Apple 2010: Gut & böse. Ein launischer Jahresrückblick

Sebastian Trepesch
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Hui, was war das für ein Applejahr. Die Börsen-App auf dem iPhone zeigt eine krakelige Linie von 192 welcher Einheit auch immer zum Endpunkt 325. Selbst der unerfahrenste Statistikenleser kann daraus deuten: 2010 lief für Apple gut. Der Jahreswechsel gibt uns Anlass, auf einige Punkte zurückzublicken: Eine Entwicklungsumgebung im Altenheim. Ein Notebook, das flacher als die meisten Tastaturen ist. Das in der Bar liegengelassene Handy. Ein Tablett, von dem zunächst keiner weiß, wozu er es brauchen kann – zum Kellnern ist es jedenfalls zu klein und teuer. Und immer wieder die Frage: Sind wir als Apple-Freunde noch auf der guten Seite der Macht?

Was ist 2010 alles auf dem Apple-Markt passiert. Aktuell warten wir sehnlichst auf das iPad 2, fleißig kündigen Gerüchte, Gerüchte, Gerüchte das Produkt für Frühjahr 2011 an. Dabei kam das erste Modell des Tablet Computers erst vor neun Monaten, im April dieses Jahres, heraus.

Im Januar 2010 stellte Steve Jobs das iPad auf einer Keynote vor, und das Interesse war bei unseren Lesern so groß, dass unsere Webseite zusammenbrach.

Ist das Gerät nun ein Computer, oder nur ein großer iPod? Die erste macnews.de-Bilanz: „Wünschen würden wir uns mehr – doch aus den Händen geben möchten wir das iPad nimmer.“ Erst nach und nach zeigte sich, dass der Tablet Computer das Potential hat, die halbe Medienlandschaft zu verändern – in erster Linie den Markt der Tageszeitungen (wir werden es 2011 sehen). Und das, obwohl es Apple manchmal (nicht immer, vergleiche Sex-Apps) sehr genau mit seinen Richtlinien nimmt und Zeitungen den Zugang zum App Store verweigert. Und die Wikileaks-App rauswirft. Gehört Apple noch zu den Guten? Oder gehört Apple genau deshalb zu den Guten? Weil das Unternehmen zumindest versucht, die Jugend vor den (nach amerikanischer Auffassung) schlimmsten Dingen zu schützen?

Und ist es ok, dass Apple den Entwicklern vorschreibt, welche Werkzeuge sie für die Programmierung verwenden dürfen? Eine entsprechende Funktion Adobes Creative Suite 5 – im Mai erschienen – wird zunächst nutzlos, bis Apple zurückrudert.

Auf jeden Fall gilt: Das iPad ist der Platzhirsch auf dem Tablet-Markt, und wird es sicher noch etwas bleiben. Apple darf sich bei dem iPad 2 allerdings keinen größeren Fehler erlauben. Oder doch?

iPhone Benutzeroberfläche
A, N, T, E, N, N, A, G, A, T, E. Einer der Hauptfehler 2010 von Apple. Das iPhone 4 wurde schnell mit diesen elf Buchstaben in Verbindung gebracht: Kunden und Journalisten bemängelten die Empfangsqualität des neuen Gerätes, das bei Apples Worldwide Developers Conference vorgestellt wurde und seit 24. Juni 2010 auch in Deutschland zu kaufen ist. Die wetternde Meute wurde selbst dem Hersteller irgendwann zu viel. Auf einer Pressekonferenz erklärte Apple-Guru Steve Jobs, dass doch alles nicht so schlimm und bei anderen Herstellern genauso sei. Sicherheitshalber legte er vorübergehend allen iPhone 4 einen Dämpfer („Bumper“) bei. Dieser dämpfte Stöße gegen die Kanten des Telefons, dämpfte die Empfangsprobleme und dämpfte – ganz besonders – die Negativschlagzeilen.

Die Operation Bumper lief Ende September aus, da das Problem ja gar kein Problem war.

Trotz Antennagate wurde das iPhone 4 kein Misserfolg. Der Ansturm auf das Telefon war enorm, obwohl der Hersteller mit dem neuen Modell keine Handy-Revolution brachte. Aber das hochauflösende Display (von Apples Marketing-Abteilung Retina-Display getauft) und die deutlich gestiegene Kameraqualität verschaffen dem Smartphone viele Anhänger. Das Design findet zumindest der Autor dieser Zeilen wesentlich schöner als das des iPhone 3GS. Nicht nur, weil sich Kantigphone so schön in eine Kassette verwandeln lässt.

So ein eckiges Telefon von Apple, wer hätte das gedacht. Damit war das Handy, das in einer Bar liegengelassen wurde, nicht nur ein angeblicher Prototyp des iPhone 4, sondern ein echter. Würden Entwickler mehr saufen, würden wir häufiger Prototypen zu Gesicht bekommen. Aber wahrscheinlich wäre die Produktqualität schlechter. Prost.

Einen Grund zu Feiern hatten O2, Vodafone und weitere Mobilfunkanbieter: Die Telekom verlor ihr exklusives Vermarktungsrecht der Apple-Telefone. Die iPhone-Tarife sanken leicht, aber nur gaanz leicht. Und welches Unternehmen keine Lieferungen der Produkte bekommt, kann auch keine mehr verkaufen. Ausverkauft. In der zweiten Januarhälfte 2011 schaut es wieder besser aus, teilte uns Vodafone mittlerweile mit.

Ob neues oder Vorgänger-iPhone, iPod touch oder iPad: Dem Betriebssystem iOS hat Apple mit dem Update auf Version 4.0 beziehungsweise 4.2 endlich Multitasking, Ordner, den Game Center und einiges mehr spendiert. Und was folgte jeder iOS-Aktualisierung? Natürlich ein Jailbreak.

iOS war das dominierende Apple-Thema 2010. Dennoch hat der Hersteller seine Raubkatzen nicht ganz vergessen. Der Konzern aus Cupertino gab zumindest eine Vorschau auf Kommendes: Das nächste OS X-Betriebssystem soll im nächsten Sommer erscheinen, „Lion“ heißen und iPad-Anleihen auf MacBooks und Desktop-Rechner bringen.

Ein Softwareportal, der Mac App Store, startet dagegen schon am 6. Januar. Stoff für Diskussionen: Schafft es für Entwickler eher Chancen oder Risiken? Wird der Computerhersteller nur Software zulassen, die ihm gefällt? Werde ich auf meinem Mac einen Jailbreak durchführen müssen? Wohin geht der Weg, ist Apple noch auf der guten Seite?

„Ping! Ping!“ Es klingelt an der Pforte! Die iTunes-Nutzer öffneten die Tür ihrer Musikverwaltung – und schlugen sie schnell wieder zu. In iTunes 10 hat Apple mit Ping ein soziales Netzwerk für Musik integriert. „Verfolge, was deine Freunde und Lieblingskünstler machen, welche Musik sie hören und laden und worüber man spricht.“ Zitat Apple. Die Nutzer der schönen Musikverwaltung wollten aber niemanden verfolgen und schon gar nicht verfolgt werden und setzten das Soziale Netzwerk unsozial vor die Tür.

Zuerst durch einen Eintrag im Terminal, dann mit einem kostenlosen Tool. Und mit dem nächsten kleinen iTunes-Update im November gestattete der Hersteller, Ping abzuhaken. Herzlichen Glückwunsch für die Negativ-Auszeichnung. Böses Apple wollte nur Daten. Gutes Apple macht kleinen Rückzieher.

Sozusagen ein Ping-Pong-Spiel.

Was bleibt in iTunes 10? Ein kleines Ping-Kästchen ohne Haken, ein neues Logo im Dock und ein ergrautes Menü. Da waren Farbfans traurig. Wir haben zum Glück einen Screenshot der alten Version gemacht. Do you remember the time? Aber man kann sich an vieles gewöhnen.

An das alte MacBook Air müssen wir uns dagegen nicht mehr erinnern: Das neue ist nicht nur sooo flach, sondern auch sooo schön! Die MacBook Pro-Modelle vom Sommer 2010 arbeiten dagegen im bekannten Gehäuse, aber mit aktualisierten inneren Werten. Beim neuen iPod shuffle ruderte Apple im Design wieder zurück und gab dem Musikspieler wieder Tasten. Der iPod nano dient mittlerweile als Uhr. Apple TV wurde der Festplatte beraubt, die Set-Top-Box wird ein Verkaufschlager. Das Geschäft mit dem Xserve lief dagegen nicht gut, Apple stellte die Serie ein.

Was interessierte die macnews.de-Leser im Jahr 2010 besonders? Natürlich neue Apple-Produkte, die Keynotes, Jailbreak und: Das Geheimnis hinter Jobs' Rollkragen-Look. Auch Schnäppchenjäger sind zahlreiche auf unserem Portal unterwegs. Und sollte es den DVD Ripper Pro nochmal kostenlos geben, wird der macnews.de-Redakteur nicht nur darüber berichten, sondern selbst rechtzeitig zugreifen.

Apropos Interna: macnews.de ist Teil der ECONA Internet AG geworden und hat mit BenM.at eine starke Partnerseite bekommen. Wir freuen uns auf neue Mitarbeiter und weitere Verbesserungen in 2011.

Fazit: 2010 war für Apple ein gutes Jahr. Die Aktie stieg auf 325 US-Dollar, die Produkte gingen weg wie warme Semmeln und die Machtdemonstrationen gelangen: Flash wurde kurzerhand ins Altenheim verfrachtet, was sich Anfang des Jahres noch keiner vorstellen konnte. Und die Beatles in iTunes wurden zum Mega-Coup.

Hoffen wir, dass sich der Aufwärtstrend fortsetzt, aber Apple die Macht nicht über den Kopf steigt.

Um mangelnden Apple-Nachwuchs müssen wir uns jedenfalls keine Sorgen machen. Zu den meistverkauften iPhone-Apps in 2010* zählt in der Kategorie „Bücher“ die Anwendung Baby Vornamen*. Tipp für werdende Eltern: Ihr Baby wird irgendwann erwachsen, also geben Sie ihm besser gleich einen richtigen Vornamen.

Nicht nur einen Baby-Vornamen.

Weitere Themen: Apple Watch Special Event 9. März 2015 – Liveblog, Apple Special Event Oktober 2014, iTunes, iTunes für Mac, iOS, App Store, The Swift Programming Language – Handbuch , OS X Yosemite, iOS 7, Apple

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