Apple-Foxconn-Bericht: Mehr Geld für weniger Arbeit – ab 2013

von

Nun ist offiziell bestätigt, was ohnehin schon klar war. Die Menschen bei Foxconn müssen an den iPhone- und iPad-Fertigungsstraßen zu lange schuften, es wird zu wenig kommuniziert, die Sicherheits- und Gesundheitsrisiken sind zu hoch und die Arbeitnehmer sind unzureichend vertreten. Apple und Foxconn wollen das ändern.

Apple-Foxconn-Bericht: Mehr Geld für weniger Arbeit – ab 2013

Der jetzt von der Fair Labor Association (FLA) vorgelegte Bericht über die Apple-Arbeitsbedingungen bei Foxconn ist ein Erfolg. Nicht, dass wir die bisherigen Bedingungen loben, sondern dass es überhaupt einen offiziellen Report gibt, ist ein Fortschritt. Ab jetzt kann Apple die Bedingungen verbessern.

Versprochen haben das jedenfalls Apple und Foxconn. Das ist ja auch der Sinn einer Untersuchung. Deckt sie Missstände auf, müssen sie behoben werden. Wohlgemerkt, Apple hatte die Untersuchungen nach fortwährender Kritik selbst in Auftrag gegeben. Die FLA hat deswegen auch nur die Foxconn-Werke und Bedingungen untersucht, die Apple-Produkte wie iPhone, iPad und Macs betreffen. Die Fabrikteile, in denen Hewlett-Packard, Dell, Microsoft, Nintendo, Sony, Intel und andere Hersteller fertigen lassen, bekamen die Argus-Augen der Prüfer nicht zu sehen. Doch es ist unwahrscheinlich, dass nicht auch ihre Produktionsbedingungen von den Apple-FLA-induzierten Verbesserungen profitieren werden.

Drei von zig Foxconn-Werken in China nahmen die FLA-Auditoren unter die Lupe. 35000 Arbeiterinnen und Arbeiter von 288000 haben sie befragt. Was sich auch schon in den Apple-eigenen Audits der Arbeitsbedingungen zeigte, bestätigten sie: Die erlaubte Wochenarbeitszeit von 40 Stunden wird permanent überschritten, Überstunden werden nur unvollständig und im Halbstundenintervall bezahlt, in heißen Produktionsphasen müssen die Arbeiter auch über 60 Stunden und sieben Tage pro Woche ran, auch wenn sie laut Gesetz nur 39 Überstunden pro Monat erreichen dürfen. Insgesamt registrierten die FLA-Prüfer über 50 Problembereiche, die nicht den gesetzlichen Bestimmungen und dem FLA Kodex genügen.

Ab dem 1. Juli 2013 soll das anders sein. Dann sollen nur noch die gesetzlich erlaubten Überstunden möglich sein, diese korrekt bezahlt werden und auch Pausenzeiten eingehalten werden. Damit das klappt, muss Foxconn für die Apple-Linien zehntausende Arbeiter mehr einstellen. Alle sollen besser informiert und ihre eigenen Vertretungen wählen können, mehr in Sicherheit und Arbeitsabläufen geschult werden, alle Arbeitsbesprechungen werden zukünftig honoriert.

Und alle erhalten mehr Lohn, denn die Kosten der Unterbringung und Versorgung in den Arbeitsstädten von Foxconn und Umgebung sind hoch und die meisten Arbeiter müssen und wollen mehr als die maximal erlaubten 40 Stunden arbeiten, um sie sich leisten zu können und eventuell darüber hinaus noch ihre Familien versorgen zu können oder sich eine bessere Zukunft zu sichern. Die meisten Arbeiter sind knapp Zwanzigjährige aus anderen Provinzen. Sie wollen soviel Geld wie möglich verdienen, die wenigsten arbeiten jedoch länger als ein Jahr bei Foxconn.

Zwar sind die Löhne bei Foxconn schon überdurchschnittlich hoch, ausreichend sind sie aber offenbar nicht. Deswegen will die FLA demnächst auch eine Studie zu den Lebenshaltungskosten in Shenzhen und Chengdu erstellen, damit Foxconn und damit Apple die Löhne entsprechend bemessen können. Schließlich steigen auch in China die Lebenshaltungskosten sehr schnell.

Neben den versprochenen Verbesserungen bei Sicherheit, Mitsprache und Informationspolitik sind das erstmal gute Nachrichten, oder nicht?

Denn Apple macht damit das einzig Richtige: Seiner Verpflichtung als Vorreiter gerecht zu werden. Viel zu lange schwebte der dunkle Aasgeier der Ausbeutung über den innovatien, schicken Vorzeigeprodukten. Steve Jobs hatte ein relativ distanziertes Verhältnis zu den entfernten Arbeitsstätten, Tim Cook, der sie selbst empfohlen hat, zeigt Verantwortung und konkrete Handlung. Jetzt, auf dem Zenit des Erfolges, als größter PC-Hersteller der Welt, mit täglich Millionen verkauften Apps, Musik, Filmen und iPhones, iPads, iPods und Macs, einer fast schon nervenden Präsenz in den Medien und Nachrichtenkanälen, geht Apple ans Eingemachte: Die Bedingungen für die Menschen hinter den Produkten zu verbessern.

Das ist nur recht und billig, also moralisch. Schließlich gibt es einen angehäuften Gewinn von mehr als 100 Milliarden US-Dollar zu verteilen. Dabei ist der Lohnanteil bei den einzelnen Geräten noch der geringste Kostenaufwand. An die in Deutschland oft genannten 20 Prozent Personalkosten gegenüber 45 Prozent Materialkosten im produzierenden Gewerbe kommen die Verhältnisse in China nicht heran. Selbst eine angemessene und notwendige Erhöhung der Löhne wirkt sich also nur gering auf Preise oder Gewinn aus. Von den bisherigen zweimaligen Erhöhungen um 25 Prozent angesichts der letztjährigen Kritik ist beim Endkunden nichts angekommen. Im Gegenteil, die Apple-Gewinne sind sogar gestiegen, wie Gene Munster im Interview mit Bloomberg bestätigt. Munster, Analyst von Piper Jaffrays, hat errechnet, dass eine Personalkostenerhöhung um 20 Prozent die Apple-Marge nur um etwa ein Prozent reduziert.

Meine grobe Schätzung ist, dass selbst eine Verdoppelung der Löhne und Mehrinvestitionen in Sicherheit, Kommunikation und die Einrichtung einer unabhängigen Arbeitnehmervertretung – also die dauerhafte Berücksichtigung von Menschenrechten – sich nur in vielleicht fünf Prozent Preiserhöhung auswirken könnte.

Denn Apple wird seinen Gewinn nicht wesentlich schmälern, schließlich ist das Unternehmen seinen Aktieninhabern und Investoren verpflichtet. Und dass der Weg höherer Löhne und besserer Arbeitsbedingungen richtig ist, weiß jedes Kind, auch der Aktie wird dieses Engagement gut tun. Hinzu kommt, dass sich danach alle anderen Hersteller, die nicht so im Fokus der Medien und damit der Öffentlichkeit stehen, an Apple messen lassen müssen.

Zumal die anderen Foxconn-Auftraggeber wie Amazon, Dell, HP und Microsoft ebenfalls von den höheren Personalkosten betroffen sein werden. Da ihre Marge und ihre Polster geringer sind als die von Apple, werden sie diese Kosten in jedem Fall in vollem Umfang an ihre Kunden weitergeben müssen – wenn sie bei Foxconn bleiben und nicht den Weg in den dunklen, bisher unbeobachteten Dschungel der unzähligen Foxconn-Konkurrenten wählen, in die kein unabhängiger Arbeitsrechtler jemals seinen Fuß setzt – aber auch das kann sich ändern.

Die Zeiten, wo die breite Öffentlichkeit nicht weiß und sich nicht kümmern muss, wie ihre iPads, iPhones und Macs produziert werden, oder Apple-Gegner über das Blut an ihnen lästern können, sind jedenfalls vorbei.

Jeder, der bisher bedauert hat, dass es bei den „Bad News“ zu Arbeitsbedingungen immer nur um Apple ginge, die anderen Massenproduzenten aber trotz ebenso fieser Verhältnisse im Schatten des Giganten weiterwerkeln könnten, wird sich freuen können: Künftig wird Apple wieder gut und Vorbild. Dann sollen die anderen mal zeigen, wie sie ihren Laden auf Vordermann bringen. Dann klebt das Blut an den Spielekonsolen, Androids und Ultrabooks – und unser Gewissen ist so rein wie die Oberfläche eines fabrikneuen MacBook Air.

Das ist uns ein paar Prozent Preiserhöhung bei unseren neuen Apple-Spielzeugen auch wert, oder etwa nicht?

Wie die anderen das sehen:

Reuters: Apple-Offensive nach Kritik an Arbeit in China-Fabriken
Süddeutsche: Apple verbessert Arbeitsbedingungen bei Foxconn
New York Times: Two Sides to Labor in China
Heise: Inspektion deckt Missstände bei Apple-Auftragshersteller Foxconn auf
Taz: Statt 61 künftig 49 Wochenstunden

Bild: Blood in the Moonlight, 

Namensnennung
 Bestimmte Rechte vorbehalten von Der_Krampus, Flickr

Apple

  • von Katia Giese

    Ein Highlight für Apple-Jünger ist die alljährlich stattfindende Entwicklerkonferenz “WWDC” in San Francisco. Wie immer hält Apple das Datum und den Inhalt der Veranstaltung streng geheim. Die Webseite des Schauplatzes aber deutet schon auf ein großes Event...

  • von Katia Giese

    Dank seiner Aufsehen erregenden Architektur wird der neue Apple-Campus mit dem raumschiffartigen Hauptgebäude ein Publikumsmagnet. Ein geeigneter Platz, um auch ein Museum für Apple-Exponate zu errichten, finden Fans.

Weitere Themen: iPhone 3GS, iPad Air, Fingerabdruckscanner, iPad maxi, iPod Touch 4, Apple TV 2, iPhone 3G(S), iPod Touch 3G, iTunes Karte, Foxconn


Kommentare zu diesem Artikel

Neue Artikel von GIGA APPLE

Anzeige
GIGA Marktplatz