Apple muss Thunderbolt mehr fördern

Ralf Bindel
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Die neuen iMacs 2011 sind da. Mit Thunderbolt. Nach den MacBook Pro jetzt auch die iMacs. Bald kommen die TB-MacBook Air, die Mac mini, die Mac Pro. Doch die Peripherie lässt auf sich warten. Dabei kann der schnelle Anschluss so viel – und jetzt schon wieder weniger.

Engadget hat es gestern gleich ausprobiert: Ein neuer 27-Zoll-iMac in der Mitte, zwei Dell-30-Zöller daneben, angeschlossen über die beiden Thunderbolt-Buchsen. Beeindruckend, wie sich die Monitoroberfläche durch die angrenzenden Displays ergänzen lässt. Schöner noch wäre nur, wenn der iMac nicht nur glänzendes Glossy anbieten könnte. Bzw. Apple. Aber das werden wir wohl beim Kombi-Mac nicht mehr erleben – und diese Diskussion hatten wir auch schon.

Die neuen iMacs* sind schon attraktiv: Schnellere Prozessoren, günstigerer Preis, SSD-Option auch im kleinen Modell, FaceTime-HD-Kamera, Thunderbolt. Wie schnell die iMacs sind und welche Vorteile sie gegenüber ihren Vorgängern bieten, werden die Testberichte zeigen. Als Freizeit- und Arbeitsmaschinen sind sie gleichermaßen interessant, zumal sie äußeres und inneres Design gelungen kombinieren. Apropos Design: Man schaue sich weiterhin nur einmal an, was andere Hersteller in Sachen All-in-One-PC zu bieten haben. Ok, da gibt es bei HP einen Touchscreen, aber die Gestaltung? Schließlich müssen sie doch jeden Tag gefallen, die Geräte, manche stehen sogar im Wohnzimmer und sind Medienzentrale, die ziehen die Blicke doch auch “kalt” an. Der iMac wird also als Design-Innovation von 1998 weiterhin Bestand haben und das Zugpferd im Laden bleiben. Selbst wenn sich manche wegen der letzten Skandale das Identifikations-Symbol auf der Frontseite wegwünschen.

Dennoch, bei aller Thunderbolt-Innovations- und Anschluss-Euphorie bleibt ein Fass voller Wermutstropfen: Die Thunderbolt-Peripherie-Situation ist weiter schlecht. Die Industrie zieht nicht nach, wo Apple und Intel voran gehen. Erst kamen die MacBook Pro im Februar mit Thunderbolt-Anschluss, jetzt die iMacs, demnächst wohl Mac mini und Mac Pro. Ein Upgrade des MacBook steht ebenso an wie im Sommer eines des MacBook Air.

Wobei gerade letzteres mit einer schnellen Thunderbolt-Schnittstelle auch für mobil-stationäre Grafikarbeitsplätze geeignet wäre. Alle Macs mit Thunderbolt innerhalb diesen Jahres. Und die Peripherie? Apple zählt gerade acht Geräte auf seinen eigenen Seiten auf.

Sicher, die Schnittstelle ist auch jetzt schon interessant. Nicht nur das Engadget-Anschluss-Beispiel zeigt es. Über den bisherigen Mini-Display-Port hatte man bisher nur einen weiteren Monitor ansteuern können, mit Thunderbolt schafft der iMac zwei Zusätzliche. Zudem können die iMacs damit auch als externe Monitore herhalten. Könnten. Denn der so genannte Display-Target-Mode funktioniert nur mit anderen Thunderbolt-Geräten. Neue iMacs als Darsteller für Playstation, Kabel-Boxen und Blu-ray-Player? Fehlanzeige, weil sie kein Thunderbolt besitzen. Über den Mini-Display-Port lassen sich die iMacs 2011 nicht mehr als externe Monitore nutzen. Mit den bisherigen iMacs ab 2009 war das möglich. Auch mit dem nötigen Belkin-Adapter von HDMI-auf-Mini-Display, der aktuell offenbar ausverkauft ist (und mit über 112 Euro viel zu teuer war), würde es ebenfalls nicht funktionieren. Allenfalls als Zusatzmonitor für die MacBook Pro 2011 mit Thunderbolt kann ein neuer iMac 2011 dienen, oder demnächst dem ersten Thunderbolt-MacBook Air. Die aktuellen iMacs verstehen von extern nur noch Thunderbolt, nicht mehr Mini-Display, wie uns Apple Deutschland bestätigte. Wer die gelungene Gerätekombination iMac mit einer Xbox 360* kombinieren will, hat also jetzt Probleme, obwohl Thunderbolt eigentlich die Standards PCI-Express und Mini-Display-Port vereint.

Doch demnächst kommen ja Mac mini und Mac Pro mit Thunderbolt und dann bleibt alles gut. Denn an sie lassen sich traditionell große, spiegelfreie Monitore (die aktuell nicht mehr von Apple stammen) anschließen. Meist mit entsprechendem Adapter, denn Grafikmonitore bieten kaum Mini-Display geschweige denn Thunderbolt. Angesichts mangelnder bezahlbarer Adapter eine unerträgliche Situation. Die meisten Neuanwender können ohnehin kaum etwas mit Thunderbolt anfangen. Wie auch sonst mit den innovativen Schnittstellen bei den neuen Macs. Ein Lehrer aus der Nachbarschaft freute sich über sein flatschneues MacBook Pro 13 Zoll. Eine alte externe FireWire 400-Platte anschließen? Passt nicht, das 13-Zoll hat andere Buchsen. Adapter erforderlich. Externen Monitor anschließen? Adapter nötig. Vom superschnellen Thunderbolt schon gehört? Ja, aber wofür und womit, welches Kabel, welches Gerät?

Ich will nicht unken, dass Thunderbolt eine Totgeburt ist, eine proprietäre Schnittstelle für den Anschluss von Apple an Apple und ausgewählte elitäre Freunde. Aber wenn Thunderbolt jetzt schon um das Mini-Display-Verständnis von außen beschnitten wird, und außen, außer Apple, keiner Thunderbolt spricht, dann verheißt das nichts Gutes. Sicher, Thunderbolt ist noch jung, und den Vergleich mit der Karriere von FireWire will ich auch nicht wagen. Schließlich gibt es genug, wenn auch teurere als USB-Peripherie mit dem schnellen beinahe-Apple-Exklusiv-Standard. Massenmäßig hat er sich allerdings nicht durchgesetzt. Mac-Trojaner dafür auch nicht, wohl ausschließlich, weil ihr Markt so klein ist.

Das ist aber keine Option für Thunderbolt. Apple und Intel müssen diesen Standard aus der Nische holen, denn er wäre zu schade, würde er auf dem Altar der “Das Bessere ist der Feind des Guten“-aber-erfolglosen-Innovationen geopfert. Er ist jung, schnell (bis zu 10 Gigabit pro Sekunde) und hat viele Möglichkeiten. Ihn jetzt zu beschneiden, um Mini-Display von außen, und nur Thunderbolt-Geräte zuzulassen, ist der falsche Weg. Zumal der Standard noch Funktions-Probleme hat. Auch die Kompatibiliät scheint beschränkt: So lassen sich offenbar Thunderbolt-Macs nicht von Nicht-Thunderbolt-Systemen starten, umgekehrt funktioniert es aber schon, berichtete uns Leser Marco Peters.

Die beiden Thunderbolt-Innovatoren Apple und Intel und ihre ersten Technologie-Adepten um Apogee, Avid, Blackmagic, LaCie, Promise, Sonnet und WesternDigital sollten eine Kampagne für die universelle und zukunftsfähige Schnittstelle bauen. Denn eine größere Öffentlichkeit könnte für mehr Durchsatz bei der durchsetzungsfähigen Schnittstelle sorgen. Wenn die Kunden nicht von den Möglichkeiten von Thunderbolt erfahren, werden die PC-Hersteller die Innovation nicht umsetzen. Thunderbolt-Peripherie wird Mangelware bleiben und alle werden auf sie als „teure, seltene und typische“ Apple-Lösung verweisen.

Noch ein Gedanke von Kollege Sebastian Trepesch: Wäre Apple mutig gewesen, hätte es dem iPad 2 Thunderbolt spendiert, und die Schnittstelle würde sich schnell verbreiten. Tatsächlich vermutet Techcrunch-Autor MG Sieger nach seinem Gespräch mit Apple den Anschluss für das iPad 3 und das iPhone 5.

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