Mein erstes Mal – Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

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Mein erstes Mal war grauenhaft. Nein, wirklich – schlimmer hätte es kaum sein können. Alles fühlte sich irgendwie falsch an und ich schämte mich in Grund und Boden. Der pure Horror! Dabei sollte gerade dieser Moment ein ganz besonderer werden. Monate lang hatte ich mich auf ihn gefreut und nun, da dieser Augenblick endlich gekommen war, fiel meine Welt in sich zusammen. Alles nur, weil ich nicht warten konnte. Als ich die verbotene Frucht da unter dem Sofa erblickte, war es einfach um mich geschehen. Es gab kein Zurück mehr. Wie sie da lag, verführerisch, verheißungsvoll, alles andere als unschuldig. Ich konnte einfach nicht widerstehen, ich musste sie einfach berühren.

Mein erstes Mal – Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Ihr Name war Atari 2600 Junior und mein erstes Mal hatte ich mit „Defender“. Ich war elf Jahre alt und ja, hier geht es um Videogames, liebe Leser. Es geht um mein erstes Spiel. Meinen ersten Kontakt mit der wunderbaren Welt der Spiele. Und um Weihnachten, irgendwie…

Wie gesagt, mein erstes Mal war furchtbar. Meine Scham und das starke Bedürfnis, mich spektakulär in meine Umgebung zu erbrechen, rührten daher, dass es sich bei der Atari 2600 Konsole um ein Geschenk handelte. Ein Weihnachtsgeschenk meiner Eltern, um genau zu sein. Wenn es darum ging, Präsente vor den eigenen Kindern zu verstecken, hatten sich meine Eltern noch nie mit Ruhm bekleckert. Wobei es sicher auch nicht ganz einfach ist, einen originalgetreuen Modelleisenbahnnachbau der Hansestadt Bremen oder ein Pumuckl-Fahrrad vor einem offiziellen Mitglied des Diepholzer Pfadfinder-Vereins zu verstecken.

 

Für die Atari 2600 Junior hatten meine Eltern jedenfalls das Wohnzimmersofa als Versteck auserkoren. Clever. Ich fand die kleine Schwarze mit dem magischen Regenbogenmuster im Oktober des Jahres 1987. Drei Monate vor dem heiligen Abend.

Insert Coin my Ass!

Offenbar hatte die psychologische Kriegsführung, die ich gegen meine Eltern angewandt hatte (»Thorben hat aber auch schon eine«) sehr viel besser funktioniert, als zunächst angenommen. Da lag sie also nun, die komplett neu designte Junior Version, die Atari als Video-Computersystem für Spieler vermarktet hatte. »Die fantastische Welt voller Abenteuer liegt direkt in ihrem Wohnzimmer« lautete ein Werbeslogan aus dieser Zeit. Ich hätte es selbst nicht besser ausdrücken können. Was sich zuvor auf kostspielige Daddel-Intermezzos in muffigen Pommesbuden beschränkte, hielt mit der Junior erstmals zu einem wirklich fairen Preis Einzug in den Privathaushalt. Die Atari 2600 Junior war die erste echte Spielekonsole. Spielhallen-Klassiker wie „Breakout“, „Space Invaders“ oder „Pac-Man“ für den Heimgebrauch. Insert Coin my Ass! Mit dem Teil konnte man so lange spielen, wie man wollte.

Und ich wollte. Doch die Atari 2600 Junior stellte mich vor eine moralische Entscheidung. Sollte ich die liebevolle Aufmerksamkeit meiner Eltern ehren, indem ich das Objekt meiner Begierde noch weitere vier Monate unter dem Sofa auf das Christkind warten ließ, oder sollte ich den ethischen Apparat, der sich in den elf Jahren meines Lebens herausgebildet hatte, einfach über Bord werfen und meinem Spieltrieb erliegen. Der genaue Ablauf dieses inneren Dialogs ist nicht überliefert, fünf Minuten später war die Atari 2600 Junior jedenfalls fachgerecht an unseren Fernseher angeschlossen und der grelle Schriftzug von „Defender“ hüllte das zuvor abgedunkelte Wohnzimmer in ein wundervolles, verbotenes Licht. Ich war verloren. Videospiele sollten für immer ein Teil meines Lebens bleiben.

In den kommenden Wochen spielten sich im Wohnzimmer immer wieder die gleichen, seltsamen Manöver ab. Das Geräusch einer ins Schloss fallenden Tür gab den Startschuss. Meine Eltern waren nach dem Mittagessen wieder zur Arbeit aufgebrochen. Ich war allein. Mit einer Geschwindigkeit, die für menschliche Auge kaum erkennbar war, holte ich die bunte Box unter dem Sofa hervor, verkabelte die Konsole und zockte bis mir der Kopf dröhnte. „Defender“ gilt bis heute als eines der schwersten Spiele überhaupt. Ich hatte viel zu tun.

Defender war pures Adrenalin!

Auch wenn die Atari-Version nicht ganz so hart war wie das Spielhallen-Original von Eugene Jarvis, verlangte „Defender“ meinem jungfräulichen Gamer-Dasein doch alles ab. Der Shoot ´em up Side-Scroller versetzte seine Spieler in die Rolle eines Verteidigers der Erde. Gemeingefährliche Aliens waren auf unserem Planeten gelandet und hatten begonnen, unbescholtene Bürger für ihre finsteren Zwecke zu entführen. Der „Defender“ musste das verhindern. Wie geil!

Das Gameplay war simpel und effektiv. Einmal abgeschossene Raumschiffe ließen ihre menschliche Fracht fallen. Der „Defender“ musste sie fangen, bevor sie den Boden erreichten. Doch damit nicht genug: Die anspruchsvollen Entführungsopfer wollten zu allem Überfluss auch noch korrekt abgesetzt werden. Man musste verdammt schnell sein – alle zu retten war fast unmöglich.  Das Spiel war pures Adrenalin.

Der Winter kam und mit ihm der Tag des jüngsten Gerichts. Meine Euphorie war mittlerweile einem Gefühl latentem Unwohlseins gewichen. Die moralische Verwerflichkeit meines geheimen Hobbys hatte es mir verboten, mit anderen Menschen über mein dunkles Geheimnis zu sprechen. Ich war allein mit meiner Tat und würde ganz sicher auf ewig in der Hölle schmoren.

Als mir meine Mutter unter dem Tannenbaum dann das wahrscheinlich beste Geschenk aller Zeiten überreichte, ging alles ganz schnell. Ein Schwall aus jämmerlichem Geschluchze, unverständlichen Geständnisbrocken und zahlreichen Körperflüssigkeiten ergoss sich in das weihnachtliche Ambiente. Meine Eltern hatten die Nummer natürlich schon vor Wochen spitz bekommen und mich in meinem amoralischen Saft schmoren lassen. Eine Lebenslektion und eine Weihnachtsgans später war die Welt wieder in Ordnung. Das schlechte Gewissen war weg – meine Begeisterung für Games sollte bleiben. Ein bisschen haftet “Defender” auch heute noch der Reiz des Verbotenen an. Vielleicht wird es Zeit, die alte Atari mal wieder vom Dachboden zu holen.

 

Und euer erstes Mal? Wer kann sich noch an sein allererstes Game erinnern?  

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