Amazon Kindle - eBook-Reader Kindle Touch und Tablet Kindle Fire vorgestellt

Holger Blessenohl
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Wie man Apples Erfolgs-Tablet iPad erfolgreich angreifen kann, ist bis jetzt noch nicht geklärt. Die Android-Konkurrenz hat noch keinen echten Burner auf die Reihe bekommen, hat Verkaufsverbote kassiert oder gleich wie webOS einfach aufgegeben. Auch Billig-Tablets mit reduzierter Hardware konnten Apple bislang nicht gefährden. Amazon versucht es jetzt mit einem Zwei-Flanken-Angriff. Das Kindle Fire ist fast so gut wie das iPad, kostet aber nicht mal die Hälfte.

Amazon Kindle - eBook-Reader Kindle Touch und Tablet Kindle Fire vorgestellt

Wie das geht? Ganz einfach, indem Amazon alle die Funktionen weglässt, die eh keinen bei einem Tablet interessieren. Deshalb kann man mit dem Amazon Fire mangels Back- und Frontkamera weder fotografieren und filmen noch Skype-Videokonferenzen abhalten. UMTS, Bluetooth und GPS fehlen ebenfalls, so wie auch ein Mikrofon für Sprachaufzeichnungen. Das Kindle Fire ist ein reines Entertainment-Gerät zum Betrachten von Videos, Fotos, zum Musikhören (hier wäre Bluetooth für die Kopfhörer vielleicht doch ganz nett gewesen), für (Android-)Games und natürlich auch zum Lesen.


Dafür macht das Kindle Fire dort alles richtig, wo es sich um diese Kernfunktionen von Tablets handelt. Das 7″ große Multitouch-IPS-Display löst mit 1024 x 600 Pixeln auf, das Gewicht liegt bei bescheidenen 413 Gramm, der Dual-Core-Prozessor arbeitet mit 1 GHz. Amazon hat 8 GB internen Speicher verbaut, externen Speicher gibt es nicht beziehungsweise anstelle eines solchen nutzt man den kostenlosen Cloud-Service von Amazon, der allerdings nur Daten kostenlos speichert, die man auch bei Amazon gekauft hat. Für andere Dateien stehen aber immerhin weitere 25 GB auf Amazons Cloud-Servern zur Verfügung. Um die Surfgeschwindigkeit zu erhöhen, nutzt der neue Browser Silk die Amazon-Server als Proxy. Nach Medienberichten soll das Kindle Fire vom Design her stark dem Blackberry Playbook ähneln, hier soll derselbe Hersteller Quanta für beide Tablets verantwortlich zeichnen. Negativ wäre das nicht, das ebenfalls 7″ große Playbook liegt gut in der Hand und macht einen sehr hochwertig verarbeiteten Eindruck. Das Gehäuse ist zudem nach meiner Erfahrung deutlich weniger schmutzanfällig als andere Tablets.

Nur 199,- US-Dollar soll das Kindle Fire kosten, weniger als die Hälfte eines iPads. Auf der Website sieht sich Amazon angesichts des sehr niedrigen Preises denn auch bemüßigt zu betonen, dass es sich um ein Highend-Produkt handelt. Der niedrige Preis wird aber wohl nicht nur mit Einsparungen an wenig benötigten Hardware-Komponenten erreicht. Auch das als Betriebssystem verwendete Android ist sehr stark angepasst worden und angeblich unter der Amazon-Oberfläche kaum noch zu erahnen. Selbst der ganz normale Android Market ist mit dem Kindle Fire nicht zu erreichen, sondern nur Amazons eigener App Market. Das Kindle Fire ist also recht zielgenau als Konsumtempel für die Amazon-Shops eingerichtet. Musik kauft man in Amazons MP3-Store, Filme und TV-Serien bei Amazon Instant Video, eBooks im Kindle-Shop und Apps in Amazons App-Market. Auf diese Weise dürfte sich der Kindle Fire relativ schnell durch die Quersubvention einer in sich geschlossenen Handelskette auch für Amazon rechnen, selbst wenn der Versandhändler mit der Hardware selbst erstmal nichts verdienen sollte. Fragt sich nur, wie lange es dauert, bis die ersten Mods auftauchen, die aus einem Kindle Fire ein normales Android-Tablet machen.


Neben dem neuen Fire hat Amazon auch den normalen eBook-Reader Kindle gründlich überarbeitet und auch hier die Preise ordentlich nach unten geschraubt. Die Tastatur der alten Kindles fällt weg und wird durch eine virtuelle Tastatur auf dem nun multitouchfähigen 6″ großen Display ersetzt. Geblieben ist die hochgelobte E-Ink-Technologie, die einerseits Lesen auch bei Sonnenlicht ermöglicht, andererseits nur beim Neuaufbau der Seite Energie verbraucht. Auf diese Weise reicht eine Akkuladung bei einem Kindle bis zu einem Monat. Farben kann E-Ink aber nicht darstellen, das Display ist also Schwarz-Weiß.

Der neue Kindle heißt jetzt Kindle Touch, wiegt nur 213 Gramm und kostet in den USA 99 US-Dollar. Es gibt 4 GB internen Speicher und unbegrenzt kostenloses Cloud-Speicher für alle bei Amazon erworbenen eBooks. Wer Platz auf seinem Kindle schaffen möchte oder muss, kann problemlos alle Bücher auf dem Kindle einfach löschen. Sie bleiben in der Cloud erhalten und können später jederzeit wieder runtergeladen werden. Dank Whispersync-Technologie werden alle Einstellungen ebenfalls in der Cloud gespeichert und für alle mit einem Amazon-Account verbundenen Geräte synchronisiert. Seiten umblättern geht jetzt wie von anderen Tablets gewohnt mit Wischgesten, Vergrößern und Verkleinern mit Multitouch.

Außerdem wird es noch zwei weitere Varianten des Kindle Touch geben, einen teureren Kindle Touch 3G, der zusätzlich zur WLAN-Konnektivität des Kindle Touch auch noch UMTS/HSDPA bietet und einen Billig-Kindle, der einfach nur heißt und schon für 79,- US-Dollar zu haben ist. Dafür muss man allerdings auf den Touchscreen verzichten, die Navigation erfolgt hier über einen Button. Die niedrigen Preise werden allerdings auch über Werbung ermöglicht, die die Kindles im Stand-by-Modus permanent einblenden sollen. Das dürfte wohl nicht für den Kindle Fire gelten, da hier im Gegensatz zu den E-Ink-Displays für die Anzeige Energie verbraucht wird. Und zumindest im US-Shop soll es für etwas höhere Preise auch werbefreie Kindles geben.


In Deutschland werden wir leider nur den billigen Kindle ohne Touchscreen, aber immerhin mit deutscher Menüführung kaufen können. Der Verkauf soll ab 12. Oktober beginnen, die 79,- US-Dollar des US-Modells (nach heutigem Tageskurs 58 Euro) rechnet sich Amazon auf 99,- Euro hoch. Dafür ist allerdings keine Werbung dabei. Ein Problem in Deutschland ist derzeit auch noch das schwache und nur langsam besser werdende Angebot mit deutschen Büchern. Auch bei den Zeitungen und Zeitschriften ist das Angebot noch übersichtlich und zudem meist relativ teuer (verglichen mit einem Abonnement der Printausgabe). Bisher ist der Amazon Kindle in Deutschland aber auch noch ein Nischenprodukt. Das könnte sich mit dem Kindle Touch und Kindle Fire jetzt ändern. Englische eBooks (und auch eZeitungen) gibt es natürlich genug. Ob und wann Kindle Touch und Kindle Fire nach Deutschland kommen, ist derzeit leider noch völlig unklar. Amazons App Store darf in Deutschland noch nicht starten, da es einen Markenstreit mit Apple wegen des Namens gibt und gegen einen umfangreichen Online-Filmdienst der mit dem US-Angebot Amazon Instant Video vergleichbar wäre sträuben sich die deutschen Rechtebesitzer. Ohne diese Angebote macht ein Tablet, das so stark auf diese Konsumwege hin optimiert wurde, aber wenig Sinn.

Ich bin erstmal echt angetan von Amazons neuen Tablets. Nicht mehr Funktionen als nötig, das aber gut umgesetzt – das Kindle Fire könnte das Zeug zum iPad-Killer haben – vor allem bei dem Preis. Aber nur, wenn Amazon es auch außerhalb der USA verkauft. Und das Kindle Touch ist der erste eBook-Reader, der mich interessiert. Was haltet Ihr von der neuen Kindle-Familie?

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