Patentstreit und kein Ende: Quo vadis, Apple?

Flavio Trillo
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Apple und diverse Hersteller von Android-Smartphones stehen sich vor Dutzenden Gerichten weltweit im Streit um Patente gegenüber. Die Klageschwemme scheint kein Ende zu nehmen. Da ist die Frage berechtigt: Welches Ziel verfolgt man wohl in Cupertino, wohin soll die Fahrt eigentlich gehen?

Patentstreit und kein Ende: Quo vadis, Apple?

Krieg oder Spiel?

„Patent war“ – Patentkrieg. So wird der anhaltende Disput häufig genannt. Die Metapher ist unvereinbar mit pazifistischen Gesinnungen, viel schöner ist da das Bild eines fairen, sportlichen Wettstreits. Doch leider gibt es ein paar Aspekte der Streitereien, die sich mit Fußball nicht darstellen lassen.

Während es im Spiel mit dem runden Ball und der Spielzeit von 90 Minuten nur drei denkbare Ergebnisse gibt – Sieg, Niederlage oder Unentschieden – sind im Patentstreit eine Reihe weiterer Varianten möglich. Einige davon zählt Chris Whitmore auf, seines Zeichens Analyst für die Deutsche Bank.

Wertsteigerung durch Marktübernahme

Laut CNN Money teilte er mit, dass man von vier möglichen Resultaten der Patentstreitigkeiten ausgeht:

  1. Außergerichtlicher Vergleich mit einer bestimmten Lizenzgebühr, die Android-Hersteller pro Gerät an Apple für die Nutzung seiner Technologien zahlen müssen.
  2. Eine teilweise Einschränkung der Funktionen des Android-Systems und die damit verbundene Übernahme von geschätzten 25 Prozent des Android-Marktanteils.
  3. Unentschieden (hier passt die Fußball-Analogie wieder).
  4. Apple verliert und muss seinerseits Schadensersatz oder Lizenzgebühren entrichten (ebenfalls Fußball-kompatibel).

Die Szenarien drei und vier halte Whitmore für relativ unwahrscheinlich. Er konzentriert seine Überlegungen daher auf die Folgen der ersten beiden Ergebnisse. Vor allem die Bedeutung für die Inhaber von AAPL-Papieren beschreibt er wie folgt:

 

In grün: Auf der linken Seite die vorhergesagten Einnahmen pro verkauftem Android-Smartphone (Lizenzgebühren), rechts der daraus angeblich resultierende Gewinn pro Aktie. In blau: Links der Gewinn pro verkauftem Gerät, sollte Apple 25 Prozent des Smartphone-Marktes von Android zurückgewinnen. Auf der rechten Seite der hieraus wiederum prognostizierte Kursgewinn für AAPL.

Zwar werde das zweitgenannte Szenario sei zwar erheblich weniger wahrscheinlich, verspreche dafür aber auch einen enormen Profit. Daher folgert der Analyst: „Wir glauben, Apple wird sich einen Vergleich teuer bezahlen lassen“. Wenn es also zu einem Lizenzierungsmodell kommen sollte, werde Apple die Gebühr so anzusetzen wissen, dass es sich für sie lohnt. Soweit, so einleuchtend.

Die Android-Steuer: Absolution für 10 US-Dollar?

Aber wie hoch ist diese Summe? Was muss Apple wirklich von den Herstellern pro verkauftem Android-Gerät verlangen, um sich die Chance entgehen lassen zu können, einen erheblichen Teil des Android-Marktes zu schlucken? Und sind mit diesen vier Varianten wirklich alle denkbaren Ergebnisse genannt?

Nein, findet zumindest der Patentrechtsexperte Florian Müller. Für ihn gibt es noch ein weiteres denkbares Ergebnis der unerbittlichen Streitereien. Vielleicht sind Apples Patente gar nicht stark genug, um Samsung, HTC und Co. die wichtigsten Funktionen ihrer Geräte tatsächlich zu verbieten. Vielleicht schaffen die Hersteller es, um die geschützten Technologien und Designs „herum-zu-entwickeln“. Möglich wäre dies, wenn grundlegende, von Apple geltend gemachte Patente nicht weit genug formuliert sind, um den gewünschten Schutzgrad zu erreichen. Beispiel: Das “Slide-To-Unlock”-Patent, das nach Müllers Meinung unter strategischen Gesichtspunkten sehr viel geschickter hätte ausgestaltet werden können.

Heraus kämen Android-Smartphones, die zwar ein paar „kleinere Extras“ vermissen ließen, grundsätzlich aber durchaus nutzbar und keinesfalls chancenlos wären. Den großen Vorteil für Apple stelle dabei die zurückgewonnene Originalität dar. Man könne sich wieder von der Masse abheben und sei nicht ständigen Nachahmungen ausgesetzt, so Müller.

Originalität als wertbildender Faktor

Das sei sehr viel mehr wert, als ein paar US-Dollar pro Gerät an Lizenzgebühren. Genau das gleiche gelte zudem für Modell eins – die „Android-Steuer“. Der Verlust vieler Millionen Kunden an das Android-Ökosystem wäre mit einem einmalig zu zahlenden Betrag je verkauftem Smartphone nicht aufzuwiegen. Darüber hinaus seien 10 US-Dollar pro Gerät zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr realistisch, dafür seien die Gerichtsverhandlungen bislang nicht ausreichend eindeutig zugunsten Apples verlaufen.

Der Konzern selbst hat dieses Argument bereits vor einem Gericht in Australien gebracht, als es um die einstweilige Verfügung gegen den Verkauf des Samsung Galaxy Tab ging. Sinngemäß hieß es da: „Jeder Android-Kunde ist verloren und eine Rückkehr zu iOS unwahrscheinlich“. Damit zeigt sich der unschätzbare Wert einer Bindung an iTunes und den App Store – die Folgeumsätze, die durch den Kauf eines iPhone oder iPad entstehen.

Neubau: Lizenzabteilung am Infinite Loop 1a

Im Übrigen ist es kaum vorstellbar, dass Apple im Sinne seines Mitbegründers Steve Jobs handelt, wenn es plötzlich groß ins Lizenzgeschäft einsteigt. Es ist bekannt, dass auch der Mac-Macher durchaus Gebühren für die eine oder andere Technologie erhält und zahlt. Doch die Bandbreite der nun weltweit in Rede stehenden Patente würde die Eröffnung einer ganz neuen Abteilung in Cupertino erfordern.

Neben der Horde Anwälte, die schon jetzt für die Verteidigung und Durchsetzung der Urheberrechte engagiert ist, wäre ein weiterer Stab von Mitarbeitern in einem neuen Gebäudeflügel am Infinite Loop 1 tagaus tagein damit beschäftigt, Apples Lizenznehmer zu verwalten.

Das hätte dann nur noch sehr entfernt etwas mit den Produkten zu tun, die man dort so liebt. Sollten die Streitigkeiten um Technologien und Rechte also überhaupt jemals ein Ende haben, ist eine Lösung nach dem Lizenz-Modell für die Aktionäre weniger profitabel als eine Blockade bestimmter essentieller Funktionen (sofern möglich) und die Übernahme des dadurch entstehenden Vakuums auf dem Smartphone-Markt durch iPhone und iPad.

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