Apple, Ping und Facebook: Wer braucht noch mehr Social Sharing?

Flavio Trillo
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iTunes Ping war und ist ein Rohrkrepierer. “Apple kann Social Media nicht”, heißt es daher häufig. Man wisse in Cupertino einfach nicht mit dem Konzept umzugehen und falle über seine eigenen Füße. Dennoch wird die Beschäftigung mit dem Kommunikationstrend des 21. Jahrhunderts zum Erfolgsmaßstab für Unternehmen aller Art. Muss Apple also nachziehen?

Jeder muss: Social Networking als Kardinalpflicht

Was Ende des vergangenen, und zum Teil auch zu Anfang dieses Jahrhunderts die Web-Präsenz für Unternehmen war, ist heute der Twitter-Account, die Facebook-Seite und das Google+-Profil – wer keins hat ist außen vor, uncool und vor allem nicht kommunikativ. Doch auch Facebook selbst steht unter Druck, immer mehr Vernetzung, immer mehr “Social Sharing” zu implementieren.

Die Plattform kündigte vergangene Woche auf der Entwicklerkonferenz f8 an, ihren Nutzern künftig zu ermöglichen, ihre Musik- und Video-Genüsse direkt aus diversen Diensten wie Spotify, Rhapsody, Netflix und Hulu heraus mit anderen zu teilen. Damit werde das eigene Facebook-Profil zum regelrechten “Unterhaltungs-Drehkreuz“, proklamiert die New York Times. Gleichzeitig wende das Unternehmen sich damit mehr als alle anderen Konkurrenten zusammen direkt gegen Apple, schließt Mike Elgan von Cult of Mac.

Apples Kernkompetenz: Hässliches schön machen

Apple sei inzwischen mehr eine Medien-Plattform als ein Hardware-Hersteller. Macs, iPhones und iPads haben die Art, wie wir Medien konsumieren, revolutioniert. Filme in iTunes herunterladen, unterwegs auf dem iPad anfangen, zu Hause auf dem HD-Fernseher zu Ende schauen, alles ganz einfach und elegant. Denn das ist es, was Apple tue und auch beherrsche, gleichsam als “Kernkompetenz”: “Klobige, verwirrende und hässliche Arten, Inhalte zu konsumieren durch saubere, einfache und schöne Apple-Alternativen zu ersetzen”, so Elgan.

Nun sei Facebook aber mitten in Apples Territorium gestiefelt. Das soziale Netzwerk will erneut die Regeln, nach denen wir Medien-Inhalte finden, neu aufstellen. Und zwar zum zweiten Mal innerhalb von 8 Jahren, seit 2003 der iTunes Music Store eröffnet wurde. Wir sollen unsere Alben, Filme und Bücher nicht mehr durch eigenständiges Stöbern in irgendeinem Online-Store, sondern über die Nachrichtenströme unserer Freunde finden. Man kann sogar “mal ‘reinhören” und anderen als Entscheidungsgehilfe bei Neuanschaffungen zur Seite stehen.

Wie viel Social Sharing braucht die Welt?

Doch wollen die Menschen das wirklich? Sich ständig dazu äußern, was sie gerade sehen, hören oder lesen? Als hätten wir alle nichts besseres zu tun. Wer zückt wirklich während eines Films plötzlich das iPhone oder das iPad um die Begeisterung über die gerade gesehene Action-Szene der Welt mitzuteilen? Sicher, wenn das Ganze gerade neu und spannend ist, macht man das schonmal, nur “um zu schauen, ob es auch funktioniert”. Aber was ist mit der langfristigen Prognose – wie lange überlebt übermäßiges “Social Sharing” in der echten Welt?

Jeder Einzelne wird auf diese Weise zum Kurator und der scheinbare Filter, als der Konsumenten gerne füreinander herhalten müssen, wird plötzlich durch die Wahllosigkeit der Masse zu etwas, das eher an die große Schöpfkelle in der Kantine erinnert. Tellergericht: Wurstgulasch.

Kommt Ping 2.0?

Vielleicht hat man sich in Cupertino ja bereits Gedanken zu einem neuen, besser durchdachten Ping-Nachfolger gemacht, der Facebook und all seinen Partnerschaften kräftig einheizt. Vielleicht wird man uns sehr bald mit unheimlich einfacher Bedienung, eleganten Schaltern und einem Haufen Verknüpfungen zu iCloud-Funktionen wie Fotostream oder iTunes Match überraschen. Vielleicht aber auch nicht.

Die Visionäre am Infinite Loop Nr. 1 haben stets einen guten Blick für die Zukunft bewiesen. Das heißt nicht nur, dass sie aktuelle Trends weiter denken. Sie schaffen auch schlicht ihre eigenen Trends und kreieren die passenden Produkte. Wer dazu in der Lage ist, sollte auch fähig sein, die mittel- bis langfristige Bedeutung von Social-Sharing-Funktionen einschätzen zu können. Und vielleicht haben sich die Futuristen im Hause Apple gedacht: “Das hier sitzen wir einfach aus”.

iOS 5: Auf den Spuren des sozialen Netzwerks

Die nächste Produktvorstellung des Mac-Machers steht kurz bevor. Ob Facebooks “Fehdehandschuh des Medienkonsums” aufgenommen wurde, erfahren wir also eventuell schon bald. Immerhin entdeckten Entwickler in den Vorab-Versionen von iOS 5 bereits verräterische Einträge wie “Find my Friends”, die zumindest auf Funktionen à la Google Latitude hinweisen.

Hinweise gab es auch in einzelnen Patentanträgen des Unternehmens. Zudem gibt es in dem neuen mobilen Betriebssystem eine umfassende Twitter-Integration und auch Ping ist seit etwa einem Jahr mit dem Kurznachrichten-Dienst verwoben. Etwas Eigenes, ganz Neues, das den Namen soziales Netzwerk wirklich verdient, lässt Apple aber bisher vermissen.

Vielleicht in weiser Voraussicht.

Weitere Themen: Ping, Facebook

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