12 Monate Games, Emotionen, Skandale: Der große Jahresrückblick 2010

David Hain

Es ist soweit: Das Jahr 2010 macht endgültig die Biege und darf – zumindest aus Spielersicht – als durchaus erfolgreich abgestempelt werden. Tolle Spiele gab‘s, noch tollere Gaming-Momente, viel zu Lachen, einiges zum Aufregen. In unserem ausführlichen Jahresrückblick lassen wir die vergangenen zwölf Monate noch einmal Revue passieren, prangern Skandale an, feiern Erfolge und lassen die großen Gaming-Emotionen frei.

Januar

Das Spielejahr 2010 nimmt keine Gefangenen und beginnt standesgemäß brachial: Mit dem famosen Zelda/God of War-Mixup „Darksiders“ gelingt THQ ein Hit, der genau jene Spieler begeistert, die von „Bayonetta“ eher abgestoßen sein dürften. Das optisch opulente, aber komplett durchgeknallte Japan-Feuerwerk erscheint im gleichen Monat, ist aber zu speziell für eine breite Masse. Weit besser ergeht es „Mass Effect 2“, das nicht nur Traumwertungen einheimst, sondern außerordentlich gut verkauft wird.

Für einen ersten Aufreger im noch jungen Jahr sorgt Microsoft, die am 7. Januar auf der International Consumer Electronics Show bekannt geben, dass man die Ganzkörpersteuerung „Project Natal“ im Jahr 2010 lieber als „Kinect“ unter die Leute bringen wolle. Aus einem fragwürdigen Quatschnamen wird also ein sperriges Kunstwort.

Februar

Der Februar sorgt für einen der größten Skandale des Spielejahres 2010: Publisher Ubisoft veröffentlicht seine Spiele künftig nur noch mit einer speziellen DRM-Maßnahme (Digital Rights Management), die den Käufer zwingt, während des Spielens permanent online zu sein. Und das sogar im Einzelspieler-Modus. Ein riesiger Aufreger unter den Fans, der nur dadurch getoppt wird, dass kurz nach dem Verkaufsstart von „Assassins Creed 2 PC“ die Ubisoft-Server still stehen – und somit ehrliche Käufer vor einer Fehlermeldung sitzen. „Konnte nicht zum Ubisoft-Netzwerk verbinden“ posaunt die über den Bildschirm und verdammt in den ersten Tagen zum Zusehen. Die Spieler laufen Sturm, drohen mit Kaufboykott, scheinen dies aber kurz darauf wieder vergessen zu haben – „Die Siedler 7“, ebenfalls inklusive DRM-Gängelung, verkauft sich so gut wie kein „Siedler“-Teil zuvor.

Ansonsten gehörte der Februar zu den stärksten Spielemonaten des Jahres: „Bioshock 2“ kam und wurde für gut, aber ideenlos befunden, „Dantes Inferno“ machte auf „God of War“ in der Hölle, auch gut, leider gegen Ende zu eintönig. „Napoleon: Total War“ begeisterte, „Star Trek Online“ wiederum nicht – das heiß ersehnte Fan-MMO war unfertig, sperrig und bot keinen Endcontent.

Aus der qualitativ hochwertigen Masse stach ein Titel jedoch besonders heraus: „Heavy Rain“ war mit seinem starken narrativen Kern und der (scheinbaren) Handlungsfreiheit, so revolutionär, dass sogar die allgemeinen Medien auf den Zug aufsprangen und in Fernsehbeiträgen, Radiointerviews und Feuilleton-Artikeln geschlossen die Frage stellten: Ist das überhaupt noch ein Spiel?

März

Vince Zampella und Jason West sind arbeitslos, raunte es im März durch die Newsforen. Der Aufreger daran: Die beiden vorgenannten Herren sind die Chefs des wohl wichtigsten Entwicklerstudios im Stall von Activision: Infinity Ward, die klugen Köpfe hinter „Call of Duty“. Und ausgerechnet die soll der Mega-Publisher rausgeworfen haben. Was folgt, ist eine Schlammschlacht, die sich gewaschen hat: Activision reicht Klage ein, wirft dem Duo ungehorsam vor, Intrigen seien gesponnen worden. West und Zampella verklagen daraufhin ihrerseits Activision – man habe Bonuszahlungen unterschlagen und die Freiheit des Teams erheblich eingeschränkt.

West und Zampella fackeln nicht lange, gründen kurz darauf ein neues Studio: Respawn heißt es und freut sich über regen Zulauf. Das die neuen Arbeitnehmer ausgerechnet bei Infinity Ward kündigen, schürt weiteren Zündstoff. Über 40 Entwickler kündigen und wechseln zum neuen Studio, welches – Ironie des Schicksals oder cleverer Personalschachzug – ausgerechnet beim größten Activision-Konkurrenten EA unter Vertrag steht.

Nintendo und Sony kündigen derweil auf der Games Developer Conference die jeweilige Zukunft ihrer Markanstrengungen an. Während Sony mit einer mauen Wii-Kopie (Sony Move) langweilt, sorgt Nintendo mit dem 3DS für aufgeregte Vorfreude.

Und die Spiele? Waren auch gut: „God of War 3“ war episch, „Battlefield Bad Company 2“ eine Multiplayer-Offenbarung, “Metro 2033“ ein kleiner Shooter-Sleeperhit. Dagegen standen mit “Final Fantasy 13“ eine der großen Enttäuschungen des Jahres, sowie das völlig vergurkte “Command & Conquer 4“ – einen traurigeren Serienabschluss hat es wohl nie gegeben.

April

Die Farce des Jahres bescherte uns der April: Beim Deutschen Computerspielpreis 2010 wurde aus heiterem Himmel die gesamte Riege der nominierten Titel für das „Beste Internationale Spiel“ ausgetauscht. Begründung: Gefeierte Titel wie „Uncharted 2“ seien zu gewalthaltig, man wolle ausschließlich Spiele prämieren, die pädagogisch wertvoll seien und in denen nicht geschossen wird – was etwa 80% aller größeren Titel per se ausschließt. Außer vielleicht „Anno 1404“ – das dann auch glatt den Preis gewann. Obgleich es aus Deutschland stammt...

Neuerscheinungen gab es im April nur wenige, als wichtigste Titel stachen da noch das tolle Prügel-Update „Super Street Fighter 4“ und Sam Fishers geglückte Verjüngungskur „Splinter Cell Conviction“ hervor. Und „Sam & Max“ feierten ihre Rückkehr – dank Telltale Games in Episodenform.

Mai

Der Mai bringt eine recht ungewöhnliche Spieleplattform hervor, die sich in den kommenden Monaten womöglich als großer Konkurrent für Sony und Microsoft herausstellen könnte: Das Apple IPad ist eigentlich nicht viel mehr als ein überdimensioniertes IPhone, das von Vielen als pure Spielerei empfunden wird. Aber genau dafür eignet es sich optimal: Dank ausladendem Touchscreen spielen sich speziell für das Pad programmierte Titel wie „Mirrors Edge“ oder „Plants vs. Zombies“ richtig gut und sorgen für weiter steigende Absatzzahlen im ohnehin schon boomenden Handy-Spielemarkt.

Daneben bietet der Mai ein paar der besten Spiele des Jahres: „Red Dead Redemption“ dürfte etwa auf so ziemlich jeder seriösen „Best of 2010“-Liste auftauchen, ähnlich wie „Super Mario Galaxy 2“ und „Alan Wake“. Hinzu kommen zwei tolle Rennspiele, die sogar Racingmuffeln ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Der Mario Kart-Klon „Blur“ verkauft sich leider nur mäßig, der explosive Konkurrent „Split/Second“ läuft auch eher träge an.

Vielleicht liegt's an der Vorfreude auf die E3? Kurz vor der Messe feuern die Publisher nochmal aus allen Trailer-Rohren, besonders aufwändig verlief dies im Falle von „Deus Ex 3“, der mit einer pompösen Werbekampagne angekündigt wurde, die wahrscheinlich teuer war, als manches Vollpreisspiel in der Entwicklung.

Eine traurige Nachricht gab's auch noch: Radon Labs, die Berliner Entwickler von „Drakensang“ meldeten Insolvenz an, wurden aber kurz darauf vom Browsergames-Spezialisten BigPoint gekauft. Zum Glück? Eher nicht: Die DSA-Lizenz ist futsch, der Name Drakensang wird künftig für schnell produzierte Hack'n Slays verbraten.

Juni

Im Juni dann der größte Spieleevent des Jahres. Wie immer eben. Doch 2010 blieb die E3 verhältnismäßig blass, dummerweise konzentrierten sich Microsoft und Sony auf die Vermarktung von Move und Kinect – die beide eher enttäuschten. Unpräzise Steuerung, doofe Casual-Spielchen. Die Messe entschied daher Nintendo für sich: Die großartigen Spielankündigungen (Zelda, Kirby, Kid Icarus) wurden allesamt durch die ersten Vorführversionen des 3DS in den Schatten gestellt. Nahezu jeder, der in Los Angeles Hand an den kommenden Wunderkasten legen konnte, war begeistert. Toller 3D-Effekt ohne Brille – das nennen wir mal revolutionär.

Wer im Monat der immensen Hitze (Spitzen von 35 Grad Celsius) überhaupt Lust zu Zocken hatte, musste sich mit kleinen, aber umso feineren Perlen begnügen. „Lego Harry Potter“ versprühte endlich wieder die Magie vergangener Lego-Titel, „Transformers: War for Cybertron“ war ein Geheimtipp und „Alpha Protocol“ zwar extrem hässlich, dafür aber umso tiefgründiger.

Und noch etwas: OnLive ging an den Start – nahezu unbeachtet von der Öffentlichkeit. Vormals als Zukunft des Gaming angepriesen, hatte die erste Streaming Plattform, auf der man Spiele online ohne Installation spielen kann, mit immensen Problemen zu kämpfen. Lags und Synchronisationsprobleme machen aus der Revolution eine Nullnummer. Zumindest vorerst.

Juli

Im Juli brennt nicht nur die Sonne lichterloh, auch das Sommerloch klafft so tief wie selten zuvor. Die Weltmeisterschaft in Südafrika hält die Menschen in Atem, da ist kein Platz für Games. Außer vielleicht „Starcraft 2“, das zwar erst Ende des Monats erscheint, aber noch Wochen danach sämtliche Spieleseiten beherrscht. Der Blizzard-Titel ist einer DER Hits des Jahres und fährt Traumwertungen ein.

August

Dafür brachte der August neue Höhen. Rekordhöhen um genau zu sein, denn mit 245000 Besuchern  stellte die zweite Gamescom in Köln neue Besucherrekorde auf. Im Grunde gab's aber eigentlich – wie jedes Jahr – nur noch einmal das zu sehen, was seit der E3 längst alter Tobak ist. Lediglich „Bioshock Infinite“ und „Heroes of Might & Magic 6“ gingen als Neuankündigungen aus Köln hervor. Ansonsten auch hier: Move und KInect wohin man blickte, der geheime Star war abermals der 3DS, der leider nur hinter verschlossenen Türen präsentiert wurde.

An der Spielefront enttäuschte „Mafia 2“ auf hohem Niveau, Lara Croft hingegen überraschte mit dem DLC-Ausflug „The Guardian of Light“. „Kane & Lynch 2“ gab's auch noch – aber dazu sagen wir mal lieber nichts...

September

Es war DIE Meldung des Monats. Ach was, des gesamten Jahres: Duke Nukem Forever kommt doch! Ganz ehrlich und wirklich wirklich. Auf der Penny Arcade Expo kam, völlig aus dem Nichts, die Ankündigung – und die Fans flippten aus. Gearbox hatte sich die Rechte gesichert und heimlich am ehemaligen 3DRealms-Gespenst weitergearbeitet. Die ersten Spielszenen sind zwar alles andere als spektakulär, aber der Duke dürfte sich im kommenden Frühjahr wohl trotzdem blendend verkaufen.

Beinahe zeitgleich dümpelte sich die Tokyo Game Show auf der anderen Seite des Kontinents immer weiter in die Bedeutungslosigkeit. Keine Neuankündigungen, stattdessen bunter Japanquark – braucht keiner. Ebenso wenig wie Sonys Move: Die Bewegungssteuerung ging im September ebenfalls an den Start, natürlich begleitet von allerlei blödsinnigen Hampelspielchen. Ein Hit wird das wohl nicht, bisher sind die Reaktionen jedenfalls verhalten.

Hitverdächtig war dafür das Septemberangebot der Publisher: Mit „Halo: Reach“, „Civilization 5“, „FIFA 11“, „RUSE“ und „Dead Rising 2„ kamen ein paar der ganz großen Titel – und begeisterten fast durchweg. Anders verhält es sich mit „Final Fantasy 14“ – das Japan-MMO war einer der letzten großen Flops des Jahres 2010 und zeigt, dass die Branche langsam umdenken muss. Statt überteuerte WoW-Klone zu produzieren, die wie „Champions Online“, „APB“, „Star Trek Online“, „Spellborn“ und eben „FF14“ massive Bruchlandungen hinlegten, versuchen sich viele Hersteller nun an Free-to-Play-Modellen. „Herr der Ringe Online“ etwa ist gerade sehr erfolgreich in das boomende Segment eingestiegen – weitere dürften 2011 folgen.

Oktober

EA befeuerte mit riesiger Marketingkampagne, einem eigenen Song von Linkin Park und einer beispiellosen Medienfarce, in der „Medal of Honor“ aufgrund des Afghanistan-Szenarios im Vorfeld zum Skandalthema deklariert werden sollte, ihren „Call of Duty“-Konkurrenten – und holte sich mehr als nur ein blaues Auge. Mäßige Wertungen zu einem okayen Spiel ergaben bei Weitem nicht die Absatzzahlen, die sich EA erhofft hatte.

Und sonst: Blizzard feierte sich im Oktober auf der Blizzcon selbst, ließ aber keine großen Neuigkeiten aus dem Sack. „Arcania Gothic 4“ wird die Lachnummer des Jahres und von der Presse kollektiv abgestraft. „Vanquish“, “Fable 3“, „Fallout New Vegas“ und „Castlevania: Lords of Shadow“ beglückten die Spieler.

Und wenn das mal keine krasse Meldung ist: Nicht EA oder Activision gehören zu den Topherstellern 2010, sondern ein kleiner Laden namens Zynga. Der Entwickler von Facebook-Spielen wie „Farmville“ expandierte immens – während EA 1500 Angestellte entlässt, wächst Zynga auf 1200 Mitarbeiter an. Entsprechend schätzen Analysten den Marktwert des Entwicklers auf 5,5 Milliarden Dollar. Ist das vielleicht das endgültige Aus für teure Big-Budget-Produktionen der Marke „Call of Duty“?

November

Natürlich nicht: „Call of Duty: Black Ops“ erscheint mit großem Trara im November und stellt sogleich einen neuen Verkaufsrekord auf. Sieben Millionen verkaufte Einheiten in nur 24 Stunden – das gab's noch nie.

Kinect erscheint. Auch wieder so ein Ding für die Zukunft. Und auch wenn die Steuerung ohne Controller tatsächlich ihren Reiz hat, enttäuscht Microsofts Ganzkörperspielzeug bisher noch. Die Spielepalette besteht zu 100% aus Murks, die Abtastung der Bewegungen ist zuweilen höllisch unpräzise. Aber: Mit besseren Spielen und Feintuning an der Technik kann das 2011 auch schon wieder anders aussehen. Eine Gruppe freut sich schon jetzt über Kinect: Die Fraktion der Hacker entlockt der Bewegungssteuerung bereits die tollsten Sachen – begehbare Holodecks inklusive.

Gran Turismo 5“ erscheint nach gefühlten 298 Jahren Entwicklungszeit. Und gemessener am Hype, den der Sony-Exklusivtitel im Vorfeld generierte, ist das Endergebnis eher...so lala. Ansonsten kommen „Need for Speed: Hot Pursuit“, „Mickey Epic“, „Goldeneye“ und “Aassassins Creed: Brotherhood“ – natürlich allesamt Toptitel.

Dezember

Sagten wir eigentlich, der Deutsche Computerspielpreis wäre im April die Farce des Jahres gewesen? Nun, wir könnten uns eigentlich an dieser Stelle glatt korrigieren, denn der „Deutsche Entwicklerpreis 2010“ legt fröhlich nach: Nicht nur das die Liste der nominierten Titel erschreckend schwachbrüstig erscheint, nein, mit „Arcania Gothic 4“ wird auch noch ein Titel als „Bestes deutsches Konsolenspiel“ ausgezeichnet, das laut Spielermeinungen und Pressetenor zu den Gurken des Jahres gehörte.

Noch brandaktuell ist der Skandal um „Dead Space 2“, den wir erst vor wenigen Tagen beleuchteten. Per Appelationsverfahren will das Bundesland Bayern eine erneute Neuprüfung des Titels anstrengen, der erst im fünften Durchlauf das USK-Sigel erhielt. Bayern legt nun Veto ein – schafft „Dead Space 2“ den sechsten Prüfdurchgang nicht, sieht es für eine Veröffentlichung schwarz aus.

Das größte Spielethema des Dezembers ist fraglos „World of Warcraft: Cataclysm“. Die dritte Erweiterung lockt abermals zahllose Spieler an, angeblich sollen es ja 12 Millionen weltweit sein – sofern die Pressemeldungen stimmen. Logisch, dass sich Blizzard nicht die Gelegenheit nehmen ließ, einen der beliebten Mitternachtsverkäufe zu veranstalten. In Berlin waren auch wir vor Ort und haben mitgefeiert.

Weitere Themen: Teenage Mutant Ninja Turtles: Mutanten in Manhattan, Call of Duty: Advanced Warfare, Destiny, Teenage Mutant Ninja Turtles: Aus den Schatten, Diablo 2 Patch, Call of Duty Online, The Walking Dead: Survival Instinct, Diablo 3 Patch, Call of Duty - Black Ops 2, Activision Blizzard

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