Rauswurf von Forstall und Browett: Hintergründe zu Apples Entscheidung

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Es passiert sehr selten, dass Apple Mitglieder des eigenen Top-Managements entlässt. Gestern Abend gab das Unternehmen gleich zwei Rauswürfe bekannt – sowohl Scott Forstall als auch John Browett müssen gehen. Mittlerweile sind einige Details zu den Hintergründen durchgesickert – und auch eine E-Mail von Tim Cook an seine Mitarbeiter lässt tief blicken.

Tim Cooks Mail: Kein Dank für Browett

Der Apple-CEO Cook beginnt seine Mail ans “Team” mit einem Rückblick auf die kürzlich erfolgten Neuvorstellungen – es handle sich um “eine der produktivsten Perioden der Innovation und neuer Produkte in Apples Geschichte”. Die tollen, in den Monaten September und Oktober vorgestellten Produkte könnten nur von Apple stammen.

Im Anschluss gibt Cook die Änderungen in Apples Top-Management bekannt: Der Designer Jonathan Ive werde sich in Zukunft auch um den Bereich Human Interface kümmern, der Internet-Dienstleistungs- und -Software-Chef Eddy Cue wird auch für Siri und die iOS-Karten verantwortlich sein. Der erst kürzlich beförderte OS-X-Chef Craig Federighi übernimmt jetzt auch die Verantwortung fürs iOS. Ein weiterer Senior Vice President, Bob Mansfield, wird Leiter eines Teams namens “Technology” und kümmert sich dort um Drahtlos-Technologien.

Bob Mansfield hatte im Sommer eigentlich seinen Ruhestand angekündigt, im September ließ Apple dann verlauten, dass Mansfield bleibt – ohne dass er über einen genauen Zuständigkeitsbereich verfügte. Diesen hat er nun als Leiter der “neuen Gruppe”.

Scott Forstall werde Apple im nächsten Jahr verlassen und in der Übergangszeit als Berater für Cook arbeiten, so der Apple-CEO in seiner E-Mail: “Ich möchte Scott für alle seine vielen über seine Karriere verteilten Leistungen für Apple danken.” Bezeichnend ist, dass Cook für den bisherigen Retail-Chef keine warme Worte findet: “Außerdem verlässt John Browett Apple. Unsere Suche nach einem neuen Retail-Chef läuft bereits.” In der Zwischenzeit werde das Retail-Team ihm – Cook – direkt unterstehen.

Cook findet für Browett kein Wort des Dankes und lobt hingegen die Store-Mitarbeiter: “Dieses phänomenale Team aus talentierten und hingebungsvollen Menschen arbeitet sich die Seele aus dem Leib, um unsere Kunden glücklich zu machen. Sie haben unseren Respekt, unsere Bewunderung und unsere unverwüstliche Unterstützung.”

Browetts kurze Karriere bei Apple

Dabei war Browett erst Anfang diesen Jahres zu Apple gekommen, nachdem der bisherige Retail-Chef Ron Johnson das Unternehmen verlassen hatte, um CEO von JCPenney zu werden. Im Anschluss daran suchte Apple monatelang nach einem Nachfolger und sich überraschend für Browett entschieden, der zuvor Chef des britischen Elektro-Händlers Dixons war.

Zuletzt gab es aus Apples Retail-Sparte seltsame Neuigkeiten zu hören: Zunächst hieß es, dass Apple bei vielen Mitarbeitern die Arbeitszeiten gekürzt habe – was sich auch auf ihr Gehalt auswirkte. Viele Angestellte, die Apple erst kürzlich rekrutiert hatte, soll das Unternehmen sogar entlassen haben. Nur Tage später machte Apple diese Vorgänge rückgängig: Sie seien ein Fehler gewesen.

Das Ganze wirkte tatsächlich so, als laufe etwas schief in Apples Management. Der üblicherweise über Apple gut informierte Insider Jim Dalrymple von The Loop erklärte seinerzeit, dass Browett die Retail Stores wohl so gestalten wollte “wie jedes andere Geschäft der Welt”: Das Ganze rieche nach einem Mann, der versuche, sich einen Namen zu machen, “nicht nach jemandem, der das tut, was das Beste für Apple und – noch wichtiger – für die Kunden ist.” Es scheint, als habe das auch Tim Cook so gesehen.

Forstall: Karten-Desaster und Differenzen mit Kollegen

Scott Forstall war hingegen seit vielen Jahren bei Apple – der bisherige iOS-Software-Chef war einer der früheren NeXT-Mitarbeiter, der zusammen mit Steve Jobs’ Rückkehr nach Cupertino wechselte. Zuletzt war der langjährige Jobs-Vertraute aber in die Kritik geraten: Das Wirtschaftsmagazin Fortune sprach sogar von einem “Scott-Forstall-Problem”.

Forstall soll vor allem für das Dilemma um die iOS-6-Karten verantwortlich gewesen sein – als Bestandteil des iOS lagen sie in seinem Aufgabenbereich. Jedoch war es Tim Cook persönlich, der sich öffentlich über Apples Website dafür entschuldigte, ein wenig ausgereiftes Produkt auf den Markt gebracht zu haben.

Das Wall Street Journal – das üblicherweise über gute Einblicke in Apples Interna verfügt – will erfahren haben, dass ursprünglich Forstall die Entschuldigung unterschreiben sollte. Forstall habe sich aber dazu nicht bereit erklärt: Zwar meinte auch Forstall, dass sich Apple öffentlich erklären sollte, einer Entschuldigung wollte er aber nicht zustimmen. Damit wollte er die Angelegenheit ähnlich behandeln wie es Apple vor zwei Jahren mit den Empfangsproblemen des iPhone 4 tat. Cook wollte jedoch unbedingt eine Entschuldigung – und veröffentlichte den Text in seinem Namen.

Das dürfte das Klima im Apple-Management bereits getrübt haben. Jedoch gab es offenbar auch andere Aspekte, die für Forstalls Entlassung eine Rolle gespielt haben. Die New York Times berichtet, dass Forstall sich in Bereichen der Produktentwicklung einbringen wollte, die nicht seinem Aufgabenbereich entsprachen. Darüber hätten sich einige seiner Kollegen geärgert. Einem nicht namentlich genannten Apple-Manager zufolge sei die Nachricht seiner Entlassung intern positiv angekommen.

Ein Thema, das Apple-intern zu Unstimmigkeiten geführt haben soll, war Skeuomorphismus: Einige von Forstalls Kollegen – darunter auch Jonathan Ive – sollen wenig von der Design-Richtung gehalten zu haben, die Software wie physische Produkte aussehen ließ. Ein Beispiel ist das virtuelle “Leder” in der OS-X-Kalender-App oder das virtuelle Tonband der iOS-Podcast-App.

Forstall – wie übrigens auch Steve Jobs – soll ein Freund dieses Designs gewesen sein, viele seiner Kollegen hingegen nicht. Dass Jonathan Ive jetzt auch für den Bereich Human Interface zuständig sein wird, kommt wahrscheinlich nicht von ungefähr.

Der Insider John Gruber erinnert daran, dass Forstall eine besonders enge Beziehung zu Steve Jobs hatte. Er fragt sich, ob diese Nähe ihn zuvor vor Kritik oder entsprechenden Konsequenzen “geschützt” habe. Nach Jobs’ Tod und der Übernahme durch Tim Cook spielte dieser Aspekt jedenfalls keine Rolle mehr.

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Weitere Themen: Tim Cook, Scott Forstall, John Browett, iTunes Karte, iPhone 4s, Apple Lightning, iPhone 3GS, iPad Air, Fingerabdruckscanner, Apple


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