Warum Apples langsamer Abstieg schlecht für Android ist [Analyse]

Kaan Gürayer
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Dunkle Wolken ziehen über Cupertino auf: Zum ersten mal seit 13 Jahren musste Apple vergangene Nacht einen Umsatzrückgang vermelden. Das iPhone, bestes Pferd im Stall, ist müde geworden und lahmt nur noch vor sich hin. Wie geht es mit Apple nun weiter? 

Warum Apples langsamer Abstieg schlecht für Android ist [Analyse]

Die miesen Quartalszahlen des iPhone-Herstellers sind natürlich nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte liest sich nämlich wie folgt: Jedes andere Unternehmen würde die Korken knallen lassen, wenn es in nur drei Monaten einen Umsatz von 50,6 Milliarden US-Dollar scheffeln würde und dabei einen Gewinn von 10,5 Milliarden US-Dollar macht. Alles ist relativ.

Aber Apple ist halt Apple – und wird, woran der Konzern nicht ganz unschuldig ist, mit anderen Maßstäben gemessen. Einen Nachruf auf den Apfel zu verfassen, wie es manch andere Kollegen bereits tun, wäre also eine Übertreibung sondergleichen. Apple liegt nicht auf der Intensivstation und wird nur noch von Geräten am Leben gehalten, sondern fällt allmählich von seinem Götter-Status auf das Niveau eines Normalsterblichen zurück.

The iPhone-Company

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Und dennoch: Wie konnte es soweit kommen? Die Antwort lässt sich in einem Wort zusammenfassen: iPhone. Am 9. Januar 2007 wurde das iPhone in Kalifornien der Weltöffentlichkeit zum ersten mal präsentiert und hat, das gebe selbst ich als passionierter Android-Nutzer zu, die Smartphone-Landschaft für immer verändert. Mehr noch: Mit dem iPhone wurde im Grunde das moderne Smartphone, das wir heute kennen und schätzen, erst erfunden.

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iPhone 7: Zusammenfassung der Gerüchte im Video

Über den einschlagenden Erfolg des iPhones müssen wir nicht sprechen – der ist hinlänglich bekannt. Doch genau hier liegt das Problem: Apple ist auf Gedeih und Verderb dem Erfolg des iPhones ausgeliefert. Zwei Drittel des Konzernumsatzes stammen aus dem Verkauf des Kult-Smartphones. Eigentlich müsste sich Apple in „The iPhone-Company“ umbenennen, denn kein anderes Gerät aus der großen Produktpalette des Konzerns kommt auch nur ansatzweise an die Verkaufszahlen des iPhones heran. Monokulturen allerdings, das wissen sowohl Landwirte als auch BWL-Studenten, sind ungesund und nur in den wenigsten Fällen auch auf Dauer erfolgreich – und es scheint, als hätten die Kunden bis auf weiteres genug vom iPhone-Menü.

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iPad Pro – nicht mehr als eine logische Weiterentwicklung

Das weiß natürlich auch Apple selbst – und versucht dementsprechend gegenzusteuern und sich weniger abhängig vom iPhone zu machen. Das iPad war ein erster Versuch, der in den Anfangsjahren auch sehr erfolgreich gewesen ist. Mittlerweile ist aber klar: Kunden kaufen sich nicht jedes Jahr ein neues Tablet, weshalb die iPad-Reihe zum achten Quartal in Folge sinkende Verkaufszahlen hinnehmen musste. Auch das im September 2015 vorgestellte iPad Pro konnte diesen Negativtrend nicht umkehren, im Gegenteil. Der Streichelrechner zeigt auf eindrückliche Art und Weise, woran es Apple seit dem Tod von Steve Jobs fehlt: einer großen Version. Das iPad Pro ist die logische Weiterentwicklung der bestehenden iPad-Reihe – mehr aber nicht.

Dabei hat sich Apple in der Vergangenheit immer dadurch ausgezeichnet, eine bestehende Kategorie nicht einfach weiterzuentwickeln, sondern radikal neu zu erfinden: Der iPod war eine radikale Neuerfindung bekannter MP3-Player, das iPhone hat das Smartphone revolutioniert und das iPad hat gezeigt, wie Touchscreen-Computer wirklich geschaffen sein müssen, um nach all den leeren Versprechungen der Industrie auch tatsächlich vom Kunden angenommen zu werden. Und was ist am iPad Pro radikal neu? Allerhöchstens der überteuerte Preis und die absurde Art, wie man den Apple Pencil auflädt.

Apple Watch: Ohne Alleinstellungsmerkmal

Apple Watch Artikelbild

Ungleich härter fällt die Kritik sogar aus, wenn man einen Blick auf die Apple Watch wirft. Vor ziemlich genau einem Jahr hat die erste Smartwatch aus Cupertino nach – keine Übertreibung – Jahren der Spekulationen endlich das Licht der Welt erblickt. Doch nicht einmal die härtesten Apple-Fans konnten sich ein gequältes Lächeln aufs Gesicht zaubern, als Apple-CEO Tim Cook auf der Bühne die Funktionen des Handgelenk-Computers zeigte. Waren iPod, iPhone und iPad noch Revolutionen und haben einen ganzen Markt von hinten aufgerollt, brachte die Apple Watch nicht ein einziges Alleinstellungsmerkmal mit. Alles, was sich mit einer Apple Watch anstellen lässt, kann auch eine Android Wear-Smartwatch erledigen – zu einem Bruchteil des Preises.

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Apple Watch Alternativen

Nicht einmal das User Interface, normalerweise eine Stärke von Apple, konnte durch eine einfache Bedienung überzeugen. Schlimmer noch: Im Gegensatz zu iOS, dessen grundlegende Funktionsweise selbst von Rentnern in wenigen Minuten verstanden wird, ist die Benutzeroberfläche der Apple Watch ein großes, verwirrendes Chaos – etwas, dass man von Apple eigentlich nicht gewohnt ist. Dass die Apple Watch das erste Produkt aus der jüngeren Geschichte des Konzerns ist, das komplett ohne Steve Jobs' Einfluss entwickelt wurde, merkt man der Smartwatch an jeder Ecke an.

Nach fünf Jahren am Apple-Steuer wird immer mehr deutlich, dass Tim Cook zwar ein hervorragender Manager ist, aber kein großer Visionär vom Formate eines Steve Jobs, der den Konzern zu neuen Höhen führen kann. Der 55-jährige ist die Angela Merkel der IT-Industrie: Immer nur kleine Trippelschritte, keine großen Sprünge nach vorne.

Auswirkungen auf Android

Wer sich jetzt augenrollend fragt, was zur Hölle das alles mit Android zu tun hat, verkennt Apples Bedeutung für die Technik-Welt. Dank seiner geschlossenen Ökosysteme kann das Unternehmen vorangehen und Neuerungen am Markt durchsetzen, an denen Konkurrenten in aller Regel scheitern. Wenn Apples Innovationskraft nachlässt, die sinkenden iPhone-Verkaufszahlen sind ein Indikator dafür, schadet es der gesamten Branche. Auch hier dient die Apple Watch wieder als Negativbeispiel: Bevor Apple den Markt betrat, hatten bereits Samsung, Motorola und andere Mitbewerber Smartwatches in den Handel gebracht – mit überschaubarem Erfolg. Die Hoffnung war, dass die Apple Watch durch eine sinnvolle Integration ins iOS- und Mac-Ökosystem zu einem echten „Game Changer“ wird und der Konkurrenz zeigt, wie die Smartwatch-Zukunft aussieht. Nichts davon ist geschehen.

Und selbstverständlich, auch wenn es eine ausgelutschte Phrase ist, belebt Konkurrenz das Geschäft. In der Vergangenheit haben sich Android und iOS zu neuen Spitzenleistungen getrieben, die am Ende Nutzern beider Systeme zugute gekommen sind. Hätte es diesen harten Wettbewerb nicht gegeben, wäre Android heute wohl auf dem Stand von Ice Cream Sandwich und iOS funktionstechnisch erst bei Version 5.

Auch aus Android-Sicht ist also zu hoffen, dass Apple alsbald wieder sein „Mojo“ wiederfindet.

Hinweis: Das war eine Bestandsaufnahme Apples aus Sicht eines Android-Nutzers. Wie der Konzern gegensteuern kann, um dem Abstieg entgegenzuwirken, wird Kollege Sven von GIGA APPLE morgen in einem ausführlichen Kommentar aufzeigen. 

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Weitere Themen: Apple Watch, Apple iPad Pro 12,9 Zoll, iOS, Android, Apple Watch Special Event 9. März 2015 – Liveblog, Apple Special Event Oktober 2014, iPhone X, iPhone 8, iPhone 7s, Apple

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