Arbeitsbedingungen bei Foxconn: Erneute Vorwürfe an Apple

Flavio Trillo
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Der Bedarf an iPad, iPhone und Co. ist nach wie vor groß. Apple bemüht sich zwar, der Nachfrage nachzukommen, doch ist der Markt noch lange nicht gesättigt. Ein Bericht zweier Nichtregierungsorganisationen über die Arbeitsbedingungen bei Elektronikherstellern in China beschuldigt nun Foxconn erneut, im Zuge der stetig steigenden Nachfrage die Rechte seiner Arbeiter zu vernachlässigen.

Nach einer Reihe von Selbstmorden, die zum Teil mit den Gängelungen der Angestellten in Verbindung gebracht wurden, ist Foxconn und damit Apple nun erneut in den Schlagzeilen. Der britischen Guardian beruft sich auf Interviews, durchgeführt vom Center for Research on Multinational Corporations (SOMO) und Scholars Against Corporate Misbehaviour (SACOM). Arbeiter der Fabrik in Shenzen und Chengdu, China, berichten von ihrem Alltag, der aus der Herstellung der allseits beliebten Smartphones und Tablets von Apple besteht.

Eigentlich dürfen höchstens 36 Überstunden pro Monat abgeleistet werden und eigentlich sollen die Angestellten nach 6 Tagen Arbeit einen Tag frei haben. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus: Lohnabrechnungen lassen bis zu 96 Überstunden innerhalb eines einzigen Monats erkennen und ein Arbeiter gibt an, man habe ihn dazu genötigt, 13 Tage am Stück durchzuarbeiten, um den Bedarf an iPads der ersten Generation zu decken.

Allerdings seien nicht nur die Bedingungen direkt am Arbeitsplatz unerträglich. Auch die Unterbringung lasse zu wünschen übrig, so der Bericht. Mit 23 Kollegen hausen die Fabrikarbeiter in einem Schlafsaal und müssen öffentliche Strafen ertragen, wenn sie es wagen, unberechtigterweise einen Haartrockner zu benutzen.

Die Menschen, die bei Foxconn Elektronik-Geräte zusammenschrauben, kommen häufig aus einfachen Verhältnissen und versuchen, durch die Arbeit in Shenzen oder Chengdu die daheimgebliebene Familie durchzubringen. Dafür nehmen die Mitarbeiter einiges in Kauf, sogar regelmäßig zwischen 60 und 80 Überstunden im Monat. Auch stundenlanges Stehen ohne Unterbrechung, Durcharbeiten in Mittagspausen zur Erreichung gesteckter Produktionsziele und das Verbot, laut zu lachen oder gar zu sprechen werden ertragen, wenn damit nur der dringend benötigte Verdienst einhergeht.

Wer nicht spurt, wird vom Vorgesetzten öffentlich bloß gestellt und muss vor den Kollegen wie am Pranger still stehen. Diese entwürdigenden Maßnahmen erhöhen den Druck und, so die Vorstellung der Chefetage bei Foxconn, auch die Produktivität. Als vor einigen Monaten die Selbsttötungen unter den Arbeitern für schlechte Presse sorgten, holte man dem Bericht zufolge Mönche nach Shenzen, um die bösen Geister auszutreiben. Falls diese darauf nicht reagieren sollten, mussten die Angestellten zusätzlich einen Schrieb unterzeichnen, der sie verpflichtete, ihr Leben zu achten und sie darauf hinwies, dass ihre Familien im Suizidfall keine größeren Ersatzsummen erhielten.

Angesprochen auf die Vorwürfe, widerspricht Louis Woo, ein Sprecher des Unternehmens. Bezüglich des Umgangs mit Angestellten, die das Soll nicht erfüllten sagte er: “Wir befürworten oder unterstützen das nicht. Allerdings kann ich im Lichte der kulturellen Vielfalt in unserer großen Belegschaft nicht ausschließen, dass diese Dinge geschehen.” Man arbeite jedoch daran, die Zustände zu ändern. Gleichzeitig wird nicht abgestritten, dass die Gesetze zur Regelung von Überstunden gebrochen werden, all das passiere jedoch freiwillig, so Foxconn.

Zu Beginn dieses Jahres besuchte der ehemalige Gizmodo-Chefredakteur die Fertigungsstätte in Shenzen. Er war erstaunt über die vielen Netze, die an den Gebäuden des Fabrikgeländes angebracht waren. Sie seien Woo zufolge von Psychologen und “Suizid-Vorbeugungsexperten” empfohlen worden. Die Idee mit dem Gelöbnis, das eigene Leben zu wahren, sei dagegen von der Gewerkschaft gekommen.

Auch damit setzt sich der Bericht kritisch auseinander und merkt an, dass in China der Begriff “Gewerkschaft” anders zu verstehen ist, als hierzulande. Dort gehören solche Organisationen nicht den Arbeitern, sondern werden von der Regierung gelenkt, was ihnen weit weniger Legitimation verschafft und ihre Bemühungen für die Arbeitnehmer in ein ganz anderes Licht rückt.

Apple rühmt sich damit, von seinen Zulieferern hohe Standards in den Bereichen Arbeitssicherheit und Rechte der Arbeitnehmer zu fordern. Immer wieder tauchen aber derartige Berichte von unabhängigen Stellen auf, die schwere Übertretungen solcher Regelungen aufzeigen. Sicherlich gelten in China andere Arbeitsbedingungen als üblich und Foxconn mag sich in weiten Teilen im Rahmen der dort geltenden Rechte bewegen. Wenn sich Apple jedoch mit vielen bunten Grafiken und hehren Zielen verpflichtet, die Bedingungen derjenigen Angestellten zu kontrollieren, die solch erfolgreiche Massenphänomene wie das iPhone fertigen, müssen solche Verstöße auch entsprechend geahndet werden.

Leider wäre die einzig wirksame Maßnahme, Foxconn die Aufträge für iPad und iPhone zu entziehen. Doch sowohl Apple als auch der chinesische Konzern wissen genau, dass es dazu nicht kommen wird. Börsenkurse, Lieferversprechen, Nachfrage – all das deutet auf eine Fortführung der schicksalhaften Zusammenarbeit, in der immer mehr Geräte gefordert, immer höhere Produktionsvolumina ermöglicht werden.

Derweil stehen die Menschen in Shenzen weiterhin täglich um 6:30 Uhr auf, um bis um 20:30 Uhr zu arbeiten und anschließend völlig erschöpft in ihre Hochbetten zu fallen – bereit, auch am nächsten Tag wieder gerade genug Geld zu verdienen, um sich und ihre Familien zu ernähren.

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