In Flames Albumkritik - Sounds of A Playground Fading: Schwedischer Schwermetall, die Zehnte

Leserbeitrag
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Als Fan alter, erfolgreicher Bands erlebt man zwangsläufig die Entwicklung dieser Combos über eine längere Zeit. Nicht immer wird diese Beharrlichkeit belohnt, oft ändert sich der Sound oder die Ausrichtung über mehrere Dekaden hinweg. Metallica sind ein prominentes Beispiel für solche Streuverluste. In Flames , die ehemaligen schwedischen Melodic-Deather, verabschieden sich auf dem aktuellen Album ebenfalls von ihrer Vergangenheit und biedern sich stellenweise sogar mit seichtem Rock-Pop an.

In Flames Albumkritik - Sounds of A Playground Fading: Schwedischer Schwermetall, die Zehnte

Sounds of A Playground Fading steht als Titel stellvertretend für den schleichenden Paradigmenwechsel. Sänger Anders Fridén ordnet im Interview mit dem Rock Hard Magazin dem Albumnamen zwar eine global-spirituelle Bedeutung zu (“Die Menschheit ist an einem Punkt angekommen, an dem ihr die Zeit davonläuft.”), für mich ist er aber auch gleichbedeutend mit dem Verlust einer musikalischen Spielwiese, weil sich die Band auf den 13 Tracks unumstößlich von ihren Death-Metal-Wurzeln löst. PR-mäßig werden solche Stilbrüche für gewöhnlich mit einer “Weiterentwicklung” erklärt. Trösten wird das Fans von “The Jester Race” (1995), “Whoracle” (1997) oder “Clayman” (2000) sicher nicht.


Es ist kein Zufall, dass sich In Flames gerade auf dem neuen Output weiter denn je von ihrem früheren Kernpublikum entfernen, mit Jesper Strömblad verließ schließlich einer der beiden Hauptsongwriter aufgrund seiner Alkoholsucht die Göteborger Formation. Die Hauptlast trug nun Björn Gelotte, der für alle Songs verantwortlich zeichnet. Der Einfluss von Fridén ist aber größer denn je. Diesmal war er von Beginn an während der Aufnahmesessions im Studio, anstatt nur am Ende seine Parts einzusingen. Und das merkt man den Liedern auch an, nicht umsonst gilt er als der experimentierfreudigste Bestandteil des Quintetts, das durch Niklas Engelin vervollständigt wird.

Versteht mich nicht falsch, viele der alten Trademarks sind noch vorhanden oder wabern zumindest spürbar im Geflecht der Kompositionen umher. Gerade das Spiel mit dynamischen Wechseln und treibenden Rhythmen beherrscht In Flames nach wie vor exzellent und das dürfte bei Liveauftritten auch zukünftig noch für entsprechendes Feedback sorgen. Auch die Produktion ist über alle Zweifel erhaben, der Sound fett und insgesamt gut abgemischt. Oft geraten die Gitarren aber zu sehr in den Hintergrund, Keyboards und elektronische Elemente treten dagegen immer häufiger in den Mittelpunkt. Aber eines wissen alle In-Flames-Kenner ohnehin: Fridén ist kein guter Sänger, er zeichnet sich vielmehr durch sein markantes Gekrächze aus. Dummerweise erfordert die rockigere Ausrichtung der Stücke aber einen präsenten, cleanen Gesang – und das beherrscht der Frontmann einfach nicht.


Früher kompensierte die Band diese Schwäche mit brachialen Kompositionen und Nackenbrechern, heute stellt sie gerade solche Elemente bei Songs wie “Liberation” oder “The Attic” in den Fokus – und scheitert beim Versuch, sich selbst neu zu erfinden. Musikalisch erinnern einige Passagen an Alternativ-Vertreter wie “Thrice”, ohne jedoch deren atmosphärische Klasse zu erreichen. In Flames verlieren sich bei belanglos popp-rockigen Tracks wie “Ropes”, der Single-Auskopplung “Deliver Us” oder “Enter Tragedy” im Nirgendwo zwischen kommerziellem Rock und metallischen Anklängen.

Doch eine Doublebass allein macht noch lange keinen Sommer. Und auch die von vielen als schwermetallische Aushängeschilde gefeierten Nummern wie “The Puzzle” oder “Darker Times” sind nicht vielmehr als halbherzige Versuche, auch die alten Anhänger irgendwie noch ins Boot zu holen. Eigentlich schade, denn gerade die erste Minute des Albums mit ihrem klassischen Gitarren-Intro weckt eine Hoffnung, die schnell unter oft langweiligem Kleister zugeschüttet wird.

Fazit
Am Ende muss man als Fan der alten Alben einfach enttäuscht zurückbleiben. Klar sollte jeder Band eine künstlerische Entwicklung zugebilligt werden. Am Beispiel Metallicas ist aber auch gut sichtbar, wo so etwas endet. Im musikalischen Nirwana, einem kaum einzuordnenden Feld, in dem auch In Flames nur noch bedingt als Metal-Band einzustufen sind. Die zehnte Langrille der Göteborger hat mit Melodic-Death-Metal nichts mehr zu tun. Ob sich die Schweden mit ihrem diffusen Rock-Mix neue Zielgruppen erobern können, bleibt dagegen abzuwarten. Wenn ihr die Platte nicht ohne Probehören kaufen wollt, könnt ihr euch den In Flames Stream bei AOL reinziehen …

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