Facebook Timeline - Zu verkaufen: die Geschichte deines Lebens

Tobias Heidemann
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Man braucht eine Weile bis man es versteht. Nicht etwa weil die Änderungen, die das umstrittene Wunderkind Mark Zuckerberg an Facebook vornehmen will, technisch kompliziert oder die vorgestellten Feature zu zahlreich wären – was der Konzern da mit den Nutzern seines sozialen Netzwerks vorhat, ist schlichtweg zu radikal, um es sofort verarbeiten zu können. Facebook wird sich in Zukunft nicht mehr mit unseren Vorlieben, unseren Fotos, unseren Freunden und Familien zufriedengeben. Zuckerberg will die komplette Geschichte unseres Lebens an die Werbeindustrie verkaufen.

Facebook Timeline - Zu verkaufen: die Geschichte deines Lebens

Die geplanten Änderungen an Facebook, die CEO Mark Zuckerberg auf der diesjährigen f8 Entwicklerkonferenz vorstellte, erzeugten im Publikum seltsame Reaktionen. Der Jubel war da, doch Aufmerksame lasen hier und da auch ein gewisses Zögern in den Gesichtern. Nicht nur die Menschen im Saal taten sich mit der Euphorie etwas schwer. Auch die über 100.000 User vor den Bildschirmen brauchten eine Weile, bis sie die vorgestellten Neuheiten mit klaren Meinungen kommentierten.

Irgendwo zwischen den Informationen zur Musik-Offensive und dem leidlich komischen Auftritt vom Comedian Andy Samberg war das unauffällige Wort Timeline gefallen. Der Begriff umschreibt die geplante Neugestaltung der Profilseiten auf Facebook. Das klingt erst mal nicht sonderlich kontrovers oder aufregend. In den vergangenen Jahren haben Zuckerberg und die Seinen schließlich immer wieder mal an unserer Pinnwand herumgebastelt. Manchmal mit ganz großem Tamtam – manchmal still und heimlich, um die Datenschützer nicht sofort auf den Plan zu rufen.

Zuckerberg will uns ganz und gar

Doch dieses Mal ist alles anders. Der Konzern plant nicht einfach zusätzliche Informationen aus dem Leben der Facebook-User abzubilden – er will das ganze Leben, die gesamte Palette des Daseins, von Beginn an, ohne Lücken – einfach alles.

Die Zeitlinie (engl.: Timeline) beginnt bei der Geburt und soll die wichtigsten Stationen eines Lebens multimedial und möglichst lückenlos dokumentieren. Zuckerbergs Facebook-Leben beginnt zum Beispiel mit einem Babyfoto von ihm und führt seine Betrachter über die wichtigsten (und unwichtigsten) Station seines Lebens in die Milliardenschwere Gegenwart des Konzernchefs. “Keine Aktivität ist zu groß oder zu klein, um sie zu teilen”, sagt Zuckerberg und will “die ganze Geschichte eines Lebens auf einer einzigen Seite” komprimieren. Hinter “dieser neuen Art und Weise sich zu präsentieren”, so Zuckerberg, steckt nichts weniger als die bisher größte Monetarisierungsoffensive der Internetgeschichte.

Filme, Kochrezepte, Songs, Partys, Jogging-Tagebücher, Bücher, besuchte Geschäfte, Restaurants und Clubs – Facebook wird die gesamte Konsumwelt seiner Nutzer mit einem bisher unbekannten Detailreichtum abbilden. Das erklärte Ziel des Unternehmens ist die in der Theorie als “Lifestream” bekannte Dokumentation aller Aktivitäten eines Menschen auf der neuen Facebook-Timline.

Dein Leben als Stream


Bisher war es vor allem Künstlern und digitalen Exhibitionisten vorbehalten, im Internet den totalen Seelenstriptease zu vollziehen. Doch dank des 2010 vorgestellten Open-Graph-Protokolls – zuständig für das weitgehend automatisierte Posten von Aktivitäten ohne Klick auf Like- oder Share-Buttons – wird aus der unheimlichen Zukunftsmusik für 800 Millionen Facebook-Nutzer nun der schrille Sound der Gegenwart. Facebook wird dem Freundeskreis in Zukunft automatisch mitteilen, welche Musik ich gerade höre, welchen Film ich mir gerade ausgeliehen habe und welchen Artikel ich in diesem Moment lese. Ein Tickerfenster wird all diese Informationen als Datenstream meines Lebens in Echtzeit abbilden. Dein Alltag als RSS-Feed.

Ende der Privatsphäre

Soziales Netzwerk war gestern – Facebook will das Nervensystem des Konsums werden. Man muss kein Ökonom sein, um zu verstehen, wie viel 800 Millionen “Lifestreams” der Industrie wert sind. Mit diesem Vorstoß dürfte Facebook dem großen Konkurrenten Google+ davon galoppieren. Das einzige was dagegen spricht, dass sich das Unternehmen als die endgültige Konsumsphäre der Internet-Comunity etabliert, ist der Widerstand der Datenschützer und Aktivisten. Das “Ende der Privatsphäre” wurde von kritischen Beobachtern bereits ausgerufen; nun bleibt abzuwarten, wie der Rest der Netzwelt auf die Timeline reagiert.

Weitere Themen: Facebook Lite, Facebook

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