iPhone-AGB: BigBrotherAward 2011 für Apple

Rifkin Zaroc
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Big Brother, was war das noch? Ein internationales TV-Spektakel über Zwangsgemeinschaften im Container, eine Roman-Figur von George Orwell und ein Synonym für Überwachung und Datenmissbrauch im Informationszeitalter bieten sich an. Für letzteres wird jährlich der BigBrotherAward verliehen. Jetzt hat es Apple erwischt.

“Der BigBrotherAward 2011 in der Kategorie “Kommunikation“ geht an die Apple GmbH in München für die Geiselnahme ihrer Kunden mittels teurer Hardware und darauf folgende Erpressung, den firmeneigenen zweifelhaften Datenschutzbedingungen zuzustimmen”, heißt es in der Laudatio von Frank Rosengart und Andreas Bogk zur Verleihung. Die deutsche Apple-Vertretung erhält damit erstmals den Preis, mit dem die Szene der Schützer von Daten und Privatsphäre vor Missbrauch warnt. Es ist eine Art Negativ-Oscar, mit dem Fehlverhalten nicht prämiert, sondern angeprangert wird. Ziel ist, mit der dadurch erreichten Aufmerksamkeit über die Medien ein Umdenken bei den Preisträgern zu erreichen. Ob sich Apple und die anderen Kandidaten aber genügend schämen und einen anderen Weg einschlagen, bleibt zu bezweifeln.

Wie kommt nun Apple zu diesem unehrenwerten Preis? Es ist das iPhone, eines der populärsten und innovativsten Smartphones, das die Award-Geber gereizt hat. Allerdings haben nicht allein sie entschieden, denn sie wählen nur aus. Schon jetzt, kurz nach Veröffentlichung der Preisträger 2011, können bereits die Kandidaten für die BigBrotherAwards 2012 vorgeschlagen werden. Online, auf den Seiten des BigBrotherAwards.de. Offenbar haben trotz der großen Attraktivität des iPhone viele Nutzer es für den Award nominiert.

Und tatsächlich ist, gemessen am Komfort der Bedienung dieses Mini-Computers, die Aktivierung mit ziemlichen Aufwand verbunden. Wer es nicht nur zum Telefonieren will, sondern darauf Apps, Musik und Filme aus dem iTunes-Store verwenden will, muss eine Apple-ID eingeben oder ein Benutzerkonto für iTunes. Mit dieser darf der Nutzer noch das Kleingedruckte anerkennen. Umfang: 117 Seiten, lesbar auf dem dafür doch sehr kleinen Display. Hand aufs Herz: Wer macht das schon oder hat es gemacht, wenn er in langer Erwartung auf das iPhone einen Vertrag mit langer Laufzeit mit einem Telefonanbieter eingegangen ist oder mehrere hundert Euro dafür ausgegeben hat?

Dabei, und das ist die eigentliche Kritik des BigBrotherAward, ist gerade das Kapitel “Datenschutzrichtlinie” besonders lesenswert. “Dort erlaubt sich das Unternehmen, die Daten des Kunden mit „ verbundenen Unternehmen austauschen und sie nach Maßgabe dieser Datenschutzrichtlinie nutzen“, erläutern die Laudatoren. Es gehe eben nicht nur eine Kreditkartennummer, um eventuelle Kaufvorgänge von Musik abzuwickeln, sondern um “„ Daten wie namentlich Beruf, Sprache, Postleitzahl, Vorwahl, individuelle Geräteidentifizierungsmerkmale sowie Ort und Zeitzone, wo Apple Produkte verwendet werden“. Apple möchte damit „das Verhalten Kunden besser verstehen und Produkte, Dienste und Werbung verbessern“. Darüber hinaus kann Apple „präzise Standortdaten erheben, nutzen und weitergeben, einschließlich des geographischen Standorts Ihres Apple-Computers oder Geräts in Echtzeit.“

Will ein Unternehmen derartige Daten speichern, fordert das Bundesdatenschutzgesetz dafür eine ausdrückliche Einwilligung des Nutzers. “Ein einfaches „ich stimme zu“-Häkchen während des Update-Vorgangs des Telefons dürfte dafür nicht reichen, sagen die Datenschützer. Völlig unklar sei auch, wie man einen Widerspruch gegen die Datenweitergabe erklären kann. “Das Bundesdatenschutzgesetz sieht in §4a ausdrücklich eine Freiwilligkeit bei der Einwilligung vor. Wenn man sich vorstellt, dass man gerade ein Gerät für mehrere hundert Euro gekauft hat und dieses vielleicht gar nicht nutzen kann, wenn man mit den „Datenschutz“-Bedingungen nicht einverstanden ist, dann ist die Freiwilligkeit der Einwilligung sehr fraglich”, stellen sie fest.

Sicher ist, dass die meisten Käufer und Nutzer die Apple-Geschäftsbedingungen schlucken. Vielleicht mit einem Grummeln, aber nach einer Weile sind die Bedenken verflogen. Erinnert werden die Besorgten immer wieder daran, wenn sie bei den Updates von iTunes und Mac OS X aktualisierten Geschäftsbedingungen zustimmen – mit einem Klick.

Der FoeBud e.V., der Verein zur Förderung des bewegten und unbewegten Datenverkehrs, der den Preis in Deutschland seit 2000 ausrichtet, verweist darauf, dass andere Hersteller derartige Produkte ohne zwangsweise Einvernahme der Kundendaten anbieten. Es geht also, wenn man will. Doch bei Apple hat man als Kunde keine Wahl, “man ist gezwungen, Software über iTunes bzw. den AppStore zu installieren und damit dessen Bedingungen anzuerkennen. Friss oder stirb!”

Ähnlich wie es soziale Netzwerke tun, sei es offenbar Apples Firmenstrategie, möglichst viele Daten der Nutzer zu erfassen, um sie Werbepartnern für die zielgruppengerechte und standortbezogene Werbung auf dem Telefon anzeigen zu können. Wer ein iPhone erwirbt, hat noch lange nicht das Recht, über die weitere Nutzung seiner Daten mit zu entscheiden.

Und da sich offenbar bisher kaum Kunden bei Apple über diese Praxis beschweren, es zudem keine juristischen Klagen und Entscheidungen dazu gibt,  haben sich die Juroren für den BigBrotherAward an die Apple GmbH in München entschieden. Herzlichen Glückwunsch, Apple Deutschland!

Weitere Infos:
Die deutschen BigBrotherAwards
Die Preisträger 2011
Der BigBrotherAward bei Wikipedia
News zum BigBrotherAward 2011 für Apple
Datenschutz als Sicherheit vor Missbrauch
Apple beauftragt Profis für Lobbyismus in Washington
Mac App Store: Welche Daten sammelt Apple?
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