Wird das iPad den Markt der digitalen Bücher revolutionieren? Wir beleuchten den Markt der elektronischen Bücher.

Eigentlich hatte Steve Jobs den digitalen Buchmarkt schon abgeschrieben: „Es kommt nicht darauf an, wie gut oder schlecht das Produkt (ein E-Book-Reader) ist. Tatsache ist, dass die Leute nicht mehr lesen“, sagte der Apple-Chef vor zwei Jahren dem Reporter John Markoff kurz nach der Vorstellung des MacBook Air auf der MacWorld Expo. „Vierzig Prozent der Menschen in den USA haben im vergangenen Jahr nur ein Buch oder gar keines ­gelesen“, rechnete Jobs dem Journalisten vor. „Das ganze Konzept geht vom Grundsatz her nicht auf, weil die Leute nicht mehr lesen.“
Zwei Jahre später spielt Jobs nicht mehr die Rolle des kulturpessimistischen E-Book-Kritikers. Der Konzernchef spricht vielmehr davon, den Erfolg des iTunes Music Stores und des App Stores von Apple mit dem iBookstore zu wiederholen. „Das iPad ist ein wunderbarer E-Book-Reader. Und das nicht nur für populäre Bücher, sondern auch für Textbooks.“ Unter dem Begriff „Textbooks“ versteht man in den USA die Schul- und Lehrbücher an den Schulen, Colleges und Universitäten.

Speziell für den großen Textbook-Markt in den USA hat Amazon den Kindle DX positioniert, der die gleichen Größenmaße wie das iPad hat. „Doch wer wird jetzt noch einen Kindle DX kaufen?“, fragte Analyst Michael Gartenberg in seinem Live-Feed auf Twitter während der Vorstellung des iPads in San Francisco. Der Experte spekuliert darauf, dass ein iPad bei der jüngeren Käufergruppe viel cooler wirkt als das digitale Amazon-Buch.

Der deutsche E-Book-Markt

In Deutschland ist derzeit nur eine internationale Version des Kindle verfügbar, für die es kaum deutschsprachige Inhalte gibt. Im Online-Buchladen dominieren die englischsprachigen Titel komplett. Bei den Zeitungen und Zeitschriften gibt es immerhin drei Titel aus good old Germany (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Handelsblatt, Wirtschaftswoche), die aber noch nicht einmal der Print-Ausgabe entsprechen. So fehlen bei der FAZ sämtliche Fotos und Grafiken aus der Zeitung. Von Farbbildern oder gar Videos ganz zu schweigen.

Platzhirsch auf dem deutschen Markt ist der Sony Reader. Absatzerfolge erzielen die Japaner mit der Sony Reader Pocket Edition PRS-300, einer abgespeckten Fünf-Zoll-Variante ohne MP3-Player und ohne Erweiterungsoption für den Speicher. Das nur 220 Gramm schwere Einsteigergerät kostet aber auch nur 199 Euro. Das obere Ende bedient Sony mit dem PRS-600 Touch Edition für 299 Euro, der über einen berührungssensitiven Bildschirm verfügt. Der PSR-600 ist mit einem Sechs-Zoll-Bildschirm mit E-Ink-Technologie „in Papier-Optik ohne Hintergrundlicht oder Flimmern“ ausgestattet.
Im Gegensatz zum iPad verfügt die aktuelle Generation der Sony Reader weder über WiFi noch UMTS. Inhalte gelangen vom Mac über die USB-Schnittstelle auf den Reader. Der Kindle ist immerhin mit einer 3G-Mobilfunk-Verbindung ausgestattet, auch wenn die Anwender außerhalb der USA diskriminiert werden: Ein Surfen mit dem textbasierten Browser im Web außerhalb von Amazon und Wikipedia ist in Deutschland nicht möglich.
Amazon und Sony sind aber bislang nicht die einzigen Player auf dem deutschen Markt. Wie ein Zwillingsbruder des Kindle sieht der ­iRiver Story aus. Allerdings fühlt sich der iRiver Story in der Bedienung manchmal etwas träge an, weil die Reaktionen auf Eingaben mit den Pfeiltasten einen Tick zu lange auf sich warten lassen. Der Reader von iRiver zeigt auch Dokumente aus dem Office-Paket von Microsoft sowie PDF-Dateien ordentlich an. Außerdem kann das Gerät Sprachnotizen aufzeichnen. Der iRiver Story wird unter anderem im Online-Store von Schlecker für 279 Euro angeboten.
Der holländische E-Book-Pionier iRex setzt beim Vertrieb seines Einsteigermodells auf die Ladenkette Media Markt. Ob der iRex DR800S bei einem Preis von 499 Euro aber tatsächlich viele Käufer finden wird, darf bezweifelt werden. In den USA bietet der Philips-Ableger ein Modell inklusive UMTS-Modem für 399 Dollar (ohne Mehrwertsteuer) an. Auf dem Weg nach Europa hat das Gerät nicht nur die 3G-Mobilfunkverbindung verloren, sondern ist auch noch deutlich teurer geworden. Das Spitzenmodell von iRex, der DR1000S kostet sogar knapp 700 Euro.
Deutlich günstiger ist das Bebook Neo vom holländischen Marktpionier Endless Ideas. Das Sechs-Zoll-Gerät kostet im Shop des Herstellers 309 Euro und verfügt zwar auch nicht über ein UMTS-Modem, hat aber immerhin ein WLAN-Modul an Bord.
Interessant ist auch das Lesegerät von Txtr. Das Startup-Unternehmen aus Berlin offeriert dem Vielleser nicht nur einen E-Ink-Reader, sondern ein imposantes Komplettsystem aus Online-Shop, Clipping-Service im Web und iPhone-App. Allerdings hat Txtr bislang massive Probleme bei der Herstellung seiner Geräte in China, so dass die zahlreichen Vorbestellungen für den Txtr-Reader nur in kleinen Stückzahlen abgearbeitet werden können. Der Txtr-Reader sollte sich ursprünglich von den Konkurrenzgeräten durch ein integriertes WLAN unterscheiden. Doch es kam alles anders: Die Entwickler kündigten an, nur ein UMTS-Modul einbauen zu wollen. Zwei Funkmodule seien zu teuer und zu kompliziert gewesen. Durch den Verzicht auf das WLAN-Modul sank der Preis immerhin auf knapp unter 300 Euro.
Im Wettstreit mit dem iPad könnten Amazon und Co auch mit der Bildschirmtechnologie des Display-Spezialisten Pixel Qi punkten. Die Displays von Pixel Qi überzeugen mit einer exzellenten Bildqualität bei hellem Umgebungslicht und verbrauchen nur wenig Strom. In einer dunklen Umgebung kann man einen beleuchteten Farbmodus aktivieren, der auch für die Wiedergabe von Videos geeignet ist.
Für Vielleser dürfte aber vor allem die Tatsache eine Rolle spielen, dass ein Display tatsächlich ein ermüdungsfreies Lesen über Stunden hinweg ermöglicht. Wie sich das iPad mit seinem IPS-Display beim längeren Lesen schlägt, werden erste Praxistests zeigen, die zum Verkaufsstart des iPad Ende März erscheinen. Außerdem kann man erwarten, dass Amazon und Co nicht tatenlos zusehen werden, wie sich das iPad in ihrem Markt breit macht. Amazon hat kurz nach der iPad-Präsentation die US-Firma Touchco übernommen, einen Spezialisten für Touch-Bildschirme. Touchco soll nun Teil der Amazon-Entwicklungstochter Lab126 werden, die unweit des Apple-Campus in
Cupertino sitzt.    Christoph Dernbach/ok

Kommentare zu diesem Artikel

Weitere Themen

* gesponsorter Link