einerseits jede Schrift, ob mit oder ohne Serifen, ihren eigenen Charakter hat, und sich andererseits seit einigen Jahren Schriften mit leichten Serifenansätzen entwickeln. Für viele nicht Fisch und nicht Fleisch, empfinde ich einige dieser Schriften als elegant und gut zu lesen.

Größenabhängige Wahl

Auch die Schriftgröße übt einen gewissen Zwang bei der Wahl der Schrift aus. Bestimmte Schriften lassen sich beispielsweise in kleinen Schrift-graden viel schlechter lesen als andere, in großen Schriftgraden wirken manche Schnitte sehr verloren, andere fühlen sich dort erst richtig wohl. Auch wenn hier wieder jede Schrift einzeln beurteilt werden sollte, lässt sich doch generell Folgendes festhalten:

  • Dünne Schriften sind in kleinen Größen besser zu lesen als dicke Schriften, da die Punzen weniger ausgefüllt sind.
  • Auch Schriften mit großen x-Höhen lassen sich in kleinen Größen leichter lesen.
  • Starke und fette Schriften eignen sich in sehr großen Schriftgraden, beispielsweise als Headline einer Zeitung oder eines Magazins, grundsätzlich besser als feine und dünne Schnitte. Natürlich bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel, aber meistens wirken dünne und fili-grane Schriften in großen Größen verloren.

Zwingende Umstände bei der Schriftwahl

Bei aller Begeisterung über die Wirkung und Aussage einer Schrift sollte man eines nicht vergessen: Die Lesbarkeit sollte jederzeit gewährleistet bleiben. Eine Einladungskarte mit wenigen Zeilen Text mag in einer verschlungenen Schreibschrift in Ordnung sein, einen ganzen Absatz davon möchte hingegen keiner lesen. Letztlich ist die Schriftwahl also auch immer von äußeren Umständen abhängig wie von der Textmenge, aber auch von der Größe der Familie – wer Auszeichnungen wie eine Kursive oder Kapitälchen benötigt, muss seine Wahl auf die Schriften beschränken, die über entsprechende Schnitte verfügen. Abschließend bleibt noch das finanzielle Korsett: Wer kein Budget für den Kauf neuer Schriften hat, muss sowieso aus seinem Fundus schöpfen.

Ein einfacher Trick –die Gegenüberstellung

Wer sich bei der Wahl einer Schrift nicht entscheiden kann, sollte einen einfachen Trick anwenden: Profitieren Sie vom Zeitalter des DTP und setzen Sie die Texte in den beiden Schriften nebeneinander. Es ist keine Schande, nicht theoretisch zu entscheiden, sondern bei der Gegenüberstellung – so kann schneller und leichter die Entscheidung für eine Schrift fallen.

Ist das Gegenteil schon Kunst?

Eine der Künste in der Typografie ist es, die Regeln zu durchbrechen. Genau wie die Regeln zur Schriftgröße, zum Zeilenabstand und zum Spaltenzwischenraum können die Regeln zur Schriftwahl absichtlich ignoriert und gegensätzlich angewendet werden. Wer jetzt aber einfach mal die englische Schreibschrift für den Flyer vom Metzger verwendet, wird schnell merken, dass hinter dem Brechen der Regeln eine Menge mehr steckt als nur das Gegenteil. Erst wer ein Gefühl für Schrift und ihre Aussagen entwickelt hat, kann sich daran wagen, gegen die Regeln zu arbeiten. Dann kann allerdings wunderbare Typografie entstehen.

Claudia Runk/ok

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