Warteschlangen als Strategie

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Eine alte Dame betritt zum ersten Mal einen Apple Store, um sich in Sachen Mac beraten zu lassen – bislang nutzte sie nur PCs. Sie findet eine enorme Warteschlange vor und stellt sich brav hinten an. Erst nach einer halben Stunde wird sie von einem Store-Mitarbeiter angesprochen, der sie darüber aufklärt, dass die Schlange nur für iPad-Interessenten gilt ...

Die Geschichte trug sich vor wenigen Tagen genau so im Pariser Apple Store des Carrousel du Louvre zu. Vermutlich hätte die potenzielle Kundin noch Stunden vergeblich angestanden, wäre sie nicht befreit worden. Sie meinte später, dass sie zuvor noch bei Fujitsu und Hewlett-Packard gewesen sei und auch dort aufgrund des Wochenendbetriebes viele Kunden anzutreffen waren – im Vergleich zu Apple wäre das jedoch gar nichts, das Unternehmen müsse wirklich enormen Erfolg haben.

Natürlich hatte die gute Dame das Pech, ausgerechnet am Tag des iPad-2-Verkaufsstarts im Apple Store zu landen, doch sind solche Schlangen bei Apple mittlerweile nichts Ungewöhnliches mehr – jedenfalls nicht, seit es iPhones und iPads gibt. Die Produktzyklen wiederholen sich zwar alljährlich und auch die Verkaufszahlen überschlagen sich jedes Jahr aufs Neue, der Hersteller scheint aber dennoch immer wieder von sich selbst überrascht zu sein, denn wie sonst ließe sich die enorme Nachfrage einerseits und der grundsätzliche Mangel andererseits erklären?

Die belgische Tageszeitung Le Soir erkennt in ihrer Analyse denn auch eher eine Strategie als einen überraschten Hersteller. Zu sehr häufen sich die ewig gleichen Phänomene. Auf zuvor bekannte Details aus Gerüchten folgten an bekannten Einführungsterminen im immer gleichen Rhythmus wiederholt ähnlich ablaufende Keynotes, die schließlich einen bestimmten Starttermin nennen würden. Das Ritual werde untermalt von Pressestimmen und zahlreichen Forendiskussionen unter Fans, die international unterschiedlichen Einführungstermine garantierten zudem eine länger anhaltende Begleitung durch die Medien. Die zur Verfügung stehende Menge an Geräten am Tag der Einführung stünde oft in keinem Zusammenhang mit der Nachfrage. Im Fall des iPhones kann sogar ein monatelanger Mangel an Verfügbarkeit konstatiert werden, manchmal dauert es ein Dreivierteljahr lang bis man einfach so in den Laden gehen und ein iPhone kaufen kann.

Alte Hasen folgten über die Jahre immer der bewährten Strategie, niemals die erste Generation eines Apple-Produktes zu kaufen. Dies scheint längst keine Gültigkeit mehr zu haben, denn sobald ein neues Apple-Produkt erhältlich ist, ist es auch schon ausverkauft – ironischerweise gilt dies nur für iPad und iPhone, nicht jedoch für den Mac. Die Zahl der Kinderkrankheiten mancher Geräte wird dabei gerne in Kauf genommen, besitzt man nur früh genug das neue Modell. Je später man es nämlich erwirbt, desto näher ist man schon wieder der nächsten Generation, die nur einen abermaligen Kaufanreiz darstellen würde. Also gilt unweigerlich die Devise, möglichst früh und blind zuzuschlagen.

Die Bilder von schlangestehenden Menschen in der ehemaligen Sowjetunion galten immer als das Sinnbild eines gescheiterten Systems schlechthin. Damals ging es vor allem um Grundnahrungsmittel, wohingegen es heute um Luxusgüter geht. Die endlos langen Warteschlangen vor einem Apple Store würde auch kaum jemand als Merkmal einer abgewirtschafteten Staatsform ausmachen, eher schon als den totalen Sieg des Kapitalismus – ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

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