Apple-Fans entwickeln Apple-Hass: Spiegel-Online macht Wind

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Als “Abrechnung eines Ex-Fans” hat der Autor Hajo Schumacher sein Plädoyer “Apple, es reicht!” geschrieben. Knapp 12000 Spiegel-Lesern gefiel das bis heute. Beim iPad gehe es nur ums Angeben, mit dem iPhone 4 ließe sich nicht mal richtig telefonieren. Das einst Lässige, Gegenkulturelle, Ästhetische von Apple sei heute nur noch uncool. Das offenbar wieder zeitgemäße Apple-Flaming wollen wir nicht unkommentiert lassen.

Hajo Schumacher, Journalist und langjähriger Spiegel-Schreiber, TV-Co-Moderator und selbst Apple-Anwender hat einen Aufsatz geschrieben. Über die Nutzer von Apple-Produkten, über Apple. Er zieht ordentlich vom Leder: Besitzer von Apple-Produkten würden einem feinen Club angehören wollen und das auch allen mitteilen müssen. Das Alu-Ding iPad könne nicht mal Flash und diene nur zur Befreiung von digitalen Minderwertigkeitskomplexen.

Apple sei wie Sushi, einst exklusiv, heute Arschgeweih und gar nicht mehr cool. Jetzt sei es seelenloser Krempel, sogar der Inbegriff des Uncoolen, durch Vermassung entleert. Mit dem iPhone 4 könne man nicht telefonieren, die mangelnde Funktionsfähigkeit habe inzwischen alle Apple-Produkte erfasst. Schumacher verbeißt sich in iCal und Adressbuch-Synchronisation, er zetert über App-Kauf und Hotline.

Apple sei schlimmer als die Datenkrake Google und diktiere deutsche Verlage, Apple-Kunden seien frei von jeder Rationalität und gehörten einer Religionsgemeinschaft an, die schlimmer als Scientology mit ihrem Schöpfer L. Ron Hubbard sei. Die Börse liebe Apple wegen des für die Ewigkeit angelegten Kettenbriefspiels, das alle die mitmachen müssten, die sich vorn fühlen wollen. “Apple ist eine Droge, und alle sind druff.” Fast alle, denn er, Schumacher, habe gestern die alte Nokia-Stulle aus der Schublade gesucht und könne jetzt endlich wieder telefonieren. “Gibt es ein Leben ohne Apple? Wir werden es ausprobieren”, endet seine Tirade.

Der Ausruf des kühl kalkulierenden Journalisten am seitenlüsternen Ort gelingt. 11.992 Personen halten den Facebook-Daumen hoch, über 1200 twittern es weiter, knapp 1120 Menschen schreiben Kommentare, Stand heute nachmittag. Die Spiegel-Online-Redaktion freut sich. Ziel erreicht, mit einer einfachen Polemik gegen eine offenbar einfach gestrickte Anwendergruppe. Zur richtigen Zeit, denn die Aufmerksamkeit auf Apple ist noch höher als hoch, kurz nach dem Rückzug des Mastermind Steve Jobs.

Damit könnte man es eigentlich bewenden lassen. Und nicht auch noch mehr Aufmerksamkeit auf die Polemiker beim Spiegel richten. Schließlich ist die Mehrheit ja immer noch gegen Apple. Ein schöner Wurf gegen die verblendete Fan-Gemeinde, die jetzt ihren Guru verliert, fehlgeleitet von Design und Kult, von verzweifeltem Zugehörigkeitsgefühl einer Elite, zu der sie wegen ihrer Blödheit nie gehören werden – das passt immer und bringt bei der Mehrheit der Windows- und Android-Anwender Zustimmung und Clicks. Die paar Beleidigten der Apple-Fraktion wehren sich heftig und heizen die Debatte an, doch sie können die Schlacht nicht gewinnen.

Wir sind wieder auf den Schlachtfeldern. Gut gegen Böse. Apple ist jetzt das Böse. Früher war Apple Gegenkultur, Windows der Feind. Jetzt ist Apple Mainstream, weil angeblich nur Angeber iPad und iPhone haben. Mainstream will Schumacher nicht sein. Und mit dem polemischen Bashing einer Interessensgruppe lässt sich immer Gewinn bei der Mehrheit machen. So wie neulich, als sich ein RTL-Report der übel riechenden, freundinnenlosen, gewaltbereiten Gamer auf der Gamescom annahm – mit viel Resonanz nicht nur bei Giga.de, sondern auch mit einem Hackerangriff auf Rtl.de (gewaltbereit!).

Jetzt also der Spiegel vs. Apple-Anwender. Nun ja. So richtig will mir der Kamm nicht schwellen. Zu durchsichtig ist das Anliegen von Schumacher, zu verzweifelt sein Frust. Nicht der aufgrund abgebrochener iPhone-Gespräche und nicht synchronisierter Adressbucheinträge und fehlendem Support. Alles nachvollziehbar. Sondern der aufgrund des Verlusts einer enttäuschten Liebe, eines Versprechens, das Apple ihm gegenüber nicht hält. Wer mein Produkt kauft, ist außergewöhnlich. Küss mich und ich mache Dich zum Design-Verständigen, zum Hingucker, mit mir gehörst Du zur Elite, Du wirst Teilhaber des Gegenkulturellen.

Das zeugt von einem materialistischen Verständnis für eine Markenwelt, wie es typisch ist – und eigentlich Mainstream. Schumacher schreibt wie jemand, der daran teilhaben wollte und die Markeneffekte, den Sexappeal, den ‘Das-können-sich-andere-nicht-leisten’-Eindruck genießen will. Das Elite-Versprechen hat Apple jedoch nicht eingehalten. Oder zuviele wollen daran teilhaben, wollen wie Schumacher sein, damit angeben – jetzt ist es Zeit, sich davon abzuwenden.

Sicher, es gibt viele Gründe, Apple-Produkte nicht zu lieben. Muss man ja auch nicht, vor allem nicht lieben. Und es gibt wirklich Wichtigeres, als Computer, Telefone oder ihre Macher wichtig zu nehmen. Aber wenn man es tut, geschieht das aus bestimmten Gründen. Und das können durchaus andere sein, als “superwichtig auf jedem Seminar, jeder Tagung, jeder Bahnfahrt das iPad-Futteral aufzuklappen”. Weil man sie als Alternative einem anderen Produkt vorzieht, weil sie in ihrer geschlossenen Welt sicherer und stabiler sind, weil man sich an ihrer Optik und Funktion erfreuen kann, weil man sich nicht mit ihnen beschäftigen muss, sondern mit ihnen Ergebnisse erzeugen will.

“Wie bei Pulsuhr, Rotwein oder Handtaschen geht es nicht um Funktion, Nutzen oder Geschmack, sondern ums Angeben. Das iPad ist der Manta des 21. Jahrhunderts, bald vielleicht mit Fuchsschwanz-App.” Schreibt Schumacher. Gar nicht mal unoriginell. Er jedenfalls will weg vom Manta. Muss einfach was Neues Manta-mäßiges her, wenn alle Manta fahren. Endlich wieder telefonieren, mit einem Nokia. Ach, wenn das nur nicht alles so lächerlich wäre.

Dabei hat er durchaus Recht mit seiner Kritik. Wir alle, die wir die Apple-Welt verfolgen – und es gibt ja medienmäßig und im Bundestag, in Bus und Bahn kein Entrinnen mehr vor Apple, das mag alles sein – können genug klagen. Antennagate, iPhone-Tracking, App-Store, Apple-Zensur, Lion, MobileMe, kein Flash, Final Cut Pro X, das diskutieren wir hier ja nicht unkritisch. Wir schlucken nicht alles, was uns Apple vorstellt, sondern reagieren oft mit Unmut und Unverständnis. Das ####-Sync-Problem, das Schumacher mit iCal und Adressbuch hat, hat der Autor ebenfalls. Beim Kollegen Benjamin Miller von benm.at klappt dagegen alles prima.

Sicher gibt es unter uns auch einige, die mit Apple Gefühle verbinden, wie sie Schumacher beschreibt: “Ein ursprünglich angenehm anderes Etwas, das seinen Anhängern ein Robin-Hood-Gefühl gab, ist durch seine Vermassung entleert worden”. “Wie heute die Fans des FC St. Pauli wärmten sich Mac-User am Wir-Gefühl.” Und: “Für das Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, zahlte man gerne mehr; die stolzen Mac-Preise waren immer auch eine Art Spende.” Und so weiter und so fort. Leute, lest diesen Schumacher, er ist schon ein Fuchs.

Wie auch immer. Für Schumacher geht es um Gefühle. Enttäuschte Gefühle. Er, der Kolumnist, verführt vom Sektenguru, hereingefallen auf das Werbegewimmel um das iPhone 4, mit dem man nicht telefonieren kann. Und noch nicht mal mehr Elite, weil alle eins haben, mit dem man nicht telefonieren kann. Schreibt sich seinen Ärger von der Seele.

Jetzt telefoniert er wieder. Mit seiner alten “Nokia-Stulle”. Und kehrt in sein kleines gallisches Dorf zurück, um ein neues cooles Leben ohne Apple zu führen. Uah, mich graust es schon, was da demnächst auf uns zukommt. Das Apple-Bashing wird eine neue journalistische Qualität annehmen (wohl weil die gesamte Spiegel-Redaktion und Axel-Springer- und Co. eben auch mit Macs ausgestattet sind): Nach den literarischen Selbstversuchen “Vier Wochen ohne Internet – wie ich den Krieg gegen mich selbst gewann” kommen jetzt die Anti-Apple-Ergüsse, wie “Mein Leben ohne Apple. Ein Entzugsroman.”

Es wird noch lustig werden, wenn die enttäuschten Liebhaber sich im journalistischen Stalking versuchen. Klar kann man an Apple Kritik üben. Ich würde sogar sagen, immer fest druff, wenn etwas los ist. Ist die einzig richtige Reaktion. Nur so lernen Unternehmen. Und dieses ist besonders dickköpfig und starrsinnig. Aber zu jammern, dass das Produkt Gefühle und Elite-Positionen versprochen habe, die es wegen Vermassung nun nicht mehr biete, das ist jämmerlich und eitel.

Da klagt einer andere an für etwas, das er selbst empfindet. Schumacher will sich eben “vorn fühlen”. Den Distinktionsgewinn jetzt bei Windows mit einem geschätzten Betriebssystem-Verbreitungsanteil von über 95 Prozent zu suchen, das können wir Manta-Hajo nur empfehlen. Linux, ja, das wäre was. Damit kann er noch was erreichen, Hergucker gewinnen, Frauen verhexen.

Aber ach nein, wir wollen ihn nicht verlieren, den Hajo Schumacher, als ehemaligen Apple-Fan. Er soll weiter wettern. Soll die Abneigung schüren, den Kampf gegen den Verführer Apple, für die gerechte Welt ohne überteuerte, nicht funktionierende Design-Produkte. Alle sollen mitmachen, heraus in den Krieg gegen die gefährliche Sekte der Apple-Adepten.

Damit wir weniger werden, damit viele von uns sich schämen und lieber wieder zum Nokia oder Windows greifen – dann können die Übrigen wieder friedlich im gallischen Dorf ihr wahres Elite-Dasein abseits des Mainstreams leben, das echte Mac-Mad-Max-Manta-Leben eben. Mittlerweile gefällt das 15000 Lesern.

Weitere Leseempfehlung: Apple, es reicht noch lange nicht! auf benm.at

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